Bezos, Musk und Co.

Wie »Don’t Look Up« Superreiche karikiert

04.01.2022
Lesedauer: 6 Minuten
Szene aus »Don't Look Up« mit Silicon-Valley-Star Peter Isherwell (Mark Rylance): eine Mischung aus Andy Warhol und Steve Jobs Foto: Niko Tavernise / Netflix

Wenn Jeff Bezos bespöttelt wird, weil er auf einem Foto aussieht wie ein Puffbesitzer aus Detmold, läuft etwas falsch. Wir sollten ihm, Elon Musk und Co. anders begegnen. Das zeigt auch der Film »Don’t Look Up«.

Wenn das Foto von einem Mann wie Jeff Bezos, dessen sagenhafter Reichtum von mehr als 200 Milliarden Dollar pro Minute um geschätzte 140.000 Dollar steigt, weltweit bespöttelt wird, weil er darauf wirkt wie ein Puffbesitzer aus Detmold – dann machen wir etwas falsch.

Wenn ein Film über ein globales Desaster ein »Desaster« genannt wird, wie das mit dem global erfolgreichen »Don’t Look Up« seitens professioneller Filmkritik geschieht, dann hat er immerhin etwas richtig gemacht – und sein Sujet ernst genommen. Ernster jedenfalls, als das Publikum das Wirken hyperreicher Milliardäre aus dem Silicon Valley nimmt.

Bislang wurde viel über die Klimakatastrophenmetapher diskutiert, die viele in »Don’t Look Up« zu erkennen meinen. Mindestens genauso spannend ist aber die Karikatur des Silicon-Valley-Unternehmers in dem Film. Denn wie solchen Figuren zu begegnen ist, wie ihre Visionen und ihr Verhalten zu bewerten sind, dafür gibt es kaum Vorbilder.

So gesehen ist Mark Zuckerberg nur ein Datenkrämer.

Noch in den Siebzigerjahren galt Aristoteles Onassis dem staunenden Boulevard als Inbegriff obszönen Reichtums. Dabei hatte der Grieche, damals wirklich einer der reichsten Männer der Welt, inflationsbereinigt nur schlappe zwei Milliarden Euro auf dem Konto – und eine Flotte von mehr als 50 Supertankern. Old Industry, Old Industry. Als Visionär ist er nicht in Erscheinung getreten.

Anders als die Männer (denn es sind ausschließlich Männer, dazu gleich mehr), von denen alle Welt heute spricht. Mag sein, dass ein Onassis nur maritimer Spediteur war. Aber Steve Jobs war, abzüglich der Show, auch nur ein Verkäufer von Unterhaltungselektronik, so wie Bill Gates nur ein Programmierer war.

So gesehen ist Mark Zuckerberg nur ein Datenkrämer, Jeff Bezos ein Versandhändler, Elon Musk ein Autoverkäufer – auch wenn Bezos und Musk ins orbitale Speditionsgeschäft eingestiegen sind. Diese Männer verkaufen eine Idee von der Zukunft, wie sie sein könnte, wenn staatliche Bedenkenträgerei nicht versuchen würde, sie zu verhindern. Sie »denken groß« und machen. Wenn sie scheitern, machen sie einfach weiter. Deshalb macht es Spaß, ihnen beim Großmachen zuzuschauen.

Eine solche Figur ist auch Peter Isherwood in »Don’t Look Up«, der – Achtung, Spoiler! – durch seinen politischen Einfluss die mögliche Rettung des Planeten verhindert, um mit dem Asteroiden seinen Profit zu machen. Als CEO von »Bash« ist dieser Ishwerwood ein Unternehmer imperialen Zuschnitts insofern, als sein Engagement sich auf alle zukunftsrelevanten Segmente erstreckt – vom Moibilfunk über Apps bis zur Raumfahrt und der Verkündung verquaster Heilsbotschaften.

Konstruiert und nur leicht überzeichnet ist Isherwood eine Mischung aus Andy Warhol und Steve Jobs, mit dem er die Vorliebe für prätentiöse Präsentationen teilt. Vor der Veranstaltung bittet ein Ansager das euphorische Publikum, plötzliche Begegnungen oder Augenkontakt mit dem seltsamen Guru zu vermeiden, denn er hat die zarte Seele eines verletzten Kindes.

