«Ich war nicht an eine Heizung oder so gekettet, doch diese mächtigen Leute waren meine Fessel» – Virginia Giuffre klagt Prinz Andrew an

13.01.2022
Lesedauer: 6 Minuten
Virginia Giuffre während einer Pressekonferenz vor einem Gerichtsgebäude in New York im August 2019. Foto: Bebeto Matthews / AP

Die Amerikanerin Virginia Giuffre beschuldigt den britischen Prinzen Andrew, sie als Jugendliche sexuell missbraucht zu haben. Wer ist die Frau?

Auf den ersten Blick führt Virginia Giuffre ein ganz normales, bürgerliches Leben. Mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern wohnt die Amerikanerin in einem grossen Haus in Perth an der australischen Westküste.

Doch Giuffre ist keine Unbekannte, sondern die Frau, die in einem der bekanntesten Missbrauchsfälle der jüngeren Zeit im Mittelpunkt steht.

Die 38-Jährige wirft dem britischen Prinzen Andrew vor, sie im Jahr 2001 als Minderjährige mehrfach missbraucht zu haben. Ein amerikanischer Richter hatte am Mittwoch den Antrag von Prinz Andrew zurückgewiesen, die Klage gegen ihn fallenzulassen. Damit dürfte der Prozess im Herbst beginnen.

Die Anwälte des 61-jährigen Andrew hatten gehofft, sich auf einen Vergleich berufen zu können, den Giuffre im Jahr 2009 mit dem amerikanischen Multimilliardär Jeffrey Epstein geschlossen hatte. Als Jugendliche war sie Opfer des von Epstein und dessen Ex-Partnerin Ghislaine Maxwell aufgebauten Missbrauchsrings geworden. Beim Vergleich von 2009 erhielt Giuffre 500 000 Dollar, im Gegenzug musste sie versichern, niemanden aus Epsteins Umfeld zu beschuldigen, der als «potenzieller Angeklagter» gelten könnte.

Das Thema Missbrauch zieht sich wie ein roter Faden durch die Jugendjahre von Virginia Giuffre. Sie wurde 1983 als Virginia Roberts im kalifornischen Sacramento geboren, später zog ihre Familie nach Florida. Der BBC gegenüber sagte sie 2019, sie sei bereits im Alter von sieben Jahren von einem Freund der Familie vergewaltigt worden. Ihre Kindheit habe abrupt geendet.

Später lebte Virginia Giuffre immer wieder in verschiedenen Pflegefamilien. Im Alter von 14 Jahren landete sie auf der Strasse, dort habe sie nichts als «Hunger und Schmerz und mehr Missbrauch» erlebt, wie sie der BBC schilderte.

Ihre Kindheit in zerrütteten Verhältnissen, der Mangel an Stabilität und Vertrauen sollten sie zur perfekten Beute im Missbrauchskomplex um den pädosexuellen Financier Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell machen.

Im Nachhinein würde ich sagen: «Renn um dein Leben»

Im Jahr 2000 lebte Virginia Giuffre wieder bei ihrem Vater in Florida, der im Hotelkomplex Mar-a-Lago des späteren Präsidenten Donald Trump arbeitete. Auch Virginia half dort aus. Im Hotel traf sie auf Ghislaine Maxwell. Die elegante Britin habe sie in ein Gespräch verwickelt und ihr ein Bewerbungsgespräch für eine angebliche Ausbildung zur Massagetherapeutin vorgeschlagen. In einem Interview für die Doku-Serie «Lifetime» sagte Giuffre 2020, bei ihr hätten keinerlei Alarmglocken geschrillt, da Ghislaine Maxwell unglaublich nett gewesen sei – wie eine Mary Poppins sei sie ihr vorgekommen. Sie sei damals zu ihrem Vater gelaufen und habe gerufen: «Du wirst es nicht glauben, Dad.» Ihr Vater habe sie sogar zum Anwesen von Jeffrey Epstein gefahren, wo das Vorstellungsgespräch stattfinden sollte.

Beim «Einstellungsgespräch» musste Giuffre den nackten Milliardär zusammen mit Ghislaine Maxwell massieren. «Sie schienen nette Leute zu sein, deshalb vertraute ich ihnen», schilderte Giuffre später die Erlebnisse. Sie habe ihnen erzählt, dass sie es bisher ziemlich schwer gehabt habe, dass sie eine Ausreisserin gewesen sei und sexuell und körperlich missbraucht worden sei. «Das war das Schlimmste, was ich ihnen erzählen konnte, denn von da an wussten sie, wie verletzlich ich war.»

