Strompreisentwicklung

Steigen die Strompreise im Winter weiter?

14.11.2022
Lesedauer: 10 Minuten
Strompreise aktuell Die Strompreisentwicklung sorgt für zunehmend höhere Energiekosten in Deutschland. (Foto: Getty Images (2))

Die Strompreise bewegen sich auf Rekordniveau. Wegen der Strompreisentwicklung kommen auf Verbraucher deutlich höhere Rechnungen zu. Das Wichtigste im Überblick.

Schon im Herbst 2021 begann der Anstieg des Strompreisniveaus. Zunächst wegen der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach den weltweiten Corona-Lockdowns; Seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar treibt vor allem der Mangel an Erdgas den Strompreis in Deutschland. Besonders Ende August 2022 waren die Preisausschläge im Stromgroßhandel hoch. Seitdem hat sich die Lage zwar etwas beruhigt. Doch die Preise bewegen sich insgesamt noch immer auf einem wesentlich höheren Niveau als in den Jahren vor 2021.

Die Strompreisentwicklung kommt auch bei Verbrauchern und Unternehmen an. Wer heute einen neuen Stromvertrag abschließt, muss sich auf deutlich höhere Preise einstellen. Wer allerdings noch einen laufenden Stromvertrag hat, der beispielsweise aus den Jahren 2021 oder 2020 stammt, den betrifft der Anstieg der Stromkosten noch nicht. Die Preissteigerung könnte bei vielen Bürgern erst 2023 ankommen.

Die Strompreisentwicklung verunsichert Verbraucher, worauf sie sich einstellen müssen. Warum ist der Strom so teuer? Was kostet die Kilowattstunde Strom aktuell? Werden die Preise bis Ende des Jahres weiter steigen? Wird Strom 2023 wieder billiger? Wie will die Politik entlasten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Strompreisentwicklung: Wie hoch sind die Strompreise aktuell?

Aktuell bewegt sich der Day-Ahead-Preis im Stromgroßhandel bei Werten um 130 Euro je MWh (Stand: 10. November 2022). Der Day-Ahead-Preis ist der Preis, der für die Stromlieferung am folgenden Tag bezahlt wird.

Die Strompreise haben sich im Großhandel in den vergangenen Jahren vervielfacht. In diesem Jahr wurden an vielen Tagen des Jahres neue Höchstpreise verzeichnet. Im Jahr 2021 belief sich der durchschnittliche Strompreis im Großhandel nach Angaben der Bundesnetzagentur auf 96,85 Euro pro Megawattstunde, im Jahr 2020 lag er noch bei 30,47 Euro je MWh.

Was kostet eine Kilowattstunde Strom in Deutschland?

Endkunden zahlen dem Vergleichsportal Verivox zufolge im Monatsdurchschnitt einen Strompreis von 48,16 Cent pro Kilowattstunde (kWh) (Stand: 10. November 2022).

Im November 2021 waren es laut Verivox noch 34,79 Cent. Im November 2020 lag der Strompreis für Endkunden demnach bei 28,77 Cent. Im Jahr 2000 betrug er 13,9 Cent.

Strompreis: Was zahlen Familien und Singles für Strom?

Eine fünfköpfige Familie mit einem Jahresverbrauch von 4.000 kWh Strom, die heute einen neuen Stromvertrag abschließen muss, zahlt somit aufs Jahr gerechnet 1926,40 Euro. Das sind Stromkosten von 160,53 Euro im Monat. Ein Jahr zuvor betrug der Jahreswert noch 1391,60 Euro, also rund 115,97 Euro monatlich.
Die Stromkosten eines Single-Haushalts mit einem jährlichen Stromverbrauch von 1500 kWh summieren sich pro Jahr aktuell auf 722,40 Euro. Das entspricht monatlich 60,20 Euro. Der Jahreswert 2021 belief sich noch auf 521,85 Euro, also 43,49 Euro im Monat.

Wie setzt sich der Strompreis pro Kilowattstunde zusammen?

Der Strompreis für Endkunden ist in Deutschland mit enorm hohen Umlagen, Abgaben und Steuern belastet. Sie machen den größten Teil aus. Das gilt jedenfalls für private Haushalte, für Gewerbe, Handel und Dienstleistungsfirmen.

Der Strompreis setzt sich aus drei wesentlichen Bestandteilen zusammen:

  • Beschaffungskosten und Vertriebskosten
  • Steuern, Umlagen und Abgaben
  • Entgelte für Transport und Messung

Unter dem Strich übersteigen Steuern, Abgaben und Umlagen für Strom die eigentlichen Beschaffungskosten bei Weitem. Für industrielle Großverbraucher gibt es verschiedene Rabatte bei den Stromnebenkosten. Zu den größten Posten, die Endkunden in Rechnung gestellt werden, zählen die Netzentgelte. Das sind die Gebühren, die für den Betrieb und den Ausbau der Stromnetze anfallen. Sie werden von den Netzbetreibern berechnet. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Übertragungsnetzentgelten und Verteilnetzentgelten.

