Der Soundtrack zum Spektakel

Rolling Stones, Queen, Neil Young – sie alle wehren sich dagegen, mit Trump in Verbindung gebracht zu werden

19.03.2024
Lesedauer: 6 Minuten
Wie ein Pop-Star bezieht Trump das Publikum an seinen Wahlkampfveranstaltungen mit ein, zeigt mit dem Finger auf einzelne Zuschauer, tanzt zu Musik und fördert dadurch das Gemeinschaftsgefühl. / Michael Conroy / AP

Kaum verwendet Donald Trump einen Song an einer Wahlkampfveranstaltung, schalten sich die Künstler ein. Als Präsidentschaftskandidat kultiviert er mit seiner Playlist sein Image.

Donald Trump gibt den Ton an, bevor er die Bühne betritt. Minutenlang lässt er das Publikum an der Konferenz von Konservativen (CPAC) Ende Februar in Oxon Hill, Maryland, warten. Aus dem Hintergrund schallen Hits wie Metallicas «Enter Sandman», Abbas «Dancing Queen» und Sinéad O’Connors «Nothing Compares 2 U».

Dann tritt er, wie üblich, zu «God Bless the USA» des Country-Musikers Lee Greenwood auf die Bühne. Trump küsst die amerikanische Flagge. Er spricht von einem Amerika, das in Chaos und Gewalt versinke: «Unser Land wird zerstört, und das Einzige, was zwischen Ihnen und seiner Auslöschung steht, bin ich.»

Mit seiner Musikwahl verärgert Trump regelmässig amerikanische Künstler. Sie fühlen sich von ihm und seiner Politik vereinnahmt. Jüngst tadelten ihn die Nachlassverwalter der 2023 verstorbenen irischen Sängerin Sinéad O’Connor. Sie verlangten Anfang März, dass Trump es umgehend unterlasse, ihre Musik abzuspielen: Sinéad O’Connor wäre «angewidert, verletzt und beleidigt» gewesen, dass jemand wie Trump ihre Arbeit falsch darstelle.

Solche Unterlassungserklärungen, sogenannte «cease and desist letters», von Musikern sind zu einem festen Bestandteil des politischen Wahlkampfs in den USA geworden.

Unerwünschte Komplizität

Im August 2020 veröffentlichte die Organisation Artist Rights Alliance einen offenen Brief. Sechzig Unterzeichner, unter ihnen Aerosmith, Cyndi Lauper, Linkin Park, Lorde, Mick Jagger, forderten, dass Politiker für die Verwendung von Musik im Wahlkampf die ausdrückliche Zustimmung von den Urhebern einholten.

Sie verwiesen auf eine mögliche Urheberrechtsverletzung – und ein moralisches Dilemma. Durch die ungefragte Nutzung eines Songs bestehe die Gefahr, dass die Ausdrucksweise des Künstlers verzerrt werde. Fälschlicherweise könnte eine Unterstützung des Kandidaten angedeutet werden. Das führe zu irritierten Reaktionen bei den Fans.

Der Brief richtet sich generell gegen die ungefragte politische Vereinnahmung von Musik. Trump ist aber mit besonders vielen Beschwerden konfrontiert. Neil Young, Adele, R.E.M., Elton John, Pharrell Williams und Dutzende weitere Künstler wehrten sich gegen die Verwertung ihrer Songs.

Normalerweise braucht es eine ausdrückliche Erlaubnis der Rechteinhaber, um einen Song im Fernsehen, im Radio oder im Internet zu verwenden. Anders verhält es sich mit dem Abspielen bei öffentlichen Veranstaltungen.

Hierfür können pauschale Lizenzen erworben werden. Diese werden von Organisationen für Aufführungsrechte wie Ascap und BMI für politische Kampagnen herausgegeben. Ascap und BMI vertreten die Rechte von Millionen musikalischer Werke von Songwritern und Komponisten sowie ihren Musikverlagen. Mit dem Kauf einer solchen Lizenz haben Politiker Zugriff auf dieses Repertoire.

Die Urheber haben aber die Möglichkeit, Werke für eine bestimmte politische Kampagne auszuschliessen. So liessen etwa die Rolling Stones 2020 ihre Lieder aus der Liste der für politische Nutzung angebotenen Werke entfernen.

Viele der Künstler begnügen sich mit einer öffentlichen Aufforderung Trumps, die Lieder nicht mehr zu verwenden. Am Ende geht es den Künstlern wohl auch weniger darum, das Abspielen der Songs zu verbieten, als vielmehr darum, der Welt mitzuteilen: Ich bin gegen Trump – um nicht in ein schiefes Licht zu geraten und ihr Image zu schädigen.

Teil von Trumps Imagepflege

Das alles scheint Trump nicht zu kümmern. Queen, The Rolling Stones, Guns N’ Roses berichten den Medien ihren Frust darüber, dass er ihre Aufforderungen ignoriert.

Zu Trumps Kampagnen-Songs gehören etwa «We Are The Champions», «The Man Who Saved America» oder «Eye of the Tiger». Diese Lieder verleihen einem Veranstaltungsort die Atmosphäre einer Sportarena und sollen Trumps Siegermentalität unterstreichen.

