Miele, Bosch, BASF

Tunnelbau-Spezialist Herrenknecht: „Die Ampel zerstört den Mythos Made in Germany“

10.06.2024
Lesedauer: 7 Minuten
DIHK schlägt Alarm: Industriestandort Deutschland in Gefahr / Foto: glomex

Nach Miele, Bosch und Co. folgt jetzt auch noch Herrenknecht: Der Tunnelbohrer, der so heißt wie sein Chef, lässt kein gutes Haar am heimischen Standort. Eine düstere Umfrage der Wirtschaftsverbände gibt ihm dabei leider recht.

Ein Name mit Klang und Nachhall: Herrenknecht. Das Unternehmen ist mit „Tunnelbau-Spezialist” etwas zu simpel bezeichnet; Es misst, analysiert, sprengt und bohrt und das alles auch in tiefsten Tiefen. Untertunnelt hat der deutsche Mittelständler, der so heißt wie der Chef, schon alles, was nicht bei drei aufgegraben werden konnte: vom Gotthard-Massiv in der Schweiz über den Brenner bis zum Stadtpark irgendwo im Lande, wo unauffällig Leitungen verlegt werden sollen. Der kleinste Bohrer misst zehn Zentimeter im Durchmesser – der größte bisher rund 20 Meter, und ein jüngst nach Frankreich geliefertes Tunnelbohrgerät ist 334 Meter lang. Der Mittelständler sprengt gängige Kategorien, und dass ein Baden-Württemberger wie Martin Herrenknecht sich von Schwierigkeiten nicht unterkriegen lässt, ist fast ein Gemeinplatz.

Im Interview mit der „ Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ übt Martin Herrenknecht, demnächst 82 Jahre alt, putzmunter und so etwas wie der fleischgewordene Mittelstand hierzulande, dennoch ungewohnt scharfe Kritik an der Bundesregierung und bemängelt die schwache Wirtschaftslage im Land. Bürgergeld-Erhöhungen, Forderungen nach mehr Lohn für weniger Arbeit und die Vier-Tage-Woche würden dazu führen, dass Deutschland in der Welt „immer mehr als Softie-Gesellschaft wahrgenommen“ wird. „Die Politik sollte nicht über Doppelnamen oder über das Gendern diskutieren, sondern sich die Wirtschaftssituation einmal anschauen.“ „Ich gebe Deutschland sicher nicht auf, aber bis wir hier wieder in die Hände spucken, wieder arbeiten und nicht streiken, wird es noch dauern.“  

Jammern nicht seine Sache

Das bekannte Bergbau-Motto „vor der Hacke ist dunkel” gilt nicht für den Hightech-Konzern, denn man kennt mithilfe selbst entwickelter technologischer Methoden die Strecke sehr genau, die vor einem millionenteuren Bohrkopf liegt, etwa wenn es darum geht, einen Eisenbahntunnel unter einem Flussbett zu bohren. Der Elbtunnelbau mit einer eigens entwickelten Vortriebsmaschine von Herrenknecht mag Schwierigkeiten aufweisen, aber es sind eher politische.

Im sonst beschaulichen Schwanau-Allmannsweier (Ortenaukreis, Baden) ist die Herrenknecht AG, 1,2 Milliarden Euro Umsatz, vollständig im Besitz einer Familienstiftung, die bestimmende Größe, und das nicht nur auf dem Luftbild. Vom allseits beklagten Fachkräftemangel kann man auch ein Lied singen, aber beim kürzlich veranstalteten Ausbildungstag am Stammsitz war von mangelndem Bewerberinteresse nicht viel zu spüren. Allerdings kommen zahlreiche Mitarbeiter, ob Schweißer oder Ingenieure, inzwischen aus dem Ausland, von Lettland bis Marokko.

Maue Lage der Industrie

In die vermeintliche Idylle, soweit man bei einem weltweit agierenden Unternehmen und Marktführer dieser Branche davon sprechen kann, platzt immer öfter die deutsche Misere, sattsam bekannt von Großunternehmen, sei es in der Chemiebranche oder der Autoindustrie samt Zulieferern. „Die aktuelle Lage der Unternehmen ist mau, in der Industrie sogar schlecht. Die Erwartungen zeigen keine kraftvolle Aufwärtsbewegung“, sagte gerade DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Die Hoffnung der letzten Monate, dass ein gutes Auslandsgeschäft oder eine wieder anziehende Inlandsnachfrage als Motor der heimischen Unternehmen wirken könnten, habe sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: „Eine schwache Binnenkonjunktur und handfeste strukturelle Herausforderungen halten die Wirtschaft weiterhin im Griff.“

Gründer Herrenknecht wird noch deutlicher als der Verbandschef, wenn es um die Zukunft (und Gegenwart) des deutschen Industriestandortes geht. „Wir verbringen unsere Zeit mit dem Umsiedeln von Eidechsen”, sagt er und vergleicht diese Aktivität mit einem der laufenden ausländischen Herrenknecht-Großvorhaben in Indien: Ein halber Kontinent voller Dynamik, wo Infrastruktur Vorrang hat und die Entwicklung schnell gehen soll. Eine lang geplante Erweiterung des Firmenstammsitzes für neue Lagerhallen dagegen kommt nicht recht vom Fleck. Bürokratie baut in Deutschland eben mit, oder auch nicht.

