Bisher wurde häufig kritisiert, dass nur weiße Schauspielerinnen die Rolle der Kleopatra spielen dürfen. Im Dokudrama »Queen Cleopatra« spielt nun Adele James die ägyptische Königin – und löst »Blackwashing«-Kritik aus.
Dass der Umgang mit Kleopatra nicht ganz unkompliziert ist, wissen Leserinnen und Leser von »Asterix«-Comics schon lange. Speziell das Filmgeschäft hat aber immer wieder so seine Probleme mit der ägyptischen Königin. Der große Monumentalfilm mit Elizabeth Taylor als Kleopatra und Richard Burton als Mark Anton brachte das Hollywoodstudio 20th Century Fox 1963 an den Rand des Bankrotts.
Kunde über ein neues Spielfilmprojekt macht seit Jahren die Runde in den Branchenmagazinen Hollywoods. Sony Pictures sollte eine Neuverfilmung erst mit Angelina Jolie, dann mit Lady Gaga in der Hauptrolle geplant haben, doch aus dem Projekt wurde erst einmal nichts. Dann gingen die Rechte an Paramount, erst Patty Jenkins, dann Kari Skogland sollten Regie führen. Als Herrscherin wurde die israelische Schauspielerin Gal Gadot (»Wonder Woman«) ausgeguckt.
Doch die Wahl der Darstellerin löste kontroverse Reaktionen aus. Im britischen »Guardian« nannte die Filmkritikerin Hanna Flint das Casting von Gal Gadot als Kleopatra einen »Rückschritt« und eine »verpasste Chance«, die Rolle mit einer nordafrikanischen Schauspielerin zu besetzen. Im Raum stand der Vorwurf des »Whitewashing«, der bis in die Minstrel-Zeit zurückgehenden Praxis, nicht-weiße Rollen an weiße Schauspielerinnen und Schauspieler zu geben. Gadot verteidigte sich im arabischen Dienst der BBC , die historische Kleopatra stamme von einem mazedonisch-griechischen General ab. Man habe keine mazedonische Schauspielerin gefunden und sie empfinde viel Leidenschaft für Kleopatra, sagte sie im Dezember 2020.
Im vergangenen Sommer gab es dann Meldungen , wonach Paramount den Zeitplan nicht einhalten könne – und dass die Konkurrenz von Universal das Projekt übernehmen könne. Doch während der Spielfilm weiterhin in der Pipeline hängt, hat Netflix Nägel mit Köpfen gemacht: Am 10. Mai kommt eine dokumentarische Serie über Kleopatra zu dem Streamingdienst. »Queen Cleopatra« wird in vier Folgen die Geschichte der ägyptischen Herrscherin erzählen . Die Kurzserie ist die zweite Folge in einer Reihe, die von Jada Pinkett Smith als ausführende Produzentin betreut wird. Die ersten vier Folgen handelten von Königin Nzinga, die im 17. Jahrhundert in Angola herrschte.
Wie schon bei »African Queens: Njinga« handelt es sich auch bei »Queen Cleopatra« um ein Doku-Drama – Aussagen von Expertinnen und Experten wechseln sich ab mit Spielszenen. Dargestellt wird Kleopatra von der 27-jährigen britischen Schauspielerin Adele James; sie hat weiße und schwarze Vorfahren. Ihre Wahl sei »ein Wink zu der jahrhundertelangen Debatte über die Ethnie der Herrscherin«, hieß es in einem Blogbeitrag von Netflix, der im Februar erschienen ist. Pinkett Smith nennt als Beweggrund für das ganze Projekt: »Ich wollte wirklich schwarze Frauen repräsentieren«, wird sie in dem Blog zitiert.
Nun allerdings hat auch dieses Kleopatra-Casting Aufregung ausgelöst – und zwar in Ägypten. Der Anwalt Mahmoud al-Semary forderte die Staatsanwaltschaft auf, die Blockade von Netflix in Ägypten anzustreben. Der Streamingdienst verletze Mediengesetze, da er darauf ziele, afrozentrisches Denken zu unterstützen und die Vorstellung der ägyptischen Identität auszuradieren. So zitierte ihn am Mittwoch die BBC.
Eine andere prominente kritische Stimme ist der ehemalige Antikenminister des Landes, Zahi Hawass, ein angesehener Ägyptologe. Der Zeitung al-Masry al-Youm sagte er : »Das ist komplett fake. Kleopatra war griechisch, das heißt, ihre Haut war heller, nicht schwarz«. Die einzigen ägyptischen Herrscher, von denen man wisse, dass sie schwarz waren, seien die Kuschiten der 25. Dynastie gewesen (747 bis 655 v. Chr.). Netflix löse Verwirrung aus, indem es »falsche und irreführende« Darstellungen davon verbreite, dass der Ausgangspunkt der ägyptischen Zivilisation schwarz sei.
Netflix ließ sich historisch durch die Ägyptologin Sally-Ann Ashton beraten. Sie hält die Darstellung Kleopatras als komplett europäisch für »seltsam«. Kleopatra habe in Ägypten regiert lange bevor sich Araber in Nordafrika ansiedelten. »Wenn die mütterliche Seite ihrer Familie indigene Frauen waren, wären sie Afrikanerinnen«, sagte Ashton.
Die Schauspielerin Adele James äußerte sich zu den »Blackwashing«-Vorwürfen, die sie auf ihrem Instagram-Account erreichten. Sie werde dieses Verhalten nicht tolerieren und ohne zu zögern Nutzer blockieren, schrieb sie bei Twitter: »Wenn euch das Casting nicht gefällt, schaut euch die Filme nicht an. Oder tut es und nehmt eine andere (Experten-)Meinung hin«.
Als die Debatte 2021 noch um ein weißes Casting von Kleopatra kreiste, wies die Historikerin Gesine Krüger in einem Essay zu der »schwarzweißen Debatte« auf ein Problem abseits der Hautfarbe der historischen Kleopatra hin: »Während Angelina Jolie und Gal Gadot ohne Probleme auch einmal eine ägyptische Königin verkörpern dürfen, ist es für Schwarze Frauen kaum möglich, von der ihnen zugeschriebenen Hautfarbe abzusehen.«
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