Mehr zu Energiekosten, Strompreis und Gaspreis:

Die Übertragungsnetzentgelte bekommen die Betreiber der großen „Stromautobahnen“, mit denen der Strom über große Distanzen transportiert wird. Sie belaufen sich auf rund drei Cent je Kilowattstunde Strom.

Hinzu kommen die Entgelte für die Nutzung und den Ausbau der Verteilnetze. Sie bringen den Strom bis zu jedem Hausanschluss. Die Verteilnetzentgelte schwanken innerhalb Deutschlands zwischen drei bis neun Cent je Kilowattstunde.
Außerdem zahlen Haushaltskunden die Umlage nach dem Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) sowie Stromsteuer und Umsatzsteuer. Weggefallen ist seit dem 1. Juli die EEG-Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Strompreisentwicklung: Warum ist Strom 2022 so teuer?

In Deutschland sind die Strompreise im europäischen Vergleich ohnehin sehr hoch. Das liegt an den Abgaben, Umlagen und Steuern. Erschwerend kommt jetzt der starke Anstieg der Gaspreise hinzu. Er sorgt dafür, dass sich die Stromerzeugung erheblich verteuert. Denn mit dem Anstieg der Gaspreise steigen auch die Kosten für die Stromerzeugung. Das liegt an dem Merit-Order-Verfahren, nach dem sich die Strompreise im Stromgroßhandel bilden.

Was ist eine Merit-Order, und wie wirkt sie?

Den Begriff Merit-Order könnte man wörtlich etwa mit „Leistungsreihenfolge“ übersetzen. Er beschreibt das Prinzip im kurzfristigen Handel am Strommarkt, dass immer nur die Stromanbieter genutzt werden, die zu einer bestimmten Stunde des Tages am günstigsten Strom produzieren.

Der günstige Strom aus Wind und Sonne wird also praktisch immer gebraucht. Ist genug davon da, kann der Preis an der Strombörse gegen null sinken, in seltenen Fällen sinkt er sogar unter die Null-Linie: Wenn so viel Strom ins System drückt, dass er nicht mehr sinnvoll verwendet werden kann, treten mitunter „negative Strompreise“ auf.

Wer in diesen Situationen Strom abnimmt, wird also mit Geld belohnt. Das ist aber nur sehr selten der Fall. Wenn dagegen wenig Wind weht, die Sonne nicht scheint oder besonders viel Strom gebraucht wird, steigt der Preis so lange, bis es sich lohnt, Gaskraftwerke zu starten. Das liegt daran, dass Gas so teuer ist.

Gaskraftwerke kommen erst zum Einsatz, wenn der Strom aller anderen Quellen nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken. Die Gaskraftwerke bestimmen dann den Preis für alle anderen Erzeugungsvarianten, die an der Strombörse gehandelt werden. Dieser Merit-Order-Effekt hebt die Strompreise auf immer neue Rekordhöhen, weil auch das Gaspreisniveau extrem hoch ist. Die Erzeugungsvarianten Wind, Sonne, Biomasse, Atomenergie, Steinkohle und Braunkohle profitieren davon enorm. Hier haben sich die Erzeugungskosten kaum oder gar nicht verändert, die Verkaufspreise steigen dennoch deutlich.

Wie sieht die Strompreisentwicklung bis Jahresende aus?

Das lässt sich nicht sicher sagen. Entscheidend für die Strompreisentwicklung sind verschiedene Faktoren. So haben etwa die französischen Kernkraftwerke erheblichen Einfluss auf die Lage in Deutschland. Viele von ihnen stehen derzeit still, weil sie gewartet werden. Frankreich kauft daher viel Strom in Deutschland, das erhöht die Nachfrage und lässt die Strompreise steigen.

Andererseits gibt es Bemühungen, die Verstromung von Gas möglichst zu reduzieren, um Gas zu sparen. So hat die Bundesregierung im Sommer mit dem „Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz“ eine Regelung geschaffen, die dazu beitragen soll, dass alte Kohlekraftwerke reaktiviert werden. Das könnte den Einsatz von Gaskraftwerken reduzieren und das Preisniveau dämpfen. Aber sicher ist das nicht. Insgesamt bleibt die Lage angespannt und das Stromangebot knapp.

Strompreisentwicklung: Wird Strom 2023 wieder billiger?