Noch während des ersten Treffens sei es zum sexuellen Missbrauch gekommen, schildert Giuffre im Interview. Sie sei bezahlt und wieder eingeladen worden. Und sie habe sich gedacht: «Wenn sexueller Missbrauch so sehr in meinen Leben vorherrschend ist, vielleicht muss es dann einfach so sein.» Im Nachhinein frage sie sich, was sie ihrem 16-jährigen Selbst raten würde: «Heute würde ich sagen: Renn um dein Leben.»

«Herumgereicht wie eine Früchteplatte»

Die verhängnisvolle Begegnung mit Maxwell war der Beginn von mehreren Jahren voller Missbrauch. Nicht nur von Epstein, der sich 2019 in der Untersuchungshaft das Leben nehmen sollte, sei sie missbraucht worden. Sie sei, während sie in Privatjets durch die Welt geflogen worden sei, wie eine «Früchteplatte unter seinen mächtigen Bekannten» herumgereicht worden, unter ihnen der Anwalt Alan Dershowitz.

2001 habe Epstein die damals 17-Jährige nach London gebracht und dort Prinz Andrew vorgestellt. Es gibt ein Bild, das laut Giuffre an jenem Abend aufgenommen wurde und sie im Arm des zweitältesten Sohns der Queen zeigt, während Ghislaine Maxwell im Hintergrund lächelt. Sie habe mit ihm tanzen müssen, der Schweiss des Prinzen sei über sie geflossen, ekelhaft sei es gewesen, doch «ich wusste, ich muss ihn bei Laune halten», denn das hätten «Jeffrey und Ghislaine» von ihr erwartet, schilderte Giuffre im BBC-Interview von 2019.

Prinz Andrew, Virginia Giuffre (damals Virginia Roberts) und im Hintergrund Ghislaine Maxwell im Jahr 2001.
Prinz Andrew, Virginia Giuffre (damals Virginia Roberts) und im Hintergrund Ghislaine Maxwell im Jahr 2001.www.capitalpictures.com

«Das war eine angstvolle Zeit in meinem Leben. Ich war nicht an eine Heizung oder so gekettet, doch diese mächtigen Leute waren meine Fessel», sagte Virginia Giuffre gegenüber der BBC.

Der Prinz soll sie in der Londoner Wohnung von Ghislaine Maxwell zum Sex gezwungen und sie in zwei von Epsteins Wohnungen missbraucht haben. Im August 2021 reichte Giuffre deswegen eine Zivilklage gegen Prinz Andrew ein. Der 61-Jährige bestreitet bis heute die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs.

Mit 20 Jahren war sie dann zu alt für Epstein

2003 soll Epstein laut Aussagen von Giuffre das Interesse an ihr verloren haben, da sie von da an zu alt für ihn gewesen sei. Sie habe Epstein davon überzeugen können, ihre Ausbildung zur richtigen Masseurin zu bezahlen. Er habe ihr Kurse in Thailand organisiert. Bei ihrer Rückkehr hätte sie ein thailändisches Mädchen für ihn mitbringen sollen. In Thailand traf Giuffre stattdessen auf den Kampftrainer Robert Giuffre, den sie zehn Tage nach dem ersten Treffen heiratete und mit dem sie nach Australien zog, wo sie eine Familie gründeten.

Zudem gründete sie 2015 die Stiftung Speak Out, Act, Reclaim (SOAR), die Opfer von sexuellem Missbrauch unterstützt und ihnen Gehör verschaffen möchte. 2019 ging sie selber mit den Vorwürfen gegen Prinz Andrew an die Öffentlichkeit, im August reichte sie Zivilklage wegen sexuellen Missbrauchs ein und forderte Schmerzensgeld.

Im Prozess gegen Ghislaine Maxwell trat sie nicht als Klägerin auf. Doch nach deren Verurteilung im Dezember letzten Jahres äusserte sich Virginia Giuffre im New Yorker Magazin «The Cut» zu Maxwell. Der Vertrauensbruch durch Ghislaine Maxwell wiege schwer: «Ihre Täuschung schmerzt sogar mehr, weil ich ihr so naiv in die Falle gegangen bin.» Sie nennt Maxwell auch die «rechte Hand des Teufels». Sie sei schlimmer als Epstein, denn sie habe ihren Charme und ihr Lächeln genutzt, um das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen.

Auf der Website der Nichtregierungsorganisation SOAR findet sich ein Zitat von Giuffre, von dem sie sagt, es könne auch erklären, warum sie jetzt noch einmal die Klage gegen Prinz Andrew durchfechten möchte: «Ich tue das für die Opfer überall. Ich bin nicht mehr das junge und verletzliche Mädchen, das man quälen kann. Ich bin jetzt eine Überlebende, und das kann mir niemand mehr wegnehmen.»

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