„Autofahren muss finanziell unattraktiv werden“: Forscher fordern Verkehrswende

16.09.2022
Lesedauer: 4 Minuten

Die Verkehrswende in Deutschland stagniert. Oliver Schwedes von der TU Berlin fordert, das Autofahren durch gezielte Maßnahmen unattraktiver zu machen.

Berlin – Mit dem 9-Euro-Ticket endete zum 1. September eine Maßnahme aus dem Entlastungspaket 2022. Sie sollte auf der einen Seite Pendler, die den öffentlichen Nahverkehr bereits nutzten, finanziell entlasten. Auf der anderen Seite bestand die Hoffnung, Autofahrer könnten zumindest zeitweise auf die Bahn umsteigen. Allerdings wurden mit dem Tankrabatt zeitgleich die Preise an den Tankstellen niedrig gehalten.

Für Oliver Schwedes ein „Klassiker falscher deutscher Verkehrspolitik“.

Verkehrswende in Deutschland stagniert: CO₂-Ausstoß nur leicht verringert

Der Mobilitätswissenschaftler von der Technischen Universität Berlin hat das Forschungsprojekt „Pull & Push – Gut und Böse“ ins Leben gerufen. Darin soll untersucht werden, mit welchen kombinierten Maßnahmen eine nachhaltige Verkehrspolitik am besten umsetzbar ist. Diese sollte sich Schwedes zufolge „nicht mehr am Wohl des Autofahrers“ orientieren, sondern am Klimawandel.

Die Strompreisexplosion könnte zu einer akuten Gefahr für die Verkehrswende werden, da müssen wir verdammt aufpassen.

Autoexperte Stefan Bratzel 

Denn: Die Verkehrswende in Deutschland geht dem Forscher nicht schnell genug voran. Sie stagniert. Nach Angaben des Umweltbundesamtes wurden innerhalb von 30 Jahren, zwischen 1990 und 2020, im Verkehrssektor lediglich zehn Prozent an CO₂-Emissionen eingespart. Im Jahr 1990 lag der Treibhausgas-Ausstoß bei 164 Millionen Tonnen CO₂, im Jahr 2020 waren es immer noch 146 Millionen Tonnen CO₂.

„Autofahren muss finanziell unattraktiv werden“: Forscher fordern Verkehrswende

Das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2030 die Emissionen des Verkehrssektors auf höchstens 85 Millionen Tonnen CO₂ zu reduzieren, ist laut Schwedes ebenfalls „fraglich“. Den Hauptgrund dafür sieht der Forscher von der Technischen Universität Berlin in der „Parallelfinanzierung von ÖPNV und privatem Autoverkehr“. So geschehen beim 9-Euro-Ticket, für das es einen Nachfolger geben soll, und dem Tankrabatt, nach dem die Benzinpreise wieder deutlich angestiegen sind. Für Autofahrer gäbe es keinen Grund vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen, wenn gleichzeitig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch der Sprit subventioniert werde, erklärt der TU-Forscher.

„Die Zeiten, in denen das Auto den Vorrang vor allen anderen Verkehrsmitteln hat, sind vorbei“, ist Schwedes sicher. Von der Politik fordert er mehr Mut, die attraktiven Angebote, mit denen Autofahrer zur Bahn und dem ÖPNV gezogen werden sollen, konsequent mit Verordnungen zu kombinieren, die ihm die Freude am Autofahren nehmen. „Das private Autofahren muss finanziell unattraktiv werden“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Die Wissenschaft sei sich einig über den positiven Effekt dieser Pull- und Push-Methoden für die Verkehrswende.

Autos auf der Stadtautobahn in Berlin.
„Das private Autofahren muss finanziell unattraktiv werden“, fordert Oliver Schwedes von der TU Berlin. (Symbolbild) © Christoph Soeder/dpa

Verkehrswende in Deutschland: „Wichtig ist, dass sich Autofahrer keine neuen Verbrenner kaufen“

Stefan Bratzel, Gründer des Center of Automotive Management, forderte mit Blick auf die Verkehrswende in der Neuen Osnabrücker Zeitung ebenfalls, das Autofahren unattraktiver zu machen: „Die Kosten für individuelle Mobilität müssen steigen, damit die CO₂-Emissionen im Verkehrsbereich sinken und das Klima sich nicht noch schneller aufheizt.“ Wichtig sei, dass das für die Menschen planbar werde. „Die Energiepreisexplosion für alle Pendler wegzusubventionieren hieße, die überfällige Verkehrswende aufzuschieben.“

Batzel fordert: Strom muss günstiger bleiben als Benzin und Diesel

Batzel sieht eine andere Lösung:  „Die Nutzungskosten der Elektromobilität müssen deutlich günstiger bleiben als bei Verbrennern.“ Gegenüber der NOZ führte er aus: „Es braucht diesen Preisabstand, um die Autofahrer für den Wechsel zu gewinnen und die Industrie nicht komplett zu verunsichern.“

Doch was bedeuten die derzeit steigenden Strompreise für die Verkehrswende? „Die Strompreisexplosion könnte zu einer akuten Gefahr für die Verkehrswende werden, da müssen wir verdammt aufpassen“, warnte der Auto-Ökonom Bratzel. Teurer Strom könnte den Kauf von E-Autos zunehmend unattraktiv machen. Bei Lidl und Kaufland dürfen diese nicht mehr kostenlos geladen werden.

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