Letztgenanntes Lied ist die kämpferische Boxer-Hymne aus dem dritten «Rocky»-Film. Ein Ausdruck von Trumps Entschlossenheit, zu gewinnen. Die eine oder andere Song-Zeile hat dabei eine gewisse Komik: «Just a man and his will to survive» impliziert auch, dass der Protagonist im Angesicht des Tigers in unmittelbarer Gefahr ist und erhebliche Fähigkeiten einsetzen muss, um seinem Dilemma zu entkommen.

Gleichzeitig vermittelt Trump seinen Fans den Eindruck, einer von ihnen zu sein, und fördert das Gemeinschaftsgefühl. Er bezieht das Publikum mit ein, zeigt mit dem Finger auf einzelne Zuschauer: «Wir werden für unser Land kämpfen, wie es noch nie jemand zuvor getan hat.» Seine Lieder sind populär, mitsingbar, patriotisch. Ohrwürmer, die sich ins Gedächtnis graben.

Andere Musiktitel lesen sich wie selbstironische Kommentare: «Sympathy for the Devil», «Asshole», «Fuck tha Police», «World Leader Pretend», «Macho Man». Die Auswahl soll wohl auch provozieren und Trumps Image als Rebell, Aussenseiter und Regelbrecher unterstreichen.

Bei genauerer Betrachtung sind die Lieder allerdings oft komplexer, als es Titel und Refrain vermuten lassen. Und manchmal stehen sie im Gegensatz zur Botschaft, die Trump vermitteln will.

Ein Beispiel dafür ist die Verwendung von Bruce Springsteens «Born in the USA». Hätte sich Springsteen 1984 nicht beschwert, hätte schon Ronald Reagan den Song zu seiner Wahlkampfhymne gemacht. Reagan war wohl der Überzeugung, eine patriotische Ode an die amerikanischen Werte und die Verdienste der US-Veteranen vor sich zu haben.

Dabei überhörte er die Zweideutigkeit der Liedzeilen, die Springsteen ins Mikrofon nuschelt. Eigentlich singt er nämlich von der Desillusion des amerikanischen Traums, von posttraumatischen Belastungsstörungen der heimkehrenden Vietnam-Soldaten und der perspektivlosen Gegenwart einer tief gespaltenen Gesellschaft.

30 Jahre später verwendeten Republikaner noch immer Springsteens Song. Bis dieser seinen Standpunkt 2016 ein für alle Mal klarmachte: Wie bereits Reagan schickte er Trump einen «cease and desist letter», er trat bei Wahlkampfveranstaltungen von Hillary Clinton auf, schrieb einen Anti-Trump-Song und nannte Trump im Gespräch mit dem amerikanischen Magazin «The Atlantic» eine «Gefahr für die Demokratie».

Widersprüche zwischen politischem Programm und Songtexten sind für das Branding eines Wahlkampfs aber kaum bedeutend. Wichtig sind eine unverwechselbare Tonspur, die Titel, die eingängigen Refrains. Diese nehmen einen grösseren Platz im Bewusstsein des Publikums ein als das Entschlüsseln der in den Strophen ausgedrückten Erzählungen.

Trump banalisiere die Lieder, kritisiert Chris Richards, Pop-Musik-Kritiker der «Washington Post», und schaffe dadurch eine Leere, «eine autoritäre Wartemusik». Das mache sie wirksam. Sie würden die hasserfüllte Atmosphäre durchdringen, die er kultiviere, mit einer Aura absoluter Normalität. Und sorgten so dafür, dass sich alle wohlfühlten – in ihrer Empörung, ihrem Misstrauen, in ihrer Feindseligkeit.

Weisse, ältere Künstler

Die «New York Times» hat 2019 die Playlists von neun demokratischen Kandidaten und dem damaligen Präsidenten Trump analysiert, um den Ton der jeweiligen Kampagne zu bestimmen.

Gemäss dieser Analyse spielt Trump an Kundgebungen überwiegend Songs von weissen Männern oder mehrheitlich weissen Bands aus dem letzten Jahrhundert. Die Strophen weisen kämpferisches Selbstvertrauen, hohe Dramatik, Selbstbeweihräucherung und Bekanntheit aus. Der Standardton sei ein martialisches Gebrüll.

Zum Vergleich: In Bidens Playlist sind schwarze und weisse Künstler ausgeglichener vertreten. Mit Lady Gaga, John Legend, Bleachers und The 1975 lehnt er sich an das gegenwärtige Jahrzehnt an, greift aber auch auf Soul-Klassiker zurück.

Beim Wahlkampf 2020 ging Trump häufig zum Rolling-Stones-Song «You Can’t Always Get What You Want» von der Bühne. Gemeint hatte er damit die Demokraten. Schliesslich war er es selbst, der die Wahl verlor. Nun sollen sich seine Fans wieder auf ihn stützen. Trump sei dabei, sie zu retten. So teilt er es ihnen durch sein neues Abgangslied «Hold On, I’m Coming» des Soul-Duos Sam & Dave mit.

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