Der russische Angriffskrieg hat direkte Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Die Gaskrise verunsichert Unternehmen zunehmend – dennoch werden massenhaft Leute gesucht, in diesem Jahr insgesamt 5,4 Millionen. Eine neue Erhebung zeigt die größten Mangelbranchen.
Zum zweiten Mal zeigt sich ein messbarer Effekt durch die Folgen des russischen Angriffskrieges auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juli auf 2,47 Millionen gestiegen.
Mit einer Zunahme um 107.000 legte sie stärker zu als sonst üblich zu Beginn der Sommerpause, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag in Nürnberg mitteilte. Hauptgrund: Die Erfassung ukrainischer Geflüchteter, die seit Juni von den Jobcentern umfassend registriert werden. Erwerbslose Geflüchtete tauchen damit auch spürbar in der Arbeitslosenstatistik auf.
„Insgesamt ist der Arbeitsmarkt trotz aller Belastungen und Unsicherheiten weiterhin stabil“, sagt BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach. Die Arbeitslosenquote liegt nun bei 5,4 Prozent. Trotz des Anstieges gab es im Juli noch 120.000 Arbeitslose weniger als ein Jahr zuvor. Langfristig haben die Geflüchteten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wie es bei der BA heißt.


Eine neue Erhebung des Ifo-Instituts zeichnet ein optimistisches Stimmungsbild. So wollen 90 Prozent der nach Deutschland Geflüchteten aus der Ukraine hierzulande eine Beschäftigung aufnehmen.
42 Prozent arbeiten bereits in ihrem Beruf oder sind auf der Suche nach einer qualifizierten Stelle. 32 Prozent sind auch bereit, unterhalb ihrer Qualifikation zu arbeiten. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut in einer Umfrage unter 936 ukrainischen Geflüchteten.
Als gering schätzen 16 Prozent ihre Möglichkeiten am deutschen Arbeitsmarkt ein. Nur zehn Prozent sehen keine Perspektive zu arbeiten oder haben kein Interesse.


Bis dato wurden ungefähr eine Million Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Viele sind weiter- oder zurückgereist, ein erheblicher Teil ist nicht im erwerbsfähigen Alter. Im Juli waren 360.097 bei der BA als erwerbsfähig gemeldet. Von ihnen sind 176.160 als arbeitslos erfasst.
Die Ukrainerinnen und Ukrainer seien „überwiegend hoch qualifiziert“, sagt Tetyana Panchenko, Spezialistin am Ifo-Zentrum für internationalen Institutionenvergleich und Migrationsforschung. So verfügen 71 Prozent der Befragten über einen Hochschulabschluss, 12 Prozent bringen eine Berufsausbildung mit.
„Auch die Altersstruktur erklärt, warum sie so häufig eine Beschäftigung suchen“, sagt Panchenko. 72 Prozent der Befragten sind zwischen 30 und 49 Jahre alt, elf Prozent zwischen 18 und 29. Gut 93 Prozent der Befragten sind Frauen.
Stopp der Gaslieferungen größtes Risiko für den Arbeitsmarkt
Zentrale Frage bei der Arbeitsmarktintegration ist allerdings, wie lange die Frauen bleiben werden. In den kommenden zwei Jahren wollen der Umfrage zufolge 52 Prozent in Deutschland bleiben, 46 Prozent möchten zurückkehren in die Ukraine, und nur zwei Prozent wollen in ein anderes Land weiterziehen.
Bereits zu Beginn der Woche konnte im Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine düstere Vorahnung abgelesen werden. Im Vergleich zum Juni rutschte es 0,9 Punkte nach unten, auf nun 102,1 Punkte.
„Die Beschäftigung nimmt weiter zu, trotz der wirtschaftlichen Verwerfungen infolge des Kriegs in der Ukraine“, erklärt Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“.
