Die meisten Top-Manager schweigen zum Krieg in Nahost. Nicht so Pfizer-CEO Albert Bourla. Der Sohn von Holocaust-Überlebenden, der Israel eng verbunden ist, bringt sich klar und deutlich in Position.
In den Tagen nach dem Terrorangriff der Hamas telefonierte Pfizer-CEO Albert Bourla nahezu ständig mit Freunden und Verwandten in Israel. Er sei „untröstlich“ über die Gräueltaten, schrieb er wenige Tage nach dem Massaker des 7. Oktober auf LinkedIn und X (vormals Twitter): „Zivilisten jeden Alters werden gezielt und kaltblütig getötet, Geiseln genommen und gefoltert, Opfer werden durch die Straßen paradiert und vieles mehr.“
Seine Konsequenz: „Es reicht nicht aus, diese Taten zu verurteilen – wir müssen selbst aktiv werden.“ Die Pfizer Foundation werde Organisationen vor Ort unterstützen, kündigte Bourla an.
Anders als viele andere Top-Manager nimmt der Pfizer-CEO klar und deutlich Stellung zum Krieg in Nahost. Sein Engagement hat auch einen ganz persönlichen Hintergrund: Der heute 61-Jährige wurde als Sohn von Holocaust-Überlebenden in Griechenland geboren. Aus seinen jüdischen Wurzeln hat er nie einen Hehl gemacht. Bourla pflegt langjährige und intensive Beziehungen nach Israel. Dass Israel während der Coronapandemie frühzeitig und reichlich Impfstoff erhielt, war vor allem den guten Beziehungen zwischen Bourla und Ministerpräsident Netanjahu zu verdanken.
Seit 2019 steht Bourla an der Spitze von Pfizer. Gemeinsam mit Biontech entwickelte der US-Konzern das erste zugelassene Corona-Vakzin. Bourla wurde dadurch zu einem der weltweit angesehensten Pharma-Manager und mit Ehrungen überhäuft. Hundert Milliarden US-Dollar Jahresumsatz wies Pfizer im Jahr 2022 aus – vor allem dank des Corona-Impfstoffs und des Corona-Medikamentes Paxlovid. So viel wie kein anderes Pharmaunternehmen. 2023 wird der Umsatz allerdings sinken. Pfizer erwartet inzwischen nur noch rund 60 Milliarden Dollar Erlöse – die Nachfrage nach Corona-Medikamenten hat inzwischen stark nachgelassen.
Geprägt vom Nazi-Terror
Es ist eine eher ungewöhnliche Karriere, die Bourla hingelegt hat. Und eine glückliche Fügung, dass er überhaupt am Leben ist. Seine Mutter Sara stand in ihrem Heimatort Saloniki bereits vor einem Nazi-Erschießungskommando, als sie ihr nicht-jüdischer Schwager gerade noch rechtzeitig freikaufen konnte, berichtete die „Jüdische Allgemeine“ vor einigen Jahren. In seinen Reden und Stellungnahmen erzählte Bourla häufig davon, dass seine Mutter nie das Geräusch der Schüsse vergessen konnte, die ihre Mitgefangenen ermordeten. Sein Vater überlebte die Nazi-Jahre unter falscher Identität im Untergrund.
Dass der Sohn eine CEO-Karriere hinlegen würde, darauf deutete zunächst wenig hin: Bourla studierte – eher ungewöhnlich für einen Top-Manager – in seiner Heimatstadt Saloniki Tiermedizin, wurde promoviert und begann 1993 in der griechischen Niederlassung von Pfizer, Abteilung Tiermedizin.
2001 ging er in die Zentrale nach New York. Dort nahm die bislang eher gemächlich verlaufene Karriere Fahrt auf. Der Jungmanager kümmerte sich mal um das Marketing neuer Produkte, leitete dann von Paris aus die Tiermedizinsparte in den Regionen Europa und Asien-Pazifik, verantwortete später die Geschäfte mit Impfstoffen, Krebsmedikamenten und innovativer Medizin. Kurz nachdem er es 2019 an die Spitze geschafft hatte, kam die Coronapandemie in die Welt.
Kurzer Draht zu Netanjahu
Das Mainzer Biotechunternehmen Biontech holte Pfizer im Frühjahr 2020 als Partner an Bord; bis Ende des Jahres entwickelten beide Unternehmen den Impfstoff in Rekordzeit. Außerhalb Deutschlands galt das Vakzin vor allem als das Werk von Pfizer – obwohl Biontech dafür die Grundlagen gelegt hatte. Pfizer kümmert sich vor allem um den weltweiten Vertrieb und die Logistik.
