Lockerungen überall, nur der Profisport muss noch mit extremen Zuschauerbeschränkungen leben. Der Unmut in den Vereinen wird größer. Und die Angst
Wer in diesen Tagen mit Karsten Günther sprechen möchte, der erreicht ihn häufig im Auto. Er ist derzeit viel unterwegs. Auch aus Sorge um sein Lebenswerk. „Es ist gerade sehr herausfordernd“, sagt er am Telefon. Im Hintergrund rauscht es. Günther ist auf dem Weg nach Dresden, mal wieder. Er wird dort Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sprechen und für die Rückkehr von Zuschauern im Profisport werben.
Karsten Günther ist sowas wie ein „Mister Handball“ in Leipzig. Er hat den SC DHfK Leipzig – der die in der ehemaligen DDR gegründete Deutsche Hochschule für Körperkultur noch immer im Namen trägt – zu dem gemacht, was er heute ist: einen Handballbundesligisten. Günther kann begeistern und verbinden. So wurde er Sprecher von „Teamsport Sachsen“, einem Zusammenschluss verschiedener Profisportvereine: von RB Leipzig, über Eishockeyzweitligisten, den Olympiastützpunkt, bis hin zu mehreren Fußballregionalligisten.
Sie alle haben Probleme. Während die Pandemie für große Fußballvereine ein riesiger Verlustposten ist, wirkt sie auf kleine Profisportclubs, die vor allem von Zuschauereinnahmen leben, existenzbedrohend.
Was die Sportclubs landauf und landab besonders ärgert: Für andere Branchen gibt es Lockerungen, für den Sport nicht. Dazu fehlt eine klare Perspektive. Auf die will sich die Politik bis zum 9. Februar zwar verständigen, aber bis dahin bleibt dem Profisport nur eins: warten.
„Einseitig schlechter gestellt“
„Der kommunikative Aufwand ist gerade sehr hoch“, sagt Karsten Günther, der Handballmanager. Er muss die Sponsoren beisammen- und den Nachwuchs am Laufen halten. Er muss eine neue Saison planen, deren Rahmenbedingungen er nicht kennt. Günther würde sich wünschen, dass der Sport nicht nur als Event gesehen würde, sondern als Arbeitgeber für viele und als vermittelnde Instanz in der Gesellschaft.
Der Sport, aber auch Kultur und Tourismus, seien „einseitig schlechter gestellt“, als andere Branchen, meint Günther. Dabei habe man Konzepte vorgelegt, wie zumindest teilweise Fans in die Arenen dürften. Diese seien von den Gesundheitsämtern zugelassen worden. Der SC DHfK hatte sich zudem früh in der Pandemie an einer Studie beteiligt, die das Infektionsgeschehen bei Indoorsportveranstaltungen zu analysieren versuchte.
Viele Vereine seien in der Pandemie sehr kreativ geworden, wenn es darum ging, sich digital mit anderen Clubs und Fans auszutauschen. „Aber die Sache, um die es sich dreht, ist das Erlebnis in der Halle oder dem Stadion“, sagt Günther. „Wenn nicht bald Bewegung in die Sache kommt, werden einige Vereine diese Phase nicht überstehen.“
Bei der Ministerpräsidentenkonferenz gab es immerhin die vorsichtige Absichtsbekundung, die Regeln künftig vereinheitlichen zu wollen. Ansonsten heißt es „Kurs halten“, wie es der Bundeskanzler Olaf Scholz beschrieb. Für viele Profisportclubs führt dieser Kurs allerdings eher früher als später in die Insolvenz.
„Vieles können wir nicht mehr nachvollziehen“, sagte RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff am Sonntag, einen Tag vor dem Treffen der Ministerpräsidenten, bei DAZN. „Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass der Fußball immer für alles herhalten muss. Das ist für mich ein Stück weit Symbolpolitik, die hier veranstaltet wird. Es gibt Opern, die sind voll, mit 100 Prozent Auslastung – indoor!“
Mintzlaff artikuliert, wie sich viele im Profisport fühlen: benachteiligt. Mittlerweile auch zwischen den Bundesländern. Einen Tag nach dem Treffen entschied das Bundesland Bayern, künftig bis zu 10.000 Zuschauer oder 25 Prozent der Gesamtkapazität zuzulassen. In Sachsen soll es dagegen erst mal keine Änderungen geben. Dort gilt für Kultur und Sport die gleiche Regel: Entweder maximal 500 Personen oder 50 Prozent Auslastung, oder maximal 1.000 Personen und 25 Prozent Auslastung. Ein Theater oder ein Konzertsaal mag so zur Hälfte besetzt sein, bei RB Leipzig bedeuten 1.000 Zuschauer, dass kaum zwei Prozent der Plätze vollgemacht werden dürfen.
Es sei nicht nachvollziehbar, dass „der Profisport aktuell an vielen Stellen objektiv schlechter gestellt ist als andere Lebensbereiche“, erklärte die neue DFL-Geschäftsführerin Donata Hopfen. Auch Hansa Rostocks Clubchef Robert Marien hatte vor der Ministerpräsidentenkonferenz für Lockerungen geworben. Ein Viertel der maximalen Kapazität, die ließe sich gut auf die Stadien verteilen, argumentierte er im NDR. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kündigte später Lockerungen an – für die Kultur, nicht für den Sport.