Von wieder sinkenden Strompreisen ist nicht auszugehen. Die aktuelle Prognose des Beratungsunternehmens Prognos zeichnet jedenfalls ein düsteres Bild: Die Strompreise im Großhandel werden 2023 demnach im Jahresdurchschnitt deutlich steigen und im ungünstigsten Fall die Grenze von 500 Euro je Megawattstunde überschreiten. Dabei wird unterstellt, dass Deutschland ab sofort kein Gas mehr aus Russland bezieht.

Ein gemäßigteres Szenario von Prognos geht davon aus, dass die komplette Unabhängigkeit von russischem Gas erst im Sommer 2024 erreicht wird. In diesem Fall bewegt sich der Preis bis 2023 auf vergleichbar hohem Niveau wie 2022 und sinkt dann bis 2040 auf rund 70 Euro je Megawattstunde.

Wer hat die höchsten Strompreise in Europa?

Deutschland und Dänemark gehören seit Jahren zu den Spitzenreitern beim Strompreis für private Haushalte in Europa. Das belegen die regelmäßigen Strompreis-Vergleiche der europäischen Statistik-Behörde Eurostat.

Während die Strompreise im Handel an der Börse europaweit oft dicht beieinanderliegen, driften die Endverbraucherpreise weit auseinander. Das liegt an den unterschiedlich hohen Abgaben- und Steuerlasten, die wesentliche Bestandteile des Strompreises für Endkunden sind.

Strompreisbremse: Wie will die Politik Verbraucher entlasten?

Die Ampelkoalition hat entschieden, dass zum 1. Juli die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) komplett wegfällt. Jahrelang hatte sie bei um die sechs Cent je Kilowattstunde gelegen. Mit dem Geld, das über die EEG-Umlage eingesammelt wurde, wurde die Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen finanziert. Nun erfolgt die Finanzierung aus dem Bundeshaushalt.

In der Diskussion ist aktuell eine Strompreisbremse. Mitte Oktober wurden erste Vorschläge bekannt, wie sie ausgestaltet werden soll, seit Anfang November gibt es weitere Konkretisierungen. Auch „Zufallsgewinne“ der Energiekonzerne sollen abgeschöpft werden. Aus den Einnahmen soll die Deckelung der Strompreise für die Privathaushalte finanziert werden. Demnach soll ein Strom-Basiskontingent  ab dem 1. Januar 2023 zu einem Preis von 40 Cent pro Kilowattstunde zur Verfügung gestellt werden. Auch für Industrieunternehmen wurden Lösungen vorgestellt.

Wie kann ich beim Strompreis sparen?

Verschiedene Vergleichsportale im Internet sind zur Orientierung nützlich. Grundlegende Informationen gibt es außerdem bei den Verbraucherzentralen. Oft lohnt es sich auch, die Energieberatungen der Verbraucherzentralen in Anspruch zu nehmen und einen Termin zu vereinbaren, um sich ausführlich beraten zu lassen.

Was verbraucht am meisten Strom zu Hause?

Die Heizungspumpe landet oft auf Platz eins der Stromfresser. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich um ein sehr altes Gerät handelt. Heizungspumpen dienen der Verteilung des warmen Wassers, das durch die Heizkörper im Haus fließt.

Eine alte, ineffiziente Heizungspumpe kann locker 600 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen. Bei einer modernen Pumpe sind es weniger als 50 Kilowattstunden. Es lohnt sich also, im Heizungskeller nachzuschauen und gegebenenfalls die Pumpe auszuwechseln. Die Kosten für Kauf und Einbau einer neuen Heizungspumpe haben sich angesichts der hohen Strompreise meist rasch amortisiert.

Auch Elektroherde zählen zu den Geräten im Haushalt, die am meisten Strom verbrauchen. Darum sollte man ein paar Grundregeln beachten: Der Topf sollte möglichst zur Plattengröße passen. Wasser kocht man lieber mit dem Wasserkocher statt auf dem Herd.

Auch Kühlschränke und Gefrierschrank können eine Menge Strom ziehen. Zumindest dann, wenn sie ein gewisses Alter haben und keine hohen Effizienzstandards erfüllen. Empfehlenswert ist es daher, sich beim Neukauf eines Kühlschranks oder Gefrierschranks für einen hohen Effizienzstandard zu entscheiden. Gleiches gilt für Wäschetrockner, Geschirrspüler und Waschmaschine.

Und außerdem verdienen heimliche Stromfresser heute mehr Beachtung denn je: Der Stand-by-Betrieb von Fernsehern, Computern, Druckern und anderen elektronischen Geräten summiert sich in vielen Haushalten oft zu einem erheblichen Stromverbrauch.

Mehr: Gaspreisentwicklung: So teuer ist Gas aktuell und in Zukunft.

Erstpublikation: 20.10.2022, 15:10 Uhr (zuletzt aktualisiert am 10.11.2022, 14 Uhr).

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