Rekordpreise für Gebrauchtwagen

Diesel-Wagen werden teurer, Elektroautos eher nicht

03.01.2022
Lesedauer: 4 Minuten
Diesel-Gebrauchtwagen in einem Autohaus Foto: Uwe Anspach/ dpa

Fast 25.000 Euro für ein gebrauchtes Auto, das ist inzwischen normal. Im Verhältnis zu Neuwagen sind die Preise so hoch wie noch nie – und andere Antriebe gefragt.

Autokäufer bekommen die Folgen der vergangenen zwei Jahre schmerzhaft zu spüren. »Gebrauchtwagen sind derzeit so teuer wie noch nie – auch im Verhältnis zu ihren Neupreisen«, sagt Martin Weiss von Marktbeobachter DAT. »Die Verteuerung liegt oft bei 5 bis 15 Prozent. In Einzelfällen kann es auch deutlich mehr sein. Es ist schon verrückt, was man da sieht.« Noch höhere Zahlen meldet das Verkaufsportal Autoscout24. Demnach kostete ein Gebrauchtwagen im Durchschnitt zuletzt 24.965 Euro, 18 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Die DAT – die Abkürzung steht für Deutsche Automobil Treuhand, eine Tochterfirma mehrerer Verbände der Autoindustrie – beobachtet seit 90 Jahren die Gebrauchtwagenpreise in Deutschland. Nüchterne Zahlen und Daten sind ihr täglich Brot – wenn man dort von »verrückt« spricht, muss die Situation außergewöhnlich sein.

Selbst der Abgasskandal gerät beinahe in Vergessenheit. Für Autos mit Dieselmotor gibt es noch immer einen Abschlag, doch er ist erheblich geschrumpft. Diese Fahrzeuge würden deutlich teurer verkauft als in den ersten Jahren nach dem 2015 publik gemachten Dieselskandal, sagt Weiss. »Auch weil von ihnen seitdem immer weniger Fahrzeuge in den Markt gekommen sind.«

Das Preisbarometer der DAT schlug seit der Jahresmitte stark nach oben aus. Drei Jahre alte Dieselautos, die im Juni noch für 52,8 Prozent des ursprünglichen Listenpreises zu haben waren, kosteten im Oktober schon 56,2 Prozent. Für Benziner stieg der Index von 55,5 auf 59,3 Prozent. Die Werte für beide Antriebsarten von Verbrennungsmotoren waren die höchsten, die je von der DAT gemessen wurden.

Spritpreise egal

»Bei Elektroautos sehen wir diese Steigerungen nicht – hier sind die Gebrauchtwagenpreise weiterhin unter Druck«, sagt Weiss. »Das liegt einerseits an der hohen Förderung für Neuwagen, andererseits daran, dass die Technik sich weiterentwickelt hat und die Kunden eher das Gefühl haben, ein veraltetes Produkt zu kaufen.« Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind E-Autos allerdings noch immer ein Nischenprodukt. Auch Plug-in-Hybride haben sich nicht so stark verteuert.

Die hohen Spritpreise spielen auf dem Gebrauchtwagenmarkt dagegen kaum eine Rolle, wie Weiss erklärt. »Aktuell sehen wir nicht, dass wegen der hohen Spritpreise besonders sparsame Gebrauchtwagen stärker nachgefragt wären.«

Treiber der Entwicklung seien Coronakrise und Chipmangel. Aus Angst vor einer Infektion seien Autos insgesamt stärker gefragt, berichtet die DAT, aber schwieriger zu bekommen: Zum einen griffen wegen langer Lieferzeiten Kundinnen und Kunden nach langem Warten auf Neuwagen am Ende doch zum Gebrauchten, zum anderen sei das Angebot deutlich dünner als sonst.

Neuwagen werden knapp

»Es sind einfach sehr viel weniger Autos in den Markt gekommen«, sagt Thomas Peckruhn, Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). »Schon das zweite Jahr hintereinander fehlen Neuzulassungen von Dienstwagen, Tageszulassungen, Mietwagen, die normalerweise relativ schnell als junge Gebrauchte in den Markt kommen«, erklärt er den Mechanismus. Die Folge: »Momentan haben wir weniger Gebrauchtwagen als Kunden.«

»Momentan haben wir weniger Gebrauchtwagen als Kunden.«

Thomas Peckruhn, Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe

Auch Peckruhn sieht einen deutlichen Preisanstieg bei Gebrauchten, auch wenn er ihn mit fünf bis zehn Prozent etwas niedriger einschätzt als die DAT oder Autoscout24. »Momentan ist nicht die Zeit für Gebrauchtwagenschnäppchen«, darin stimmt er jedenfalls zu.

Jedoch sind auch Neuwagen teurer geworden. »Wir kommen aus einer Zeit der Fahrzeugüberproduktion in eine Zeit des Fahrzeugmangels. Das lässt die Preise steigen – auch bei Neuwagen gibt es derzeit weniger Rabatt«, sagt DAT-Experte Weiss. Und Peckruhn betont: »Neuwagen sind durch die Halbleiterkrise teilweise noch immer knapp. In manchen Monaten hat der Handel nur halb sie viele Fahrzeuge bekommen wie normal.«

Wohl dem, der kein Auto kaufen muss

Eine schnelle Entspannung ist daher nicht in Sicht. Schon allein, weil die fehlenden Neuwagen von heute in Zukunft auf dem Gebrauchtmarkt fehlen werden. »Die hohen Gebrauchtwagenpreise werden wir auch 2022 haben«, sagt Peckruhn.

Nur für die Preise gebrauchter Elektroautos erwartet die Branche weiteren Druck, weil im neuen Jahr viele 24-monatige Leasingverträge der ab Anfang 2020 massenhaft verkauften Neuwagen auslaufen. Die Preise von Plug-in-Hybriden, deren Förderung Ende 2022 ausläuft, leiden laut DAT sowohl unter dem Image als verkappte Verbrenner als auch unter der schlechten Wirtschaftlichkeit: Tatsächlich verbrauchten sie in der Regel mehr Treibstoff als ein vergleichbarer Diesel. Die Technik biete den Vorteil, den Einstieg in den Elektroantrieb zu erleichtern. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt aber habe sie es besonders schwer.

Weiss rechnet frühestens 2023 mit dem Beginn einer Normalisierung auf dem Markt: »Wohl dem, der glücklich und zufrieden mit seinem Fahrzeug ist und derzeit nicht auf einen Wechsel angewiesen ist.« ak/dpa

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