Die geplante Rückkehr zu 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Gerichte in der Gastronomie sieht die Branchensprecherin im Landkreis Ebersberg als gefährlich – und nicht das einzige, was die Branche unter Druck setzt.
Landkreis – Eine Gnadenfrist für die Gastronomie läuft zum Jahresende aus: Fasst der Bundestag keinen gegenteiligen Beschluss, steigt die Mehrwertsteuer auf Speisen von sieben zurück auf 19 Prozent. Die Senkung war als vorübergehende Entlastung in der Corona-Pandemie gedacht. Doch Anita Stocker, Inhaberin des gleichnamigen Gasthofs in Landsham (Gemeinde Pliening) und Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga im Landkreis Ebersberg, warnt vor drohenden Preiserhöhungen und Gastro-Sterben.
– Frau Stocker, falls die Mehrwertsteuer auf Speisen wieder zurück auf 19 Prozent steigt: Was bedeutet das für Ihren eigenen Betrieb?
Dass ich an die Endkunden eine Preissteigerung von mindestens zwölf Prozent weitergeben muss. Im Schnitt werden es in der Branche eher 15 Prozent sein, weil wir einen Puffer einbauen müssen. Dann kostet mein Schweinsbraten nicht mehr 15,90 Euro, sondern 18,20 Euro.
– Wofür der Puffer?
Viele in unserer Branche mussten Corona-Hilfen zurückbezahlen und Kredite aufnehmen, um diese schwierigen Jahre mit Pandemie und Energiekrise zu überbrücken. Außerdem steigt der Mindestlohn ab Januar, das heißt, wir bezahlen einen höheren Stundensatz.
„Wenn ich meine Preise beibehalte, muss ich den Leuten einen kleineren Schweinsbraten oder ein kleineres Schnitzel hinstellen.“
Anita Stocker, Dehoga-Chefin im Landkreis Ebersberg.
– Dafür sind Strom und Gas wieder billiger geworden.
Vorübergehend, mag sein. Aber auch hier steigt nach aktuellem Stand der Mehrwertsteuersatz von 7 zurück auf 19 Prozent. Wenn ich meine Preise beibehalte, muss ich den Leuten einen kleineren Schweinsbraten oder ein kleineres Schnitzel hinstellen. Die Gäste sind lieber bereit, mehr zu zahlen. Sie wollen ja satt werden. Aber ich rechne damit, dass die Leute dafür seltener essen gehen. 50 Prozent Umsatzeinbruch halte ich für realistisch.
Bei Anita Stocker klingelt während des Telefonats mit der Redaktion ein zweites Telefon. Sie muss rangehen: die Weißbier-Bestellung für die kommende Woche. Es ist Vormittag, sie ist seit halb 5 Uhr für die Hausgäste auf den Beinen und allein für Verwaltung und Rezeption zuständig, erzählt sie.
Tschuldigung! Jetzt kann’s weitergehen mit dem Interview.
– Kein Problem. Ist das der Personalmangel?
Naja, die Hauptarbeit bleibt einem ja immer selber. Eine zusätzliche Bedienung könnte ich aber gut gebrauchen, um den Gästen mehr Öffnungszeiten anzubieten. Und momentan sind zwei Veranstaltungen diesen Monat in der Schwebe, weil ich niemanden zum Bedienen finde.
Wirtin aus Landsham: Ein guter Sommer, maue Übernachtungszahlen und Ärger übers Bürgergeld
– Wie geht es der Branche sonst?
Soweit gut. Die Biergärten im Sommer waren voll, die Zahlen zufriedenstellend. Der Gesamtumsatz im 1. Quartal war aber immer noch zwölf Prozent unter Vor-Corona-Niveau. Und das bayerische Hotelgewerbe kommt nicht über 51 Prozent Gesamtauslastung hinaus – vor Corona waren es knapp 70 Prozent. Und das Bürgergeld kommt uns massiv in die Quere.
– Das Bürgergeld? Wieso?
Das Bürgergeld ist zu hoch. Es ist eine Einladung zum Nichtstun! Meine Kollegen berichten mir von solchen Fällen. Auch ich habe bei mir im Haus erlebt, dass jemand lieber Bürgergeld kassiert, als zu arbeiten. Für unsere Branche ist das Gift, so haben wir viel Personal verloren. Höhere Löhne müssen wir an den Endkunden weitergeben.
– Glauben Sie, dass die Rückkehr zu den 19 Prozent Mehrwertsteuer noch zu stoppen ist?
Eher nicht, fürchte ich. Die Gastronomie wird immer noch von vielen belächelt. Und Bayern hat derzeit keinen Minister in Berlin – was Söder und Aiwanger hier reden und machen, richtet dort wenig aus. Obwohl die alle von uns Bayern leben – Stichwort Länderfinanzausgleich.
Ich fürchte, dass in unserem Land zu sehr auf die Grünen gehört wird. Das ist unser Untergang.
Anita Stocker, Dehoga-Chefin im Landkreis Ebersberg.
– Aber betroffen ist doch die Gastronomie bundesweit.
Ja, nur haben die Grünen in Berlin ganz klar die 19 Prozent auf der Agenda, wegen der Steuereinnahmen. Und ich fürchte, dass in unserem Land zu sehr auf die Grünen gehört wird. Das ist unser Untergang.
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– Das Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW kalkuliert, dass die gezielt für Ihre Branche gesenkte Mehrwertsteuer den Steuerzahler im Jahr drei Milliarden Euro kostet, Tendenz steigend. Das ZEW rät zu einer Rückkehr zu 19 Prozent, weil sonst im kommenden Jahrzehnt 38 Milliarden Euro Gesamtkosten auflaufen.
Dem muss ich klar widersprechen. 23 von 27 EU-Staaten haben einen reduzierten Satz für die Gastronomie. Wenn es die anderen kapiert haben, sollte man das doch bitte vereinheitlichen, sonst sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig. In unserer Branche ist das Klima rauer als anderswo – und es hängen wahnsinnig viele Arbeitsplätze und damit Steueraufkommen dran. Ganz zu schweigen von der Lebensqualität gerade auf dem Land.
Rücknahme der Mehrwertsteuer-Senkung: Furcht vor schleichendem Wirtesterben
– Was passiert in der gastronomischen Landschaft im Kreis Ebersberg, wenn die Rückkehr zur 19 kommt?
Bisher hat mir noch keiner gesagt, dass er dann sofort zumacht. Das wird schleichend passieren. Die Betriebe müssen Personalkosten einsparen, das Angebot reduzieren. Viele haben sich spezialisiert. Eine Freundin von mir macht zum Beispiel nur noch Catering. Die Spezialisierung rettet uns.
– Macht Ihnen Ihr Beruf überhaupt noch Spaß?
Ja. Es ist die schönste Branche der Welt. Aber zurzeit hat es einen faden Beigeschmack.
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