Messerangriff in Mannheim

Video ruft zum Mord an „allen Ex-Muslimen und jedem Islam-Kritiker“ auf

02.06.2024
Lesedauer: 9 Minuten
Mit einem Messer hat ein Mann Teilnehmer einer Kundgebung von Anti-Islam-Aktivisten auf dem Mannheimer Marktplatz angegriffen und sechs Menschen verletzt. Ein Polizist ringt um sein Leben. Sicherheitsexperte Malte Roschinski ordnet die Lage ein. Quelle: WELT TV

Der Messerangriff an einem Stand der islamkritischen Bewegung Pax Europa in Mannheim hat Entsetzen ausgelöst. Der Verein plant dennoch neue Auftritte. Behörden ermitteln gegen ein Tiktok-Video. Der verletzte Polizist schwebt weiterhin in Lebensgefahr.

Als Reaktion auf ein gewaltverherrlichendes Video nach der Messerattacke in Mannheim hat Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) ein hartes Vorgehen der Sicherheitsbehörden angekündigt. In einem offenbar im Onlinedienst Tiktok aufgetauchten Video wird zum Mord an „allen Ex-Muslimen und jedem Islam-Kritiker“ aufgerufen. Strobl sagte dazu der „Bild am Sonntag“: „Bei uns werden Verbrechen – ganz besonders Mordstraftaten – mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft und nicht gefeiert.“

Derartige Aussagen nach einer solchen Tat seien „abscheulich, niederträchtig und ekelerregend“, betonte Strobl. Das Landeskriminalamt habe „bei den aktuell laufenden Ermittlungen bereits IT-Ermittler zentral zusammengezogen“, fügte Strobl hinzu.

Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verurteilte das nach dem Angriff veröffentlichte Tiktok-Video scharf. „Den mörderischen Messerangriff zu verherrlichen, ist widerwärtig und menschenverachtend“, sagte Faeser der „Bild am Sonntag“. Wer so etwas tue, müsse „mit aller Härte des Strafrechts verfolgt werden“, betonte die Ministerin. „Unsere Sicherheitsbehörden gehen dem konsequent nach.“

Der mutmaßliche Täter liegt im Krankenhaus

Der bei dem Messerangriff in Mannheim schwer verletzte Polizist musste unterdessen in ein künstliches Koma versetzt werden. „Er schwebt weiterhin in Lebensgefahr“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts am Samstag.

Einem Tag nach dem Anschlag bei einer Veranstaltung der islamkritischen Bewegung Pax Europa wurde zudem eine Wohnung in Heppenheim (Hessen) durchsucht. Am Nachmittag bestätigte die Polizei, dass der tatverdächtige 25-jährige Afghane dort wohnhaft ist. Die Beamten und hinzugezogene Spezialkräfte stellten unter anderem elektronische Datenträger sicher, die nun ausgewertet werden.

Der Verdächtige, den WELT AM SONNTAG als Sulaiman A. benannt hatte, liegt im Krankenhaus und ist weiterhin nicht vernehmungsfähig. Er halte sich seit 2014 in Deutschland auf, sei verheiratet und habe zwei Kinder, hieß es in der Mitteilung weiter. Das Amtsgericht Karlsruhe habe am 1. Juni Haftbefehl wegen versuchten Mordes gegen ihn erlassen, hieß es dann noch.

Bei dem Angriff hatte ein Mann afghanischer Herkunft am Freitagvormittag auf dem Marktplatz in der Innenstadt mehrere Menschen verletzt, einen Polizisten lebensgefährlich. Das Motiv ist noch unklar. Die Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen. Wie die Beamten am Freitag mitteilten, seien auch das Landeskriminalamt und das Polizeipräsidium Mannheim in die Untersuchungen eingebunden.

Stürzenberger meldet sich aus Klinik

Die Attacke auf dem Marktplatz war im Livestream des Anti-Islam-Aktivisten Michael Stürzenberger zu sehen, dem der Angriff des Mannes galt. Stürzenberger wurde nach Angaben seines Teams schwer verletzt, Lebensgefahr besteht aber nicht. Der 59-Jährige ist mittlerweile auch wieder im Nachrichtendienst X aktiv, dort bedankte er sich unter anderem für die Genesungswünsche. Den Ermittlern zufolge wurden vier weitere Angehörige der Bewegung verletzt. Schließlich stach der Angreifer zudem auf einen Polizisten ein, bevor er von einem weiteren Beamten niedergeschossen wurde, wie in dem Video zu beobachten war.

Pax Europa kündigte am Samstag an, trotz der Attacke weiterhin öffentlich aufzutreten. Am kommenden Samstag (8. Juni) sei ein Stand an der Katharinentreppe in der Dortmunder Innenstadt geplant, sagte Pax-Europa-Schatzmeisterin Stefanie Kizina am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Sie gehe davon aus, dass die Polizei „sicher die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen wird“. Einen eigenen Sicherheitsdienst sehe Pax Europa nicht vor.

Bei dem Verdächtigen handelt es sich nach Informationen von WELT AM SONNTAG um den 25-jährigen Sulaiman A. aus Afghanistan. Laut „Spiegel“ soll er rund 40 Kilometer entfernt von Mannheim gelebt haben. Als Extremist sei er den Behörden bislang nicht aufgefallen, hieß es in dem Bericht.

