Personalmangel hält an

Flugausfälle, lange Schlangen: Was ist da an den Flughäfen los?

28.05.2022
Lesedauer: 6 Minuten
Chaos am Flughafen Amsterdam-Schiphol (Archivfoto vom 30. April 2022). An vielen deutschen und europäischen Flughäfen müssen Passagierinnen und Passagiere lange Wartezeiten in Kauf nehmen. © Quelle: IMAGO/ANP

Lange Wartezeiten am Sicherheitscheck und am Gepäckband, verpasste und gestrichene Flüge: Die Luftfahrtbranche scheint schon vor der Hochsaison am Limit. Der Grund: Personalmangel. Wie sind die Aussichten für den Sommer?

Die Menschen in Deutschland haben ihre Reiselust wiederentdeckt: „In den vergangenen Monaten lagen die Buchungen im Wochenvergleich fast durchgängig über denen von 2019 – also vor Corona“, teilt der Deutsche Reiseverband (DRV) mit. Das Problem: Den hohen Zahlen an Reisenden steht weniger Personal gegenüber. Das führt seit Monaten in Stoßzeiten zu Chaos an den Flughäfen in Deutschland und dem Rest von Europa.

In Hannover trifft es derzeit vor allem Reisende, die nächtliche Ferienflieger Richtung Türkei, Griechenland und andere Mittelmeerziele nehmen wollen. Sie sehen sich oftmals extrem langen Warteschlangen bei der Abfertigung gegenüber. Immer wieder verpassen deswegen auch Urlauberinnen und Urlauber ihre Maschinen. In NRW sieht es nicht besser aus: Am vergangenen Wochenende sollen sich bis zu 300 Meter lange Warteschlangen gebildet haben.

Der Bund bekommt die Probleme mit den Sicherheitskontrollen am Flughafen Hannover-Langenhagen nicht in den Griff. Dieses Bild entstand um 24. Mai 2022. Die Maschine nach Heraklion sollte um 5.45 Uhr abheben, aber um 6 Uhr warteten die Insassen noch auf etwa 15 fehlende Passagiere.
Der Bund bekommt die Probleme mit den Sicherheitskontrollen am Flughafen Hannover-Langenhagen nicht in den Griff. Dieses Bild entstand um 24. Mai 2022. Die Maschine nach Heraklion sollte um 5.45 Uhr abheben, aber um 6 Uhr warteten die Insassen noch auf etwa 15 fehlende Passagiere.
© Quelle: privat

„Auch ich habe diesen Freitag am Flughafen Düsseldorf live und in Farbe erlebt“, berichtete der Inhaber eines Reisebüros auf Facebook. „Abflug planmäßig gegen acht Uhr, meine Ankunft am Flughafen so circa Viertel nach fünf. Dauer des Check-ins an den Schaltern der EW – geöffnet waren 153 bis 170 – knapp über eine halbe Stunde, anschließende Wartezeit bei der Security knapp eineinviertel Stunden.“ Er habe „ehrlich gesagt Angst vor dem eigentlichen Ferienbeginn und werde meinen Kunden ein Zeitfenster von mehr als drei Stunden empfehlen“.

In Amsterdam-Schiphol in den Niederlanden mussten Reisende sogar teils bis zu drei Stunden vor der Sicherheitskontrolle ausharren. Ähnliche Bilder gibt es auch von anderen Airports beispielsweise in Großbritannien.

Einige Airlines ziehen Konsequenzen: Die niederländische Airline KLM stellt über das Himmelfahrtswochenende den Ticketverkauf ein. British Airways hat seit Anfang April rund 1400 Flüge abgesagt und will im wichtigen Sommergeschäft 5 Prozent der geplanten Kapazität kürzen.

Auch Deutschlands größte Fluglinie Lufthansa dünnt den Flugplan aus: „Lufthansa streicht vorsorglich vereinzelte innerdeutsche Flugverbindungen, um operative Engpässe zu entzerren“, teilt ein Airlinesprecher dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Mittwoch mit. Dies sei notwendig, da unter anderem „durch den Personalmangel an Flughäfen, Sicherheitskontrollen und bei der Flugsicherung Verspätungen unvermeidbar sind und damit Anschlussflüge nicht erreicht werden können“.

20 Prozent Personal fehlen

Grund für die Probleme ist der Personalmangel bei den Sicherheitsdiensten und den Bodendienstleistern. „Über alle Standorte hinweg fehlen den Dienstleistern, die an der Abfertigung der Passagiere beteiligt sind, rund 20 Prozent Bodenpersonal im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Das kann vor allem beim Check-in, beim Beladen der Koffer und in der Luftsicherheitskontrolle zu Engpässen in Spitzenzeiten führen“, sagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV).

