Wer von einer Zukunft der Liebe und Vernunft träumt, muss sich erst durch schwere Gemetzel kämpfen: Die heiß erwartete Fortsetzung „Black Panther: Wakanda Forever“ kommt ins Kino. Die Frage ist: Soll man zur Sicherheit den Menschen ausrotten?
Als vor vier Jahren Disneys Comic-Verfilmung „Black Panther“ in die Kinos kam, war das so etwas wie ein epochales Ereignis. Ein mythischer Superheld aus Afrika; eine Besetzung und ein Stab, die mit wenigen Ausnahmen nur aus Schwarzen bestanden; die Fantasie eines schwarzen Reiches, das der weißen Welt – in Gewalt, Gier und Rassismus verstrickt – technologisch und moralisch weit überlegen war; ein wuchtiger Mythos, der eine alternative Zivilisation namens Wakanda malte, in der es keine Kriege gab, Frauen gleichberechtigt waren und eine naturnahe Spiritualität herrschte – und zugleich immer wieder ein hellsichtiger Kommentar über die politischen Verhältnisse und den Stand des Rassismus in der empirisch erfahrbaren Welt: All das alles machte „Black Panther“ zu einem Blockbuster mit sehr viel ehrgeizigeren Ansprüchen, als sein Publikum nur zu unterhalten.
Die Fragen, die in Ryan Cooglers Film verhandelt wurden, waren höchst drängend. Soll man in einer Welt, von der man nichts zu erwarten hat, den Widerstand aufnehmen oder eine Gegenkultur aufbauen? Soll man dem verständlichen Impuls der Rache nachgeben oder, wider besseres Wissen, auf die Überzeugungskraft von Liebe und Vernunft hoffen? Lässt es sich moralisch rechtfertigen, sich von der Umwelt abzuschotten und bei der Globalisierung nicht mitzumachen, wenn man doch weiß, was die Menschen jenseits der Grenzen („zwei Milliarden“ heißt es im Film) Tag für Tag erleiden müssen und dass sie mächtige Solidarität dringend gebrauchen könnten?
In den Kinos war diese Geschichte ein gigantischer Erfolg: In den USA Platz 4 auf der Liste der umsatzstärksten Filme aller Zeiten, weltweit der vierzehnterfolgreichste Film, der je gedreht wurde, von mehr Menschen gesehen als jeder andere Marvel-Film, drei Oscars und vier Oscar-Nominierungen (unter anderem als „Bester Film“), und die Ahnung, dass es sich nicht bloß um ein weiteres Spektakel im Marvel-Universum handelte, sondern um etwas Wichtigeres.
Und dann starb Chadwick Boseman, der Schauspieler, der so charismatisch den wakandischen König T’Challa gespielt hatte, an Krebs.


Quelle: Eli Adé
Nun kommt die „Black Panther“-Fortsetzung in die Kinos, und sie ist so etwas wie ein Requiem: ungebremste Trauer über einen mythischen Mann, herzergreifende Schilderung des Unglücks, von dem man befallen wird, wenn man jemanden verloren hat, der einem einen Weg durch die Dunkelheit weisen konnte, der Blick in die Abgründe, die sich auftun, weil man ratlos geworden ist, Beschwörung des Erbes, das einem hinterlassen wurde und das man zu verwalten hat, und schließlich eine gloriose Wiederauferstehung.
Die Geschichte von „Wakanda Forever“: Nach dem Tod T’Challas versuchen die Supermächte, den Wakandern ihr Vibranium abzunehmen, jenes Metall, das es nur bei ihnen gibt und ihnen eine technologische Überlegenheit ermöglicht, die sie gegen die Welt nicht durchsetzen wollen, weil sie wissen, was sie in den falschen Händen bewirken würde. Es ist, wie es seit jeher war: Kaum wittern die Weißen eine Chance, Afrikaner auszuplündern, legen sie los.
Und noch mit einer weiteren Gefahr müssen die Wakander es aufnehmen: Der Herrscher eines zweiten unsichtbaren Reichs mit aztekischen Wurzeln, das ebenfalls von Vibranium lebt, will verhindern, von den Amerikanern angegriffen zu werden und deswegen Wakanda zum gemeinsamen Krieg gegen den Rest der Welt überreden – um ein für alle Mal Schluss zu machen mit der äonenalten Ausbeutung und danach in ewigem Frieden zu leben.
Es kommt, wie es in derlei Geschichten immer kommt, „Wakanda Forever“ erzählt zwar von einer afrofuturistischen Zivilisation, aber es erzählt nicht avantgardistisch: Schlachten, Gemetzel, zahllose Tote, am Ende siegt das Gute. Die beiden Vibraniumreiche tun sich zusammen, nehmen Abstand vom Kriegerischen und besiegen das Bedürfnis, die Welt, die ihre Ressourcen will, zu vernichten, um einen Beistandspakt zu schließen, der strikt der Verteidigung dient.


Quelle: Eli Adé
Doch der Weg bis zu dieser Auflösung (die weitere „Black Panther“-Geschichten ermöglicht) ist spektakulär. Seeschlachten, bei denen Krieger auf Walen reiten, Knöchelflügler, die wie Insekten durch die Lüfte schwirren, Szenen, in denen mythische Bilder aus unvordenklicher Zeit mit High-Tech-Fantasy amalgamiert sind. Und immer wieder fast pastorale, sich mit Idyllik vollsaugende Kamerafahrten durch die beiden Superheldenreiche Wakanda und Talocan.
In diesem unterseeischen Imperium, dessen Bewohner den Sauerstoff im Wasser atmen können, vergnügen sich Menschenschwärme beim Ballspiel und tanzen Tänze, an die kein Wasserballett der Filmgeschichte heranreicht. Und in Wakanda ist der Himmel so hell, dass man sofort hinwill. Die Visionen der alternativen Welten, die „Wakanda Forever“ seinem Publikum schenkt, sind so wimmelig wie Bruegel-Bilder, so licht wie Berglandschaften Ferdinand Hodlers, so sehr im Wunderbaren schwelgend wie biblische Legenden und glücklicherweise ohne jede Zurückhaltung im Emotionalen.
Klar, das ist Kitsch. Aber auch ein Versprechen
Klar ist das immer wieder Kitsch, aber ebenso klar ist, dass Kitsch eine Art Versprechen auf eine erlöste Zukunft ist, in der man sich nicht mehr mit Zynismus, Witzen, Skepsis panzern muss. Wie sollte man das auch schaffen, wenn einem schon ganz am Anfang des Films das Herz aufgegangen ist, eine Schweigeminute für den toten Chadwick Boseman, ehe Rihanna „Lift me Up“ singt, ihr allererstes Lied seit sechs Jahren?
Selbstverständlich ist das alles eine irrwitzige Selbstermächtigungs-Fantasy für schwarze und kolonialisierte Menschen, von der man in jeder Sekunde weiß, dass es sich bloß um Quatsch handelt, weil es für Wiederauferstehen anderer Ressourcen bedarf als ein ausgedachtes Wundermetall. Aber man sollte dankbar sein dafür, dass endlich einmal für so einen Traum Kreativität und Millionen von Dollar investiert wurden.