Herrenknecht prangert Wirtschaftspolitik an

Herrenknecht, der Mitglied der CDU ist, macht die Verschiebung von Prioritäten in der Bundespolitik für die Kapitulation auch großer Firmen vor der neuen bundesdeutschen Wirklichkeit verantwortlich. Darunter das offensichtliche Missverhältnis zwischen Wirtschaftskraft und Sozialausgaben. Die gesamten Sozialtransfers machen im Bund inzwischen rund die Hälfte aller Ausgaben aus – allenfalls bis zu dreißig Prozent hält Herrenknecht für tragbar. Doch das war einmal. Die jüngsten Maßnahmen beim Bürgergeld, rechnet er vor, führten nun zu dem Verlangen nach der Viertagewoche und Lohnerhöhungen von bis zu 12,5 Prozent. Nicht leistbar, auch nicht für ein florierendes Unternehmen, wenn gleichzeitig in China, Indien und den USA vierzig Stunden und mehr gearbeitet werden.

Die seit Jahrzehnten gerühmten Vorteile Deutschlands, darunter die gute Infrastruktur, verlässliche und gut ausgebildete Arbeitskräfte und eine Vielzahl an Dienstleistern mit hohem Niveau: Die geraten ins Hintertreffen, sobald andere Weltregionen aufholen, ohne jedoch die berüchtigten bürokratischen Monster Europas mit zu erschaffen. So sieht es der Branchenverband Südwestmetall und kämpft zumindest für maßvolle Lohnabschlüsse – die Lohnkosten in der Region seien mit die höchsten der Welt. Hinzu komme, so Südwestmetall, dass die Gewerkschaften als Gesprächspartner mit ihren Forderungen an die Politik so manches bürokratische Hemmnis mit aufgebaut hätten, etwa gegen eine Flexibilität bei der Arbeitszeit oder in Sachen Lieferketten-Vorschriften. Gleichzeitig ermittelte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) jüngst einen Rekordwert von Firmenpleiten – 1367 waren es im April in Deutschland.

„Industriestandort Deutschland in Gefahr“

Im April formulierten der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Gewerkschaft IG Metall bereits einen gemeinsamen Appell an die Politik: „Der Industriestandort Deutschland ist in Gefahr. In anderen Ländern wird auch aufgrund wettbewerbsfähigerer Rahmenbedingungen mehr investiert. Energisches Gegensteuern ist gefragt – sonst drohen eine verheerende Deindustrialisierung, eine weitere gesellschaftliche Spaltung und eine zunehmende Radikalisierung politischer Debatten und Proteste“. Die Entwicklung scheint schnell voranzugehen.

Herrenknecht Senior, der knorrige Unternehmer und Vorstandsvorsitzende, der natürlich ebenfalls mehr Initiative der Politik für Infrastruktur und Energie in Deutschland fordert, nutzt die Möglichkeiten der Globalisierung schon planvoll aus. Er gebe sich aber Mühe, den Stammsitz in Deutschland zu halten, sagt er – was schon fast nach Rückzugsgefecht klingt. Anders hört es sich an bei Fragen nach dem Rest der Welt. In China, wo Herrenknecht im Perlflussdelta tunnelt, sieht das Unternehmen weiterhin Entwicklung, wenn auch ruhiger als bislang; das künftige Reich des dramatischen Aufbaus für die Herrenknecht AG ist Indien. Und in den USA sei man der last man standing, der „letzte Cowboy“, wie Herrenknecht es ausdrückt. Buchstäblich die gesamte Konkurrenz sei mittlerweile in chinesische Hand übergegangen. Weltweit bohrt Herrenknecht als westliches Unternehmen allein auf weiter Flur, ob unter den französischen Alpen in Richtung Italien, oder am „Abwasser-Superhighway“ Singapurs, oder beim Metrobau in Sydney.

Deutschlands Standortfaktoren schrumpfen

Herrenknecht könnte also bald in einer Reihe stehen mit großen und bekannten deutschen Firmen, die mehr oder minder geräuschlos den Standort in Deutschland an Bedeutung schrumpfen lassen und ihren Fokus stark ins Ausland verlagern. Darunter BASF und Conti, aber auch viele Mittelständler wie Bosch und Miele. Martin Herrenknecht hat dafür Verständnis: Wenn man sehe, wie die Bundesregierung das Geld mit der Gießkanne verteile, und niemand wisse, wie und von wem die Konsumausgaben eines Tages erwirtschaftet werden sollten, sei ein solcher Rückzug aus Deutschland nachvollziehbar. Der Unternehmer, bestens vernetzt, hat zu einigen seiner Themen auch schon den Bundeskanzler per Brief nach bestimmen regionalen Ungereimtheiten, ja Ungerechtigkeiten europäischer Förderpolitik gefragt. Die Antwort sei gewesen: „Da kann man nichts machen”. Eine in Schulterzucken geronnene Führung, die vielleicht inzwischen typische Körperbewegung von Politik und Verwaltung, nicht Gestaltung, Deutschlands.

Die Folge beschreibt wiederum Verbandspräsident Wansleben drastisch: „Die Erosion der Industrie setzt sich fort.“ Es wird kaum mehr investiert. Lediglich ein Viertel der Unternehmen plant mit mehr Investitionen, ein Drittel muss dagegen Investitionen kürzen. „Das sind alarmierende Anzeichen einer schrittweisen Deindustrialisierung“, warnte Wansleben. „Wenn wir nicht zügig gegensteuern, verliert Deutschland seine industrielle Basis. Und damit die Grundlage für unseren Wohlstand.“ Herrenknecht meint das gleiche, wenn er griffig formuliert: „Die Ampel zerstört den Mythos Made in Germany.“

Das Original zu diesem Beitrag „Tunnelbau-Spezialist Herrenknecht: „Die Ampel zerstört den Mythos Made in Germany““ stammt von WirtschaftsKurier.

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