Während die Beschäftigung noch steigt, deutet eine Komponente der Prognose auch auf bald steigende Arbeitslosigkeit hin. So ist die Vorhersage der Arbeitslosigkeit um 1,4 Punkte gesunken und liegt aktuell bei einem Wert von 98,1 Punkten. Der Frühindikator basiert auf einer monatlichen Umfrage der BA unter allen lokalen Arbeitsagenturen. Der Mittelwert aus den Komponenten „Arbeitslosigkeit“ und „Beschäftigungsentwicklung“ bildet den Gesamtwert der beiden Barometer. Die Skala reicht von 90 (sehr schlechte Entwicklung) bis 110 (sehr gute Entwicklung).
„Ein möglicher Stopp der Gaslieferungen aus Russland stellt ein gravierendes Risiko dar“, warnt Weber. „Das würde zu Produktionsausfällen führen, und auch auf den Arbeitsmarkt durchschlagen, vor allem auf die Kurzarbeit.“
Der wesentliche Grund für die rückläufigen Zahlen liegt laut IAB im Prozess der Arbeitsmarktintegration der ukrainischen Geflüchteten in und deren statistischer Erfassung in der Grundsicherung in den Sommermonaten. Damit liegen die Beschäftigungsaussichten so weit wie noch nie über den Erwartungen für die Arbeitslosigkeit – in keinem anderen Land sind sie derzeit so gut.
Offene Stellen auf Rekordhoch
Wie sehr sich der Arbeitskräftemangel in den Statistiken widerspiegelt, zeigt insbesondere die Zahl der offenen Stellen: Sie liegt mit rund 1,7 Millionen auf einem Rekordhoch. „Der hohe Arbeitskräftebedarf führt zu Engpässen in vielen Bereichen“, sagt Weber.
Diese Entwicklung spiegelt sich in folgender Auswertung wider: Von Januar bis Juni 2022 schrieben Arbeitgeber über 5,4 Millionen Stellen aus – ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vor-Corona-Jahrs 2019.
Ein Rekordwert wurde im ersten Halbjahr 2022 verzeichnet. Mehr als zwei Millionen Jobangebote wurden geschaltet. Das zeigt die jüngste Stellenmarkt-Auswertung von Index, nach eigenen Angaben die größte Stellenanzeigen-Datenbank Europas. Analysiert wurden Anzeigen in 249 Printmedien, auf 349 Online-Jobbörsen und 136.000 Firmenwebsites sowie im Stellenportal der Bundesagentur für Arbeit.
Am dringendsten ist der Fachkräftemangel im Handwerk und auf dem Bau: 1,2 Millionen Stellen waren im ersten Halbjahr ausgeschriebenen, also fast jede vierte Position.
Auch im Handel fehlen mit fast 829.000 Positionen massenweise Beschäftigte. In der Industrie wurden für 772.000 Positionen Bewerber gesucht, in der Informations- und Kommunikationstechnik beinahe 500.000.
Die meisten ausgeschriebenen Stellen gab es im ersten Halbjahr in Nordrhein-Westfalen und Bayern mit jeweils fast 1,2 Millionen Positionen und Baden-Württemberg mit beinahe einer Million. Im Städteranking lag Berlin (über 436.000 Positionen) an der Spitze, deutlich vor München (fast 280.000 Positionen) und Hamburg (mehr als 255.000 Positionen).
Das Ifo-Institut hat diese Woche nach dem Einbruch des Geschäftsklimaindex für Juli sogar davor gewarnt, dass wir an der Schwelle zur Rezession stünden“, sagte Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), am Freitag in Stuttgart.
„Angesichts der Absenkung der Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 drohen bei uns im Winter Versorgungsengpässe, die die Unternehmen und damit auch den Arbeitsmarkt hart treffen würden.“
Um im Fall einer Gasmangellage einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, müsse gesichert sein, dass die Unternehmen großflächig auf Kurzarbeitergeld zurückgreifen könnten, sagte Dick: „Deshalb muss die Bundesregierung schon jetzt Vorkehrungen für den Ernstfall treffen, um zeitnah unbürokratische Rahmenbedingungen für den Bezug von Kurzarbeitergeld schaffen zu können. Zudem sollten den Unternehmen dann beim Einsatz von Kurzarbeit auch wieder die Sozialabgaben erstattet werden, damit sie länger an ihren Belegschaften festhalten können.“


