Die Deglobalisierung, die Sanktionen des Westens gegen Russland sowie die wachsende Rivalität zwischen den USA und China erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges, warnt der Bonner Soziologe Erich Weede.
WirtschaftsWoche: Professor Weede, die ökonomische Integration Europas, in die lange Zeit auch Russland eingebunden war, hat dem Kontinent acht Jahrzehnte Frieden beschert. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Ist die Idee vom kapitalistischen Frieden, von Freihandel, wirtschaftlicher Freiheit und wirtschaftlicher Integration als Friedensmotor, gescheitert?
Erich Weede: Zunächst einmal ist die These, dass freier Handel und wirtschaftliche Integration den Frieden fördern, eine probabilistische Hypothese. Das heißt, es ist nicht ausgeschlossen, dass es dort, wo es etwas Freihandel und ökonomische Integration gibt, zu Kriegen kommt. Gleichwohl zeigen Studien, dass wirtschaftliche Freiheit und ökonomische Interdependenz Kriege unwahrscheinlicher machen. Einzelereignisse wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine reichen nicht aus, um die Hypothese vom kapitalistischen Frieden zu widerlegen. Im Gegenteil, der russische Feldzug gegen die Ukraine bestätigt die These sogar.



