Waschmaschinen-Ikone geht

Habeck schaut bei Miele hilflos zu, wie Deutschland in die Deindustrialisierung schlittert

08.02.2024
Lesedauer: 5 Minuten
Habeck schaut bei Miele hilflos zu, wie Deutschland in die Deindustrialisierung schlittert // FOCUS online/Wochit

Miele streicht Stellen und verlagert die Produktion nach Polen. Das ist nur das jüngste Beispiel für die Deindustrialisierung Deutschlands, die mit Amtsantritt der Ampelregierung einen gewaltigen Schub bekommen hat. Der Wirtschaftsminister schaut hilflos zu.

Es ist die Ikone des deutschen Mittelstands, und „the German Mittelstand“ ist jener Wirtschaftszweig, vor dem internationale Konkurrenten bisher mit Anerkennung gesprochen haben: Miele. Von „Mutti macht`s mit Miele“, wie die Werbebotschaft des westfälischen Hausgeräteherstellers 1957 hieß, bis zum aktuellen Slogan „Qualität, die ihrer Zeit voraus ist“, prägt Miele das Bewusstsein mehrerer Generationen von Hausfrauen und -männern, von Köchen, von Aufräumern und Saubermachern.

Dazu kommt: Das Unternehmen ist in vierter Generation in Familienbesitz. Der Chef heißt so wie die Marke: Miele, Markus mit Vornamen. Die Familie sitzt überall da, wo bislang in Deutschland noch etwas voran ging: Christian Miele zum Beispiel war bis zum letzten Jahr Chef des Startup-Verbands. Als er abtrat, schrieb er der Bundesregierung ins Stammbuch: „Wir brauchen insgesamt mehr Tempo im Sinne der Innovations- und Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“ Es drohe „Innovationsarmut“.

„In Deutschland dauern Genehmigungen länger als Beschaffung und Aufbau“

Und jetzt meldet sich Markus Miele zu Wort. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ sagt er: „Wenn ein Standort in allem teurer ist, wird es schwierig.“ Deutschland sei seit jeher ein Hochlohnland – aber jetzt seien auch die Energiekosten, die Abgaben, die Bürokratie am höchsten. Er gibt der Politik einen dringenden Rat: Der Strompreis solle „für alle deutlich fallen. Dafür müsste der Staat die hohen Abgaben reduzieren.“ Aber auch beim Bürokratie-Abbau gebe es dringenden Handlungsbedarf: „Bürokratie ist ein großes Problem in Deutschland, da wüsste ich viele Punkte, bei denen man anfangen könnte.  Photovoltaik ist so ein Beispiel: Wenn wir eine Anlage aufs Fabrikdach setzen möchten, dauert die Genehmigung länger als Beschaffung und Aufstellung. Es gibt viele Vorschriften, die das Wirtschaften schwierig machen und sich teils auch noch widersprechen. Das schränkt unsere Innovationskraft immer mehr ein.“

Dass die Familie, mit dem Namen, den in Deutschland jeder kennt, so in die Offensive geht, hat einen traurigen Grund. Ausgerechnet zum 125. Geburtstag des Unternehmens hat Miele jetzt bekannt geben müssen, dass es im Betrieb so nicht mehr weitergeht. Rund 2000 Arbeitsplätze muss Miele streichen. Das Waschmaschinenwerk in Gütersloh ist besonders bedroht – die Produktion sei unter den schlechten Standortbedingungen in Deutschland kaum mehr möglich und wird schrittweise nach Polen verlagert. Der Konzern hat weltweit rund 23.000 Beschäftigte, doch in Deutschland können die Arbeitsplätze kaum mehr gehalten werden.

Sicher lässt sich einwenden: Alles halb so schlimm. 2019, vor der Pandemie, arbeiteten rund 20.000 Menschen für Miele. Von den 2000 Stellen, die weltweit maximal wegfallen, werden nur ein Teil Kündigungen sein. Unterm Strich wird Miele also nach dem „Kahlschlag“, wie ihn jetzt viele Medien betiteln, immer noch deutlich mehr Menschen beschäftigen als 2019. Und die wenigsten Kündigungen betreffen Industrie-Arbeitsplätze.

