Skimpflation im Supermarkt

Warum Lebensmittel schlechter und teurer werden

17.10.2023
Lesedauer: 4 Minuten
Mit veränderten Rezepturen für Lebensmittel sparen Hersteller viel Geld. (Foto: Martin Wagner/Imago)

Weniger Spinat, weniger Marzipan und keine Sahne mehr: Hersteller verändern klammheimlich die Rezepturen von Lebensmitteln – und sparen so viel Geld auf dem Rücken der Verbraucher.

Shrinkflation kannten die Kundinnen und Kunden im Supermarkt schon: Geschrumpfte, kleinere Verpackungen mit weniger Inhalt zum gleichen oder sogar höheren Preis. Aber das ist nur eine Methode von Lebensmittelherstellern, die Preise zu erhöhen. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat nun einen weiteren Trick ausgemacht: Hersteller und Händler behalten die Menge bei, verändern aber still und leise die Rezepturen einzelner Lebensmittel. Sie mischen ihnen günstigere und oft qualitativ schlechtere Zutaten bei. Wenn der Preis dann für das Produkt der gleiche bleibt, können sie eine Menge Geld sparen.

Skimpflation nennt sich dieses Phänomen. Skimp ist Englisch und bedeutet so viel wie „knausern“ oder „sparen“, und zwar an der Qualität. Verbraucherschützer Armin Valet nennt einige konkrete Beispiele dafür, die auch auf der Website der Verbraucherzentrale aufgeführt sind. So habe der Hersteller Arla den Anteil an Butter und Rapsöl bei seinem Mischstreichfett Kærgården reduziert und durch mehr Wasser ersetzt. Das Streichfett „Streichzart“ von Upfield enthalte sogar knapp 80 Prozent Wasser, sei aber, bezogen auf den Fettanteil, teurer als Butter.

Für besonders dreist hält Valet das Vorgehen von Aldi Nord. Der Discounter mische seiner selbst hergestellten Schokolade Amandes der Eigenmarke Moser Roth weniger Marzipan bei. Der Anteil sei von 45 auf 38 Prozent schrumpft. Der Discounter weist, wie die anderen Unternehmen, die Vorwürfe zurück. Die Qualität sei nicht gesunken, heißt es. Den Verbraucherschützern fiel jedoch noch etwas anderes auf: Auf der Kaffee-Verpackung der Aldi-Eigenmarke Markus Kaffee Gold verschwand der Schriftzug „100 % Arabica“. Valet vermutet, dass Arabica durch die günstigere Kaffeebohnensorte Robusta ersetzt worden sein könnte.

Für Verbraucher ist es kaum zu erkennen, wenn sich Rezepturen verschlechtern

Im Rahmspinat von Penny findet sich deutlich weniger Spinat, dafür mehr Wasser und etwas mehr Sahne. Spinat sei hier allerdings die teuerste Zutat. Adelholzener verringerte in seiner Schorle den Apfelsaftanteil etwas. Und Edeka ersetzte bei dem Vanille-Eis der Eigenmarke Gut & Günstig die Schlagsahne komplett durch Kokosfett. Seitdem heißt das Eis nur noch „Eis“ und nicht mehr „Eiscreme“, weil der Begriff geschützt ist. Nestlé wiederum verwende bei den Frühstückscerealien Cini Minis weiter Palmöl statt Sonnenblumenöl. Dabei sei letzteres wieder in ausreichenden Mengen zu Preisen wie vor dem Krieg in der Ukraine am Weltmarkt erhältlich. Zum Nachteil der Kinder, für die die Frühstücksflocken gemacht sind. Denn Sonnenblumenöl habe mehr gesundheitsförderliche ungesättigte Fettsäuren. Die Liste ließe sich verlängern.

Für Verbraucher sei kaum zu erkennen, wenn sich Rezepturen verschlechterten, bemängeln die Verbraucherschützer. Dafür müssten sie das Kleingedruckte der Zutatenliste einer alten Verpackung mit dem einer neuen vergleichen. Kaum machbar. In manchen Fällen seien Hinweise auf der Verpackung wie „Neue Rezeptur“ oder „Verbesserte Rezeptur“ ein Indiz für Skimpflation. Die Hersteller seien allerdings oft um keine Ausrede verlegen. Meist verwiesen sie darauf, auf die „Wünsche“ von Verbraucherinnen und Verbrauchern einzugehen.

Die Möglichkeiten, gegen Skimpflation vorzugehen, sind begrenzt

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert laut der Nachrichtenagentur dpa, dass Hersteller und Händler transparent über Rezeptur-Änderungen informieren sollten. Falls sie minderwertige Zutaten verwenden, sollten sie zudem den Preis senken. Es könne nicht sein, dass die Verbraucher für schlechtere Qualität mehr bezahlen und die Unternehmen zusätzlich verdienten.

Die Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, seien jedoch begrenzt. Hersteller müssten die Zutatenlisten bei Rezepturänderungen zwar anpassen, aber nicht konkret benennen, was geändert worden sei. Zwar müsse in manchen Fällen die Produktbezeichnung geändert werden. Margarine heiße dann beispielsweise „Streichfett“, weil sie nicht mehr genügend Fett enthält. Doch damit hätten die Hersteller die Vorgaben schon erfüllt. Weil sie nicht verpflichtet seien, Rezepturänderungen zu kennzeichnen, gebe es wohl mehr davon als bekannt sei, vermutet Valet.

Auch Lebensmittelkontrolleure machen nicht viel Hoffnung auf Besserung. „Wir können nur tätig werden, wenn Verstöße durch Irreführung und Täuschung offensichtlich vermutet werden“, zitiert die dpa Maik Maschke, den Vorsitzenden des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure Deutschland. Häufig erfahre man nur durch Dritte, wenn sich Verbraucher aufregten. Zudem gehe es bei der Lebensmittelüberwachung nie um Preise, sondern immer nur um eine korrekte Kennzeichnung und korrekte Mengenangaben. Zudem sei es „nicht unüblich, dass Lebensmittelhersteller die Rezeptur ändern“, so Maschke. Die Änderungen könnten auch an gekappten Lieferketten und knappen Lebensmitteln liegen, etwa wegen des Ukraine-Kriegs oder der Corona-Pandemie. Ob davon allerdings auch Zutaten wie Apfelsaft und Sahne betroffen waren, ist die Frage.

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