Wenn man sich in Sachsen unter den Proficlubs umhört, ist auch viel von Anerkennung die Rede. Anerkennung für RB Leipzig. Der mit Abstand umsatzstärkste sächsische Profiverein habe sich in politischen Runden immer wieder für den Sport in ganz Sachsen starkgemacht, heißt es. Und weil Sachsens Proficlubs geschlossen auftraten, konnten mithilfe der landeseigenen Lottogesellschaft und einer Imagekampagne des Bundeslandes einige Millionen für die Clubs generiert werden. Mit weiteren Partnern sei die Initiative aktuell im Gespräch. RB verzichtete bisher zugunsten der anderen Clubs und Einrichtungen auf die Gelder.
82.809.672,28 Euro an kleinere Clubs
Auch vom Bundesinnenministerium, das für den Sport zuständig ist, gibt es ein Hilfsprogramm: die „Coronahilfen-Profisport“. Sie sollen die Ausfälle beim Ticketing ausgleichen. Ausgenommen davon sind aber die Fußballclubs der 1. und 2. Bundesliga. Sie bekommen nach Lesart der Politik genügend TV-Gelder und die flossen ja weiter. Für die Bundesligaclubs bleiben außerdem die Überbrückungshilfen. Laut Ministerium wurden an die „kleineren“ Profisportclubs bislang 82.809.672,28 Euro ausgezahlt.
An die Volleyballvereine etwa flossen in den vergangenen beiden Jahren rund 3,2 Millionen Euro. „Wir begrüßen ausdrücklich die Entscheidung der Politik, dass die Corona-Hilfen Profisport über das Jahresende 2021 hinaus verlängert wurden“, sagt Daniel Sattler, der Geschäftsführer der Volleyballbundesliga (VBL). Die finanzielle Lage der Volleyballclubs sei derzeit stabil, so Sattler. „Allerdings haben sich in den vergangenen zwei Spielzeiten drei Teams aus der 1. Bundesliga der Männer aus wirtschaftlichen Gründen zurückgezogen – hier spielte Corona natürlich auch eine Rolle.“
Einheitlichkeit und eine klare Perspektive
Die Volleyballer und Volleyballerinnen hoffen, dass zu den Playoffs im März wieder mehr Zuschauer in die Hallen dürfen. Natürlich mit Hygieneregeln. Dann – so sagen es die Prognosen – könnte die Omikron-Welle abgeklungen sein. „Wir betonen nachdrücklich, dass der Sport bei der Ausarbeitung von Öffnungskonzepte nicht schlechter gestellt werden darf als andere Veranstaltungsbranchen“, sagt Sattler.
Auch von den Volleyballern heißt es: Es brauche Einheitlichkeit und eine klare Perspektive. Man wolle in der Pandemie solidarisch sein. Es sei klar, dass der Sport nicht der erste Bereich sei, der geöffnet würde. Der letzte dürfe er aber auch nicht sein.
Das meiste Geld der Coronahilfen für den Profisport floss bislang an Eishockeyclubs, rund 45 Millionen Euro. Die Deutsche Eishockeyliga plagen gerade zwei Probleme: fehlende Zuschauer einerseits, Corona-Ausbrüche in den Teams andererseits. Die Spielervereinigung fordert deshalb sogar derzeit eine Pause des Ligabetriebs, damit die Profis mit ihren Nationalmannschaften bei den Olympischen Winterspielen antreten können.
Die wirtschaftliche Lage sei „angespannt“, heißt es auch von der Handballbundesliga. Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Liga, sagte nach einem Treffen aller Vereine: „Der professionelle Handball bedauert die Entscheidung, dass es vorerst keine bundesweite Änderung bezüglich der Zulassung von Zuschauer*innen zu Veranstaltungen gibt“. Schließlich hätten alle Sportligen gezeigt, dass Sportevents „verantwortlich und ohne bekannte Gefährdung“ möglich seien. Nur mit einer Perspektive für die Rückkehr der Zuschauer sei es für den Profisport „machbar, dass wir uns am eigenen Schopf aus der Pandemiekrise herauszuziehen“, sagt Bohmann.
Trotz all der Hilfen formulierten die vier großen Sportligen DFL (Fußball), HBL (Handball), DEL (Eishockey) und BBL (Basketball) zuletzt ein Schreiben an die Ministerpräsidenten und das Kanzleramt. Darin fordern sie klare Regeln und fragen: „Unter welchen Voraussetzungen können Zuschauerinnen und Zuschauer möglichst bald wieder in größerer Anzahl zugelassen werden?“ Das gelte aber auch andersherum: Ab wann müssten die Zuschauer wieder draußen bleiben?
Wie absurd die Regeln sich manchmal anfühlen, haben vergangenes Wochenende zwei Erzrivalen bemerkt. Der 1. FC Magdeburg und der Hallesche FC leben in leidenschaftlicher Abneigung. Während in Magdeburg am Sonntag zu Hause mehr als 15.000 Zuschauer erlaubt waren, weil es die Landesverordnung in Sachsen-Anhalt zulässt, spielte der HFC im niedersächsischen Braunschweig vor 500 Leuten. Das sorgt für Unverständnis bei den Fans.
Und nicht nur bei ihnen. „Wenn all das wackelt, was wir in 16 Jahren aufgebaut haben, weil wir weiter nur abwarten und vorsichtig werden, dann kommt in mir der Beschützerinstinkt raus, dann werde ich kämpferisch“, sagt Karsten Günther. Dabei gehe es ihm nicht um ihn selbst, sondern um 60 Angestellte, die Nachwuchsarbeit und die sozialen Projekte seines Vereins.