Der Industrie droht „ein Flächenbrand“

Dennoch: Der Fall Miele hat Symbolwert für die Deutschlandkrise, mit der eine Deindustrialisierung einhergeht. So etwas hat das Land seit dem Beginn des umgekehrten Trends, der Industrialisierung, die auch Miele einst hervorbrachte, nicht gesehen. „Im produzierenden Gewerbe brennt es lichterloh. Es droht ein Flächenbrand“, warnen die Industrieverbände. Allein die Chemieindustrie hat binnen zwei Jahren 23 Prozent ihrer Produktionsmenge verloren. In einem der vielen Brandbriefe, die Bundeskanzler Olaf Scholz derzeit erreichen, haben die vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft (DIHK, BDA, BDI und ZDH) vergangene Woche Alarm geschlagen: „Der Frust und die Verunsicherung bei vielen Betrieben wachsen – und die Verlagerung von industrieller Produktion ins Ausland nimmt zu.“

Die Verbände verbreiten alles andere als nackte Theorie. Die Deindustrialisierung hat längst eingesetzt: BASF , Bosch, Volkswagen , Bayer , Conti – die besten Adressen der deutschen Industrie kündigen der Reihe nach Massenentlassungen an. Vor wenigen Tagen kam vom Erfolgskonzern ZF Friedrichshafen die Hiobsbotschaft – allein bei diesem Autozulieferer sollen 12.000 Stellen wegfallen. Miele kommt da nur obendrauf.  

Die Kapitalströme nach Deutschland versiegen

Wirtschaftsforscher warnen auch vor einer „Deindustrialisierung Deutschlands“, weil die Politik die Standortbedingungen immer weiter verschlechtere. Jens Südekum, Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, benennt es so: „Die neuesten Zahlen über die Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland machen mir Sorgen.“ Das Institut der deutschen Wirtschaft hat errechnet, dass bereits 2022 rund 132 Milliarden Dollar mehr Direktinvestitionen aus Deutschland abgeflossen, als im gleichen Zeitraum in die Bundesrepublik investiert wurden. Das sind nicht nur die höchsten Netto-Abflüsse, die jemals in Deutschland verzeichnet wurden. Deutschland erleidet damit den höchsten Kapitalabfluss aller OECD-Staaten. Für 2023 und 2024 wird keine Besserung erwartet.

Nach einer Befragung von Deloitte und dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) verlagern aktuell bereits 67 Prozent der Unternehmen Produktionen ins Ausland – vor allem in den Schlüsselbranchen Maschinenbau/Industriegüter, Chemie und Automobil. „Die Deindustrialisierung findet bereits in erheblichem Umfang statt. Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben, werden sehr wahrscheinlich mehr Unternehmen folgen und zunehmend wichtigere Teile der Wertschöpfung abwandern“, sagt Florian Ploner, Industrieanalyst und Partner bei Deloitte.

Der Miele-Schock hat nun Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck aufgeschreckt – aber er zeigt sich hilflos. In der Sendung „RTL Direkt“ sagte Habeck am Montagabend: „Wir müssen Investitionen anreizen. Das sehen wir gemeinsam. Was wir noch nicht ganz geklärt haben, ist, wie wir es machen. Aber dazu ist ja erstmal notwendig, dass diskutiert wird.“ Das allerdings wird nicht mehr helfen, weder bei Miele noch bei all den anderen, die Deutschland als Standort mehr und mehr in Frage stellen.

Der Beitrag „Habeck schaut bei Miele hilflos zu, wie Deutschland in die Deindustrialisierung schlittert“ stammt von WirtschaftsKurier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kriegsbegeisterung beim ZDF?
10.07.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

7 + 8 =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien