Währungssystem

Sanktionen treiben Dedollarisierung voran, Brics stoßen in Lücke des Finanzsystems vor

27.05.2024
Lesedauer: 7 Minuten
Die amerikanische Notenbank Federal Reserve gibt den Takt auf den globalen Finanzmärkten vor. Fotomontage: BLZ

Das globale Währungssystem stößt an seine Grenzen. Starker US-Dollar, Sanktionen und Handelskriege werden für Schwellenländer und Europa zum Problem. 

Wenn die führende globale Finanzinstitution vor einer Krise der Weltwirtschaft warnt, sollte man genauer hinhören. Gita Gopinath, erste stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat jüngst in einer Grundsatzrede an der Universität Stanford die Risiken skizziert, die bei einer Eskalation des Handelskrieges zwischen den USA und China drohen.

„Die globalen Wirtschaftsbeziehungen verändern sich in einer Weise, wie wir es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr erlebt haben“, sagte Gopinath. Der Konflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt hat ein neues Niveau erreicht. Die USA haben umfassende Sanktionen gegen die Wirtschaft der Volksrepublik verabschiedet und Strafzölle gegen chinesische Waren verhängt. Peking reagiert mit Gegenmaßnahmen. 

IWF: Handelskrieg bedroht die Weltwirtschaft

Die Daten des IWF zeigen, dass in den Jahren 2022 und 2023 weltweit mehr als 3000 Handelsbeschränkungen verhängt wurden – mehr als dreimal so viele wie 2019. Sollte sich die Sanktionsspirale zwischen China und den USA weiter hochschrauben, geht der IWF davon aus, dass die Weltwirtschaft im schlimmsten Fall einen Einbruch des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von bis zu sieben Prozent verkraften muss.

Insbesondere überdenken einige Länder ihre starke Abhängigkeit vom US-Dollar bei ihren internationalen Transaktionen und Devisenreserven, sagte Gopinath. Weil sie dem US-Dollar entkommen wollen, gehen Zentralbanken vermehrt dazu über, Devisenreserven in Gold anzulegen. Die Nachfrage nach Gold sei gestiegen, weil es als politisch neutrale, sichere Anlage angesehen werde, die im Inland gelagert werden könne und vor Sanktionen oder Beschlagnahmungen geschützt sei, sagte Gopinath. Angaben des World Gold Council zufolge haben die Notenbanken weltweit im ersten Quartal dieses Jahres 290 Tonnen Gold gekauft – der stärkste Jahresstart seit 2016.

Der Vorsitzende der Federal Reserve Jerome Powell / Foto: Kent Nishimura/AFP

Der Anteil von Gold an den Devisenreserven des „China-Blocks“ sei seit 2015 gestiegen, sagte Gopinath. Im Gegensatz dazu sei der Anteil des Goldes an den Devisenreserven der Länder des „US-Blocks“ weitgehend stabil geblieben. Dies deute darauf hin, dass Goldkäufe einiger Zentralbanken möglicherweise durch Sorgen über Sanktionsrisiken motiviert waren. Im Falle Chinas hat sich der Anteil des Goldes an seinen Devisenreserven von unter zwei Prozent im Jahr 2015 auf 4,3 Prozent im Jahr 2023 mehr als verdoppelt.

Gleichzeitig habe China seine Bestände an US-Staatsanleihen von 44 Prozent auf rund 30 Prozent reduziert. Das globale Wirtschaftssystem basiert seit Jahren darauf, dass China als größter Gläubiger der USA agiert. Die Vereinigten Staaten sind der größte Schuldner der Weltwirtschaft. Diese Symbiose der Supermächte wird auch als „Chimerica“ bezeichnet. 

Das globale US-Dollar-Finanzsystem wird dieser Tage überspannt. Der starke Dollar macht besonders den Schwellenländern zu schaffen. Aber auch die EU hat an dem gestiegenen Wert des Greenback zu knabbern. Üblicherweise floriert das globale Finanzsystem, wenn die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) US-Dollar zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellt. Doch die Fed hat auch bei ihrer Sitzung am vergangenen Mittwoch den Leitzins auf hohem Niveau belassen, zwischen 5 und 5,5 Prozent Zinsen verlangt die amerikanische Notenbank derzeit. Deshalb haben auch die übrigen Zentralbanken der Welt wenig Spielraum für Zinssenkungen. Hohe Zinsen würgen wiederum die Konjunktur ab, weil Kredite für Unternehmen teurer werden.

Goldman Sachs: Wegen starkem US-Dollar droht Schwellenländern „düsteres“ Ende

Am härtesten dürften die ärmsten Länder betroffen sein. Dem IWF zufolge könnten Länder mit niedrigem Einkommen im Vergleich zu anderen Nationen einen viermal so hohen Verlust an Wirtschaftsleistung erleiden, wenn sich die Rohstoffmärkte in Blöcke aufteilen, die entweder mit China oder den USA Handel treiben.

