Sie hat sich in schlüpfrigen Zonen immer wieder als nonchalante Soldatin bewährt. Doch im Kampf um die ewige Jugend stehen Madonnas Chancen ziemlich schlecht.
Madonna sang nicht, sie tanzte nicht. Kaum eine Minute dauerte unlängst ihr Auftritt an den MTV Video Music Awards 2021 in Brooklyn. Mit ein paar kämpferischen Worten gratulierte sie dem einst so einflussreichen Musikfernsehen, das dieses Jahr seinen vierzigsten Geburtstag feiern kann.
Dass die 63-jährige Diva damit weltweit und tagelang für Aufregung sorgen sollte, lag an dem Outfit, in dem sie sich breitbeinig vor ein Mikrofon gepflanzt hatte. Mit schwarzem Lack und Leder beschichtet, wirkte sie wie eine Domina. Eine knappe Corsage bändigte Torso und üppige Kurven. Und von der martialischen Schirmmütze flossen, wie aus einer Tube Mayonnaise gepresst, blonde Wellen beidseits des gepuderten Gesichts vorbei, um sich auf die schwarzen Epauletten zu ergiessen.
Provokation und Peinlichkeit
Madonna also zeigte erst ihr Gesicht, dann ihr Gesäss und erntete so Applaus und Entsetzen. 63-jährig ist sie und immer noch so fit, fanden gönnerhaft die einen. Madonna setze sich über alle Regeln und Normen hinweg, sagten andere. Wie schafft sie es nur, immer wieder zu provozieren, fragten sich dritte. Für viele war Madonnas Provokation diesmal jedoch mit Peinlichkeit gepaart. In den Social Media schienen sich einige fremdzuschämen angesichts behelfsmässig dressierten Bindegewebes. Es wurde auch gehöhnt über all die chirurgischen, kosmetischen und technischen Hilfsmittel, die die Zeichen der Vergänglichkeit verbergen sollen.
Madonna hat mit einem Paradox zu kämpfen. Sie möchte stets noch die Alte sein, stattdessen wird sie immer älter. Das erklärt vielleicht, weshalb sie an den MTV Video Music Awards wie eine aufgedonnerte und verhärmte Puffmutter wirkte. Schlimmer noch. Die SM-Ausstattung machte sie zur Karikatur ihrer selbst. Man denke nur an die Madonna, die sich 1992 auf dem Album «Erotica» und im Fotoband «Sex» noch mit spielerischer Leichtigkeit in die Tabuzonen der Sexualität vorgewagt hatte.
In den Tabuzonen des Alters macht sie nun eher eine zwiespältige Figur. Auch eine kämpferische Madonna kann nicht verbergen, dass es sich bei Pop ursprünglich um eine Jugendkultur handelt. Und die Jugend bestimmt hier bis heute, was im Trend ist und was als Retro kultiviert wird. Madonna gehört immerhin zu jener Künstlergarde, die den Zugang zur Pop-Szene auch für die Generation der «Boomer» noch offen halten. Andere Diven behaupten sich aber schon weit länger.
Grace Jones zum Beispiel ist zehn Jahre älter als Madonna. Was aber Stil und Coolness betrifft, stellt sie die meisten Konkurrentinnen noch immer in den Schatten. Oder die 75-jährige Cher: Im Alter von 52 Jahren hat sie mit «Do You Believe» einen ihrer grössten Hits gelandet; und der von Auto-Tune verfremdete Gesang hat einen Auto-Tune-Boom ausgelöst, der bis heute anhält. Die 82-jährige Tina Turner wiederum hat ihre Solokarriere mit 45 Jahren lanciert, als sie 1984 das Album «Private Dancer» herausbrachte. Und bis in ihre Siebzigerjahre hat sie live überzeugen können mit Tanzeinlagen und virtuosem Gesang.
Zeitlose Musik
Und schliesslich gibt es auch eine ganze Reihe von Musikerinnen und Musikern – von Bob Dylan bis zu den Rolling Stones, von Patti Smith bis Joni Mitchell –, die nicht ständig um Jugendlichkeit ringen müssen, weil ihr Repertoire ohnehin zeitlos bleibt. Da offenbart sich dann das Manko einer Madonna, die, statt einen eigenen Stil zu prägen, sich ein Leben lang den musikalischen Moden anpasste. Ohne ihre vitale Präsenz wirkt ihr Werk eher schal.






