Der ADAC hat die Lage der Mobilität im Land untersuchen lassen. Der überraschende Schluss: Nachhaltigkeit lässt sich nur mit Verhaltensänderungen der Bürger erreichen. Daran zeigt sich auch, wie sehr der neue ADAC-Chef den größten Verein Deutschlands umgekrempelt hat.
Der Automobilclub ADAC spricht sich für den Ausbau von Radwegen und öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Ausgehend von einem eigens entwickelten Mobilitätsindex fordert Deutschlands größter Verein mehr Dynamik „in Richtung nachhaltiger Mobilität“. Dazu müssten auch Verbraucher durch Verhaltensänderungen beitragen.
„Mit nachhaltiger Mobilität lassen sich die Lebensqualität der Menschen und die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen verbessern“, sagte Gerhard Hillebrand, im Präsidium des Clubs für Verkehr zuständig. Der Index zeige aber, dass sich das Verkehrssystem viel zu langsam verändere.
„Die Verbraucher müssen ihr Mobilitätsverhalten ändern, sie müssen dazu aber auch in der Lage sein. Ohne einen schnelleren Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der Ladeinfrastruktur oder von Radwegen wird dies nicht gelingen“, sagte Hillebrand.
Die für einen Autofahrer-Verein erstaunlichen Aussagen basieren auf einer umfangreichen Studie des Schweizer Beratungsunternehmens Prognos im Auftrag des ADAC. Darin haben die Analysten aus 39 verschiedenen Indikatoren aus dem Bereich Verkehr einen Index errechnet.
Ähnlich wie ein Wohlstandsindikator soll er anzeigen, wie gut es um die Mobilität der Deutschen bestellt ist. Die wesentlichen Dimensionen sind dabei Verkehrssicherheit, Umwelt, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Bezahlbarkeit. Wie die statistischen Daten, auf denen die Berechnung beruht, teilweise erst mit großer Verzögerung verfügbar sind, bezieht sich der Index leider auf das Jahr 2019.
Aussagen zum stark veränderten Verkehrsverhalten in den Corona-Jahren sind daher nicht möglich, auch die Effekte des aktuellen Energiepreisanstiegs und der steigenden Preise für CO2-Emissionen sind in die Berechnung nicht eingeflossen.
Stattdessen können die Analysten aufzeigen, wie sich die Mobilität der Deutschen zwischen 2015 und 2019 verändert hat. Von den fünf Dimensionen des Index zeigen dabei nur zwei deutliche Veränderungen auf: Den größten Fortschritt verzeichnet der Bereich Umwelt. Hier spielen die Auswirkungen der Diesel-Krise und die folgende Diskussion um Stickoxid- und Feinstaubbelastung in den Städten offensichtlich eine Rolle.
„Vor allem Luftschadstoffe und Lärmbelastungen konnten reduziert werden, während die Treibhausgas-Emissionen nicht gemindert wurden“, heißt es in der Studie. Wie das Umwelt-Bundesamt kürzlich berichtete, hat sich dieser Trend in den vergangenen Jahren fortgesetzt. Die Feinstaubbelastung aus dem Verkehr liegt inzwischen überall unter den gesetzlichen Grenzwerten und auch Stickoxide werden nur noch vereinzelt in zu hoher Konzentration gemessen.
Drastisch verschlechtert hat sich die Situation dem Index zufolge im Bereich Zuverlässigkeit. „Straßenstaus sowie Verspätungen und Ausfälle auf der Schiene führen dazu, dass der Teilindex auf 83 abfällt“, schreiben die Analysten.
Ausgangswert im Jahr 2015 waren 100 Punkte. Auch diese Entwicklung dürfte sich in der Corona-Zeit fortgesetzt haben, denn der enorme Investitionsstau im Verkehrsnetz ist längst nicht abgebaut. Das kann jeder Auto- und Bahnfahrer bestätigen, der dank maroder Brücken, Schlaglöcher oder veralteter Stellwerke erst mit Verspätung am Ziel ankommt.
Laut ADAC zeigen die Ergebnisse einen „enormen Handlungsdruck“. Es müsse gelingen „Mobilität weiterhin zu ermöglichen und gleichzeitig die großen gesellschaftlichen Ziele zu erreichen“, sagte Präsident Hillebrand. Die Verbraucher müssten sich dem Club zufolge auf Veränderungen einlassen und neuartige, nachhaltige Verkehrsangebote erproben.
Technischer Fortschritt, etwa die Elektromobilität, allein werde weder die Herausforderungen im Klimaschutz noch die Verkehrsüberlastung der Innenstädte lösen. „Der Mobilitätswandel erfordert Verhaltensänderungen, die über alternative Antriebe im Pkw hinausgehen“, fordert der ADAC.
Dabei sehe man Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen „stärker in der Verantwortung“, weil sie ein höheres Mobilitätsniveau haben. Sie sollten Vorreiter für nachhaltige Mobilität sein und neuen Entwicklungen Durchbruch verhelfen.
Wie diese nachhaltige Mobilität aussehen soll, skizzieren die Experten des Autoclubs zusammen mit Prognos ebenfalls: „Der öffentliche Verkehr sowie Rad- und Fußverkehr müssen sich im Wettbewerb um die Verbraucherinnen und Verbraucher dynamischer entwickeln und entwickeln können als der Individualverkehr“, schreiben sie.
Bahn, Bus, Rad oder Zufußgehen sei für viele Verbraucher mangels Verfügbarkeit, Erfahrung oder Praktikabilität noch nicht attraktiv. Deswegen müssten diese Verkehrsmittel attraktiver gemacht werden.
Der Wandel des ADAC von der reinen Autofahrerlobby zu einem Club, der Mobilität umfassender betrachten will, hat mit der Wahl des neuen Präsidenten Christian Reinicke vor einem Jahr an Fahrt aufgenommen. In Pilotprojekten bietet der ADAC nun unter anderem Service für Fahrräder an und weitet seine Tourismus-Angebote aus.
Absehbar ist, dass die klassische Pannenhilfe auf der Straße zurückgehen wird, weil Elektroautos als weniger störanfällig gelten. Die inhaltliche Neuorientierung ist innerhalb des Vereins durchaus umstritten.
Zwischen der Münchener Zentrale, den Regionalvereinen und seiner kommerziellen Tochter ADAC SE, einem Milliardenkonzern, gibt es immer wieder Reibereien. Den Widerstand gegen ein allgemeines Tempolimit hat der ADAC trotzdem schon länger aufgegeben. In einer internen Meinungsumfrage kam heraus: 50 Prozent sind dafür, 50 Prozent dagegen.