Mittlerweile droht durch die Stärke des US-Dollar für Schwellenländer ein „düsteres“ Ende, teilen Analysten der amerikanischen Großbank Goldman Sachs mit. Während der starke US-Dollar zu Beginn des Jahres noch mit robustem Wachstum in Verbindung gebracht wurde, besteht nun die Gefahr, dass er eher mit den hohen Zinsen oder der gestiegenen Inflation in den Vereinigten Staaten in Zusammenhang stehe.

„Wenn wir diese Art von bösartigerer oder unheilvollerer Dollarstärke sehen, werden wir in den fragilsten Teilen der Welt noch mehr Schwäche erleben“, sagte Kamakshya Trivedi, Leiter für globale Währungen, Zinsen und Strategieforschung für Schwellenmärkte bei Goldman Sachs, dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. 

Die Zentralbanken in den Schwellenländern müssen sich nun entscheiden, ob sie ihre Wirtschaft durch Zinssenkungen unterstützen oder die heimische Währung durch eine straffe Zinspolitik verteidigen. Länder wie Indonesien, Südkorea und China könnten stärker unter Druck geraten, die Auswirkungen würden jedoch allgemein zu spüren sein, so Trivedi von Goldman Sachs. Zum Beispiel seien Mexiko und Brasilien durch den hohen US-Dollar-Kurs dazu gezwungen, ihren Leitzins hochzuhalten. Beide Länder hätten „als Reaktion auf das globale Makro- und Marktumfeld wohl restriktivere Schritte unternommen“, als es ihre innenpolitische Situation erfordere. Kurzum: Der US-Dollar belastet die Weltwirtschaft schwer.

Die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Staaten arbeitet im Eiltempo an einem alternativen Zahlungssystem. / FOto: Xie Huanchi/imago

Brics Plus arbeiten an Alternative zum US-Dollar

Das Staatenbündnis Brics Plus (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Äthiopien, Ägypten, Iran und Vereinigte Arabische Emirate) arbeitet deshalb im Eiltempo an einem alternativen Zahlungssystem. Das digitale Zahlungssystem The Unit wird von dem Brics-Plus-Business-Council vorangetrieben. Es ist durchaus möglich, dass es schon im kommenden Jahr einsatzbereit ist. Das Unit-Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Irias, einer internationalen zwischenstaatlichen Organisation, die 1976 gemäß der UN-Satzung gegründet wurde. Die Leitung obliegt dem russischen Finanzexperten Alexey Subbotin, Gründer von Arkhangelsk Capital Management.

Die Unit-Token sollen zu 40 Prozent aus Gold und lokalen Währungen bestehen. Angestrebt wird, dass das System für die Zahlungsabwicklung der Brics-Plus-Staaten, für die Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion und als Reservewährung für die Staaten in Afrika südlich der Sahara verwendet wird. Im Oktober soll The Unit auf dem Brics-Gipfel im russischen Kasan diskutiert werden.

Für viele Länder drängt die Zeit. „An den Rändern der Weltwirtschaft ist der durch den jüngsten Zinsanstieg verursachte Schaden tiefgreifend“, schreibt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Die Kreditvergabe an die ärmsten Länder der Welt sei im Jahr 2023 rückläufig gewesen. „Der IWF und die Weltbank konnten keinen Ausgleich schaffen. Der Bedarf an Strukturreformen ist offensichtlich.“

Doch nicht nur in den Schwellenländern macht die amerikanische Geldpolitik zu schaffen. Auch Deutschland und die EU dürften langfristige Probleme bekommen, sagt der Goldman-Sachs-Analyst Trivedi. „Unsere Grunderwartung ist jedoch, dass wir im Laufe der kommenden Monate erleben werden, dass die EZB und die Bank of England die Zinsen früher und vielleicht sogar stärker senken werden als die Fed, und das sollte den Dollar länger auf einem starken Niveau halten“, sagt er. „Die Stärke des Dollar wird nur sehr langsam nachlassen.“

In Europa werden Stimmen lauter, die bereits zu einem finanzpolitischen Decoupling, also einer Entkopplung der europäischen Geldpolitik von den USA aufrufen. In Europa bestehe das Hauptrisiko darin, dass die Geldpolitik zu restriktiv bleibe und eine notwendige Erholung der Nachfrage bremse, schreibt der Ökonom Chris Giles in einem Kommentar für die Financial Times. Die EZB solle den Ausstieg aus dem Hochzinsumfeld vorantreiben.

„Es ist nicht vorgeschrieben, dass die Zinssätze in den führenden Industrieländern der Welt synchron steigen müssen, auch wenn globale Kräfte sie in diesem Jahrhundert im Gleichschritt gehalten haben“, so Giles. Der Sinn einer unabhängigen Geldpolitik bestehe darin, dass die Verantwortlichen ihre Entscheidungen treffen, ohne an ihre eigene Regierung oder die Fed zu denken.

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