Unternehmer Nikolas Stihl

Kettensägen-König rechnet ab: „Deutschland ist sogar teurer als die Schweiz“

29.08.2023
Lesedauer: 4 Minuten
Nikolas Stihl, der Vorsitzende des Beirats des Motorsägen- und Gartengeräteherstellers Stihl Bildquelle: imago/Bernd Weißbrod/dpa

Dieser Appell an die Bundesregierung hat es in sich: Mehrere Familienunternehmer haben einen Zehn-Punkte-Plan entwickelt, wie Deutschland wieder auf die Beine kommen kann. Der prominenteste von ihnen rechnet am schärfsten ab und sagt: „Deutschland ist sogar teurer als die Schweiz“.

Im deutschen Mittelstand gibt es echte Marken. Solche, die weltweit einen Klang haben. Solche, bei denen der Besitzer noch so heißt wie sein Unternehmen, solche, mit denen viele schon einmal in Berührung gekommen sind. Wie Stihl. Der Motorsägenhersteller aus Waiblingen bei Stuttgart feiert in drei Jahren sein 100-jähriges Bestehen – wenn ihm denn zum Feiern zumute ist. Nikolas Stihl jedenfalls nicht.

Vor mehr als zehn Jahren übernahm er den Vorsitz in Beirat und Aufsichtsrat des Unternehmens, das mit über 20.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 5,5 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Der 63-Jährige hat jetzt einen Zehn-Punkte-Plan mit seinen Kommentaren gewürzt, den die Stiftung Familienunternehmen und ?Politik veröffentlicht hat und der darlegt, wie Deutschland wieder wachsen könnte. Was er sagt, klingt so: „Einen Standort in Deutschland muss man sich heute leisten können. Inzwischen wäre es sogar günstiger, in der Schweiz zu produzieren. Das zeigt die Absurdität der deutschen Lohnkosten-Landschaft.“

Stihl: „Dabei können wir nicht einmal Minigolf spielen“

Stihl weiß, wovon er spricht, denn er ist Vorstandsmitglied der Handelskammer Deutschland-Schweiz und hat den Vergleich nicht zum ersten Mal gezogen. Bereits im Frühjahr hatte er im „Handelsblatt“ über die deutsche Politik geschimpft, die „Mikromanagement mit Überregulierung“ betreibe. Sie tue „häufig so, als wären wir auf dem Weg zum nächsten Golf-Masters-Turnier, dabei können wir nicht einmal Minigolf spielen“.

Als Beispiel nannte Stihl das neue Lieferkettengesetz, das Unternehmen verpflichtet, auf die Herkunft ihrer Materialien zu achten. Das sei „völlig überzogen“. „Wir müssen praktisch ein neues Berichtswesen aufbauen.“ Ähnlich sieht er es beim Thema Arbeitszeit und Zeiterfassung, wo der Arbeitsminister derzeit Regelungen umsetzen will, die die Vertrauensarbeitszeit aushebeln. Hier habe es „überhaupt keinen Handlungsbedarf“ gegeben, sagt Stihl.

Das alles führe dazu, dass „Deutschland unser mit Abstand teuerster Standort“ sei. „Deutschland ist sogar teurer als die Schweiz.“ Zwar seien die Löhne im Nachbarland höher, aber die Arbeitsstunde ist in Deutschland unterm Strich teurer. Die Schweizer arbeiten deutlich länger und haben weniger Urlaubs- und Feiertage.“

Für Stammwerk in Deutschland „nehmen wir betriebswirtschaftliche Nachteile in Kauf“

Noch steht Stihls Stammwerk in Deutschland. „Wir nehmen dafür echte betriebswirtschaftliche Nachteile in Kauf. Das geht aber nur bis zu einer bestimmten Grenze“, sagt der Familienunternehmer, der hierzulande rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt und erst kürzlich seine „Markenwelt“ am Stammsitz eröffnet hat. 90 Prozent ihres Umsatzes macht die Stihl-Gruppe allerdings inzwischen jenseits der Grenzen. Und sie hat schon bessere Jahre erlebt.

Das vergangene Jahr war geprägt „von konjunkturellen und geopolitischen Herausforderungen. Seien es gestörte Lieferketten, Materialknappheit, Krieg in der Ukraine, Energiekrise oder Inflation. Das haben wir auch in der Geschäftsentwicklung gespürt“, sagt Stihl-Vorstandschef Michael Traub.

„Im globalen Wettbewerb droht das Land weiter abzustürzen“

Die Kettensägen-Hersteller aus Baden-Württemberg sind damit Kronzeugen für das, was die Stiftung Familienunternehmen und Politik so beschreibt: „Im globalen Wettbewerb droht das Land weiter abzustürzen.“ Ihr Zehn-Punkte-Plan enthält Forderungen, die von weniger Bürokratie auf nationaler und europäischer Ebene über berechenbare Klimaschutzmaßnahmen bis hin zu steuerlichen Entlastungen für Unternehmen reichen.

Neben Stihl haben sich ihm weitere prominente Köpfe angeschlossen. David Klett, Vorstandsmitglied des Klett-Verlags, schreibt: „Jetzt laufen Kontrolle und Regulierung aus dem Ruder.“

Roland Mack, Chef des Europa-Parks in Rust, stellt frustriert fest: „Die Bundesregierung festigt gegenwärtig Deutschlands Spitzenposition als Höchststeuerland. Warum sie trotz aller Krisensignale hier nichts für die Standortsicherung tut, bleibt mir ein Rätsel.“

Und Harald Marquart, Chef des gleichnamigen Automobilzulieferers von der Schwäbischen Alb, beschreibt die deutsche Bürokratie so: „Die öffentliche Verwaltung kommt bei der Bewältigung der Informationen, die sie abruft, gar nicht mehr hinterher. Wir brauchen keinen weiteren Dirigismus, sondern mehr Raum für Kreativität und Unternehmertum.“

*Der Beitrag „Kettensägen-König rechnet ab: „Deutschland ist sogar teurer als die Schweiz““ wird veröffentlicht von The European. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

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