Ein Peter Pan, der macht, was ihm in den Sinn kommt

Diesem Kind hängen die Massen an den Lippen, und die Politik hängt an seinem Geld. Schlimmstenfalls beides, was wiederum an Elon Musk erinnert. Der Gründer von Tesla und SpaceX benimmt sich ebenfalls nicht, wie man das früher von »Wirtschaftskapitänen« oder klassischen Gegenspielern von 007 erwarten durfte. Er ist ein Peter Pan, der macht, was ihm in den Sinn kommt.

Träumt vom Mars und lässt Raketen bauen, um da auch wirklich hinzufliegen. Lässt Transportröhren bauen, wie man sie aus »Futurama« kennt. Lässt Trucks entwickeln, wie ein depressiver Fünfzehnjähriger sie zeichnen würde. Lässt Flammenwerfer konstruieren, wie andere Kinder Steinschleudern basteln. Lässt seine Follower auf Twitter darüber abstimmen, ob er Steuern zahlen soll. Lässt Chips entwerfen, um das Hirn des Menschen mit Computern zu vernetzen. Steuert selbst schon die Kurse von Kryptowährungen mit der Kraft seiner Tweets.

Nicht nur für ihr Publikum, Follower wie Kritiker, ist die Macht solcher Techmilliardäre ohne Vorbild. Sie selbst haben augenscheinlich wechselnde Vorstellungen, woran sie sich orientieren sollen. Am Hippietum, aus dem das Silicon Valley hervorgegangen ist? Wer an Vermögen besitzt, was ein Land wie Portugal als jährliches Bruttoinlandsprodukt ausweist, bräuchte eigentlich einen eigenen Sitz bei den Vereinten Nationen.The sky is the limit.

Ein Bill Gates hat noch den klassischen Weg beschritten und ist Philantrop geworden. Ein Mark Zuckerberg verwandelt sich gerade endgültig in seinen eigenen Avatar auf Meta, nicht ohne zuvor auf einem 10.000-Dollar-Spezial-Surfbrett mit US-Flagge übers Wasser in den Sonnenuntergang zu reiten.

Ein Aristoteles Onassis hat sich noch Jackie Kennedy gekauft. Seine Nachfolger haben es nicht nur auf deren Abglanz, sondern gleich auf ganze Staaten abgesehen. Und was ein Putin kann, das kann ein Investor wie Peter Thiel schon lange – und kauft sich für künftige Geschäfte ebenfalls einen Ex-Bundeskanzler ein, auch wenn’s nur der österreichische ist.

Ein Elon Musk braucht das alles gar nicht, der liiert sich lieber mit einer Popsängerin und nennt den gemeinsamen Sohn dann X Æ A-12. Noch für die besten Produkte von Apple und deren kultische Aufladung galt das Gesetz, das einst Arthur C. Clarke formulierte: »Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden«. Heute ist jeder hinreichend erfolgreiche CEO von einem Magier oder Guru nicht zu unterscheiden.

Es sind, wie bereits bemerkt, Männer unter sich. Sie beflügeln vor allem die Imagination anderer Männer. Und wenn ihre schrillsten Vertreter bisweilen wirken, als wären sie fleischgewordene Algorithmen, Homunkuli aus Hirn- und Finanzströmen, humanoide Ausstülpungen des Kapitals selbst, so bleiben es doch: Männer.

Kein Wunder, dass der Transhumanismus im Silicon Valley so viele Anhänger hat. Wer die Wirklichkeit modifiziert, fängt gern mit sich selbst an.

Von Elon Musk existieren Bilder, auf denen er noch als Nerd mit fliehender Stirn zu erkennen ist. Es gibt auch Fotos, die ihn mit langen Haaren im Ledermantel zeigen, sozusagen die Beta-Version. Und Jeff Bezos war vor 20 Jahren noch ein schmächtiger Kerl mit Bundfaltenhose und »Amazon«-Hemd. Heute sieht er aus wie Popeye – oder ein vergnügter Zuhälter, der sich für die nächste Schlägerei ein paar Muskeln antrainiert hat. An beiden ließ sich schon früher ein zwingendes Siegerlachen beobachten, eher ein raubtierhaftes und damit nicht gerade transhumanes Bellen.

Vielleicht sollten wir die Hyperreichen nicht an ihrem Lachen messen, ihrem Kleidungsstil, ihren Tweets, Versprechungen oder Aktienkursen. Sondern daran, ob sie ein nennenswertes Quantum ihrer finanziellen und intellektuellen Potenz nutzen, die Welt nicht nur bequemer, sondern auch besser zu machen.

Sie müssen ja nicht alle Gefahren abwenden. Es würde schon reichen, nicht am Untergang noch verdienen zu wollen.

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