Neben Warteschlangen an Check-in und bei der Sicherheitskontrolle könnte der Mangel an Arbeitskräften in den Bodenverkehrsdienstleistungen dazu führen, dass Reisende nach der Landung länger auf ihre Koffer warten als gewöhnlich.

Bei Aeroground, einer Tochtergesellschaft der Flughafen München, die unter anderem für das Be- und Entladen von Flugzeugen zuständig ist, laufe der Betrieb derzeit weitgehend ohne Engpässe. Dennoch habe man mit Blick auf den Sommer damit begonnen, weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu rekrutieren, heißt es von dem Unternehmen.

Beim Flughafen Frankfurt heißt es auf RND-Anfrage, dass „an einigen Stellen noch nicht wieder in ausreichendem Maß Personal zur Verfügung steht“. Auch die Flughafentochter FraGround wolle in diesem Jahr bis zu 1000 Beschäftigte neu einstellen. In vielen Dienstleistungsberufen mangele es aktuell an Fachkräften, sagt Beisel, eben auch in der Fluggastabfertigung.

Man mildere die angespannte Personalsituation für die Reisenden ab, wo es eben ginge, so Beisel. „An Brennpunkten setzen viele Flughäfen zusätzliche Mitarbeiter ein, zum Beispiel sogenannte Floorwalker. Sie dienen als Ansprechpartner für die wartenden Reisenden etwa vor dem Check-in. Sie weisen die Passagiere darauf hin, welche Dokumente sie griffbereit halten müssen. Das spart bei der Aufgabe der Koffer Zeit.“

Steht uns eine chaotische Reisezeit bevor?

Ob bis zum Sommer ausreichend neues Personal rekrutiert werden kann? Unwahrscheinlich, heißt es aus Expertenkreisen. Für den Frankfurter Airport stimmt Flughafenbetreiber Fraport die Passagiere schon auf Probleme ein. Er rechnet auch im Sommer mit Problemen bei der Abfertigung der Flugzeuge, da weiter nicht 100 Prozent des Personals zur Verfügung stehe.

Der Hochlauf des Flugverkehrs aus der Corona-Flaute laufe sehr schnell, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte am Dienstag bei der Hauptversammlung des M-Dax-Konzerns. Er rechne im Sommer mit 70 bis 75 Prozent des Passagieraufkommens aus der Vorkrisenzeit, wobei es zu sehr starken Betriebsspitzen komme, sagte Schulte.

Der Fraport-Chef kündigte an, in enger Abstimmung mit den Fluggesellschaften wie zur Osterzeit den Flugplan zu entzerren. Flüge müssten verschoben oder auch gestrichen werden, um Chaos zu vermeiden. Zu Ostern hatte der Hauptkunde Lufthansa bereits mehr als 100 Flüge gestrichen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Wie Passagiere helfen können

Passagierinnen und Passagiere können mit dem eigenen vorausschauendem Verhalten dazu beitragen, dass die Wartezeit an Check-in, Sicherheitskontrolle und Co. möglichst kurz ausfällt. Dazu zähle: „Den Check-in für den Flug online zu erledigen, und das gesamte Gepäck aufgeben, damit weniger Handgepäck an den Sicherheitskontrollen überprüft werden muss. Damit unsere Passagiere ein gutes Reiseerlebnis haben, setzen wir alles daran, dass der Betrieb möglichst reibungsarm funktioniert“, erklärt der ADV-Hauptgeschäftsführer.

Diese Tipps helfen allen Beteiligten für einen reibungslosen Ablauf:

  • Immer mindestens zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein: In dieser Zeitspanne könne man sein Gate entspannt erreichen.
  • Vorab über die Einreisebedingungen informieren: Viele Länder verlangen ein Einreiseformular oder einen negativen Covid-Test. Oft müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Airline schon vor Flugantritt überprüfen, ob die notwendigen Dokumente vorhanden sind.
  • Koffer am Vorabend abgeben: Das bietet sich bei einem frühen Flug an, um etwaige Warteschlangen am Reisetag zu vermeiden. Diesen Service gibt es nicht bei jeder Airline, ein Anruf bei der jeweiligen Kundenhotline klärt auf.
  • Einige Flughäfen bieten über Symbole auf den Monitoren einen schnellen Überblick, wie stark der Andrang an den jeweiligen Sicherheitskontrollen aktuell ausfällt. Reisende können so leicht erkennen, an welcher Kontrolle sie die kürzeste Wartezeit haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024
ARD-Show "Die 100"
26.11.2024
Abstimmung über neue EU-Kommission
27.11.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

neun − zwei =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Nach Berichten über Menschenrechtsverletzungen in Uiguren-Region
27.11.2024
Thyssenkrupp-Krise
26.11.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien