«Dieses Macho-Dings ist überbewertet», sagt Clint Eastwood in seinem neuen Film

25.10.2021
Lesedauer: 5 Minuten
Clint Eastwood und Eduardo Minett als kleinkrimineller Rafo mit seinem Gockel Macho. Foto: Warner

In «Cry Macho» macht sich ein greisenhafter Cowboy auf, einen Buben aus Mexiko in die USA zu schmuggeln. Erzählt Clint Eastwood hier ein Immigrationsmärchen? Wird der Mann auf die alten Tage zum linken Softie?

Er ist dreimal so alt wie der Scherge, der ihn verfolgt. Eine Szene, in der Clint Eastwood, 91, einem Widersacher die Faust auf die Nase drückt, darf in «Cry Macho» trotz dem hohen Alter nicht fehlen. Aber sonst überlässt der Mann, der in seiner Jahrhundertkarriere ein Bild archetypischer, auch gerne gewaltbereiter Männlichkeit geprägt hat, das Rangeln diesmal einem Hahn – einem Kampfhahn, der auf den Namen Macho hört. Eastwood, das müssen ihm auch seine ärgsten Kritikerfeinde lassen, hat Humor.

Der Gockel gehört dem desperaten Rafo (Eduardo Minett), einem 13-jährigen Kleinkriminellen, der in Mexiko in Hinterhöfen herumlungert und mit dem Tier an Hahnenkämpfen teilnimmt. Eastwood verkörpert Mike, einen früheren Rodeostar aus Texas, der über die Grenze gefahren ist, um Rafo zu holen. Er soll den Buben in die USA bringen, sein alter Chef (Dwight Yoakam) von der Pferderanch hat ihn darum ersucht. Der ist Rafos Vater und will das Kind aus den Klauen von dessen mexikanischer Mutter befreien. Denn die Frau ist eine schwerreiche Furie, deren brutale Liebhaber den Jungen misshandeln.

Währschafter Cowboy wagt sich tief hinein ins verrohte Mexiko: Es klingt fast nach einer Auftragsarbeit für die Alt-Right. Aber Eastwood, der für Hollywoodverhältnisse bekanntermassen rechts steht, dem man auch schon eine Nähe zu Trump vorgeworfen hat, geht viel eher hin, die Erwartungen zu unterlaufen. Die mexikanische Mutter mag tatsächlich des Teufels sein, aber Mike erwärmt sich zunächst für den Jungen, dann für das Land.

Er kauft sich ein Jäckchen mit Indiomuster, damit er nicht wie ein dummer Gringo aussieht, und auf der Flucht vor den Schergen der bösen Mutter stranden Rafo und er in einem Kaff, wo ihnen eine attraktive Witwe (Natalia Traven) Bleiberecht gewährt. Sie bittet den alten Einsiedler zum Engtanz, es ist, als wären wir in «The Bridges of Madison County»; am Ende hat sie den Cowboy domestiziert. Er weiss dann eine Tortillapresse zu bedienen, und er muss sich fragen: Ist es nicht sowieso viel besser hier als in den USA?

Keine Trump-Mauer

Ein antipatriotischer Eastwood? Wird der Mann auf die alten Tage noch zum linken Softie? «Cry Macho» basiert auf einem Roman des Autors N. Richard Nash von 1975. Der Drehbuchautor Nick Schenk hat die Geschichte in die späten siebziger Jahre verlegt und nicht etwa ins Jetzt. Jedenfalls muss dadurch Trumps Mauer nicht ins Bild gerückt werden, die Immigrationsballade sucht nicht das grosse politische Statement. Schenk, der schon in «Gran Torino» den aus der Zeit gefallenen Helden der Marke Eastwood karikierte, bedient sich der Buchvorlage vielmehr, um dessen Leinwandpersona erneut zu dekonstruieren. Jetzt aber auf familienfreundliche Art.

Dieser Mike strahlt durchaus noch die stoische Heldenhaftigkeit früherer Eastwood-Typen aus, er ist einer dieser bräsigen Kerle, die nichts mehr umhauen kann. Ein Verlusttrauma plagt ihn, Alkohol und Tabletten haben nicht geholfen. Jetzt hält sich der Mann an einfache Regeln, er sagt Sätze wie: «Schau, wohin du gehst, und geh, wohin du schaust.» Wenn Frauen, die halb so alt sind wie er, den greisenhaften Cowboy anschmachten, wirkt das allerdings so absurd, dass es nicht etwa zum Geschlechterklischee gereicht, sondern den Mann der Lächerlichkeit preisgibt.

Denn Schenk und Eastwood verhehlen nicht, dass er ein wirklich sehr alter Mann ist. Nach dem Mittagessen muss er ein Nickerchen machen, Mühe mit der Verdauung hat er auch. Da helfe ein Bissen Kaktus, klärt ihn Rafo auf, als Mike das mexikanische Bohnengericht nicht verträgt, sich krümmt und den Bauch hält. So viel Slapstick hat Eastwood noch nie gewagt. Er gibt sich seiner Hüftsteifigkeit hin, die Witze gehen auf die eigene Krempe. Am besten ist, wie Mike dem frühreifen Rafo, der ihm vorhält, nicht Macho genug zu sein, eine kleine Lektion übers Mannsein mitgibt. «Ich erklär dir jetzt mal was. Dieses Macho-Dings ist überbewertet.» Eastwood sagt’s und verkneift sich ein Grinsen.

Aus der Zeit gefallen

Ein anderer programmatischer Satz fällt gleich am Anfang des Films: «Du bist zu spät», wird Mike von seinem Boss angeraunzt; es ist noch so eine ironische Spitze auf Eastwoods eigenes Schaffen. Denn der Altmeister weiss natürlich, dass er mit seinen Filmen längst nicht mehr in die Zeit passt. Dieser ist nun aber auf eine Weise altbacken und holprig inszeniert, dass es fast parodistisch wirkt.

«Cry Macho» kommt locker dreissig, vierzig Jahre zu spät. Eastwood setzt hier auf einen Stil, wie man ihm damals im Privatfernsehen am frühen Abend begegnete. Soll das nun eine verschmitzte Verneigung an das Hollywoodkino jener Zeit sein? Oder hat er handwerklich so stark abgebaut? Man mag’s nicht glauben.

Vielleicht ist der Rückzug in ein vorgestriges Inszenieren auch einfach Eastwoods Art, mit dem Älterwerden klarzukommen. «Wer bin ich hier, Dr. Dolittle?», fragt Mike, als im mexikanischen Dorf die Leute dem tierlieben Ausländer plötzlich ihre kranken Ziegen und Gäule zeigen. Zum Schluss hält ihm einer seinen alten Köter entgegen, Mike schaut den Kerl konsterniert an: «Wie heilt man denn Alter?»

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