Besonders viel lieferte der US-Konzern nach Israel. In keinem anderen Land wurde so viel und so schnell geimpft. Entscheidend dafür ist der persönliche Draht zwischen Bourla und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. „17 Mal“, so rühmte sich Netanjahu öffentlich, habe er in jener Zeit mit seinem „Freund“ Albert Bourla telefoniert, um Vakzin-Lieferungen klarzumachen. Am Ende stand ein Win-Win-Deal: Pfizer liefert Israel genügend Impfstoff, damit das Land rasch die Herdenimmunität erreicht. Und im Gegenzug liefert das bestens digitalisierte israelische Gesundheitssystem die beim Impfprozess gewonnenen Daten an Pfizer. Der Pharmakonzern konnte so die Wirksamkeit seines Vakzins in einem Modellland erproben.
Gewinner des jüdischen Nobelpreises
Der Impfstoff-Erfolg brachte Bourla auch persönlich Anerkennung. Auch und vor allem in der jüdischen Community: 2021 zeichnete ihn der Jüdische Weltkongress in New York für seinen Einsatz während der Coronapandemie mit dem Theodor-Herzl-Preis aus. 2022 erhielt Bourla aus der Hand von Israels Staatspräsident Isaac Herzog den mit einer Million US-Dollar dotierten Genesis-Preis, der als jüdischer Nobelpreis gilt. Laut israelischen Medien beteiligten sich 200.000 Menschen an der entsprechenden Online-Abstimmung.
In seiner Dankesrede erklärte Bourla, er sei in einer jüdischen Familie aufgewachsen, „die geglaubt hat, dass jeder von uns nur so stark ist wie die Bande unserer Gemeinschaft“. Es seien alle von Gott aufgerufen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das Preisgeld spendete er an Projekte, „die darauf abzielen, die Erinnerung an die Opfer des Holocaust zu bewahren, mit besonderem Schwerpunkt auf der Tragödie, die die griechisch-jüdische Gemeinde erlitten hat.“ Zwei Tage vor der Verleihung besuchte Bourla die Gedenkstätte in Yad Vashem.
Es blieben nicht die einzigen Auszeichnungen. Die Website von Pfizer widmet den Ehrungen, die ihr CEO in den vergangenen Jahren erhalten hat, zwei lange Absätze. Der Pfizer-Chef steht durchaus in dem Ruf, über reichlich Sendungs- und Selbstbewusstsein zu verfügen. „Sein Ego ist so groß, dass es dafür drei Türen braucht“, heißt es im Umfeld eines internationalen Konkurrenten. Über den Impferfolg veröffentlichte Bourla 2022 noch ein Buch. Darin schildert er, wie Pfizer das Unmögliche möglich machte – von Biontech ist weniger die Rede.
Mahnwache bei Pfizer
Nach dem phänomenalen Erfolg muss Bourla den Konzern nun durch die Nach-Corona-Zeit führen. Weil die Vakzin-Nachfrage ausbleibt, schwinden die Umsätze, die Aktie fällt. Der Pfizer-Chef setzt nun vor allem auf die Bekämpfung von Krebs. Erst vor wenigen Tagen genehmigte die EU-Kommission die Übernahme des US-Krebsspezialisten Seagen für 43 Milliarden Dollar.
Doch das Geschäft ist nicht alles in diesen Tagen. Kürzlich erhielten die Pfizer-Beschäftigten eine Mail des Chefs. Er wisse, dass viele Kollegen – direkt oder indirekt – unter den Terrorattacken und dem Krieg im Nahen Osten litten, schrieb Bourla. Sie sollten sich, wenn nötig, professionelle Hilfe holen. Etwa bei der konzerneigenen Gesundheitsinitiative „HealthyPfizer“.
Kürzlich hatte Pfizer in der New Yorker Zentrale eine Mahnwache für Israel organisiert. Auch der Chef war dabei. Es sei bewegend gewesen, zu sehen, wie viele Kollegen teilgenommen hätten, schrieb Bourla danach. Seinen Post bei LinkedIn und X schloss er mit den Worten: „Meine Gebete sind bei meinen israelischen Freunden und Verwandten und beim israelischen Volk.“
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