Der verletzte Polizeibeamte hielt augenscheinlich erst einen anderen Mann für den Täter und kniete auf ihm. Währenddessen näherte sich der tatsächliche Angreifer – schwarze Jogginghose, grünes Hemd, Vollbart, Brille – von hinten und stach mehrfach auf den Polizisten ein.

Auf dem Video war zu sehen, wie der Beamte nach der Tat aufstand und sich an den Hals griff. Bei der Attacke sollen mehrere Blutgefäße gerissen und verletzt worden sein. Michael Stürzenberger, der von dem Angreifer am Bein und im Gesicht getroffen worden war, wurde am Freitag noch notoperiert. Anschließend hatte er sich auf Telegram bei den Ärzten und anderen Helfern bedankt. Die Operation sei „gut verlaufen“.

Bürgermeister spricht von Terrorattacke

Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht bezeichnete den Angriff als Terrorattacke. „Im Namen der Stadt Mannheim und der Mannheimer Stadtgesellschaft verurteile ich diese niederträchtige, brutale Terrorattacke im Rahmen einer islamkritischen Veranstaltung auf das Schärfste“, sagte der CDU-Politiker am Freitag. Dem „Spiegel“ zufolge halten Ermittler ein islamistisches Motiv für wahrscheinlich. Gesichert ist dies auch am Samstagmorgen noch nicht, wie das Landeskriminalamt mitteilte.

„Was uns am meisten umtreibt, ist die Frage nach dem Motiv“, hieß indes am Samstagmorgen aus dem baden-württembergischen Landeskriminalamt. Der von der Polizei niedergeschossene Täter sei operiert worden und zurzeit nicht vernehmungsfähig, die Suche nach seinen Beweggründen daher bislang nicht vorangekommen.

Aus dem LKA heißt es, zahlreiche Fragen seien noch ungeklärt und Gegenstand der Ermittlungen. „Was ist das für ein Messer? Woher stammt das? Hat er das Messer gekauft?“ – über die Antworten darauf wolle man auch herausfinden, ob der Festgenommene die Tat geplant oder ob es sich um einen spontanen Angriff gehandelt habe. Die für politische Delikte zuständige Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt in dem Fall.

„Unsere Gedanken sind bei allen, die durch den Messerangriff verletzt worden sind, meine Gedanken als Innenminister natürlich auch vor allem bei dem verletzten Polizeikollegen“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) der „Bild“-Zeitung vom Samstag.

Stürzenberger wollte auf dem Marktplatz als Sprecher an einer Kundgebung teilnehmen. Der Termin war öffentlich bekannt. Eine Forderung der Kundgebung war: „Politischen Islam stoppen.“ Auf dem Video wirkt der Angriff auf Stürzenberger gezielt und planvoll. Rettungskräfte und auch ein Rettungshubschrauber seien im Einsatz, sagte die Polizeisprecherin am Freitag. Der Marktplatz in der Innenstadt der 300.000-Einwohner-Stadt sei abgesperrt worden, zudem seien Sichtschutzwände aufgebaut worden.

Bei Stürzenberger besteht laut Umfeld keine Lebensgefahr

Die Partei Bürgerbewegung Pax Europa (BPE), in der Stürzenberger Mitglied ist, bestätigte in einer Mitteilung, dass bei einer BPE-Kundgebung in Mannheim Stürzenberger sowie weitere Helfer gegen 11:30 Uhr angegriffen wurden. Die Opfer hätten schwerste Verletzungen erlitten. Eine Kollegin Stürzenbergers sagte laut „Bild“: „Er wurde am Bein und im Gesicht getroffen, wird notoperiert. Lebensgefahr besteht offenbar nicht.“

„Der Angriff geschah, bevor die Veranstaltung überhaupt losging, das muss von langer Hand geplant worden sein“, sagte die Kollegin. Eine Sprecherin der Stadt Mannheim bestätigte, dass die Organisation für Freitagvormittag eine Veranstaltung auf dem Marktplatz angemeldet hatte.

Scholz und Faeser erschüttert

Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich erschüttert über die Gewalttat. „Die Bilder aus Mannheim sind furchtbar“, schrieb der SPD-Politiker auf X. „Mehrere Personen sind von einem Attentäter schwer verletzt worden. Meine Gedanken sind bei den Opfern. Gewalt ist absolut inakzeptabel in unserer Demokratie. Der Täter muss streng bestraft werden.“

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach von einem schrecklichen Verbrechen. „Die Bilder dieser brutalen Gewalttat sind erschütternd.“ Sie wünsche den Opfern, dass sie wieder vollständig genesen könnten. „Meine Gedanken sind insbesondere auch bei dem durch Messerstiche schwerverletzten Polizeibeamten. Den Polizeikräften, die sofort eingeschritten sind, und den Ärzten und Rettungskräften, die um das Leben der Opfer dieser furchtbaren Tat kämpfen, danke ich sehr herzlich.“

Die Ermittlungen würden die Hintergründe der Tat aufklären, insbesondere den Hintergrund und die Motive des Täters, schrieb Faeser. „Wenn die Ermittlungen ein islamistisches Motiv ergeben, dann wäre das eine erneute Bestätigung der großen Gefahr durch islamistische Gewalttaten, vor der wir gewarnt haben.“

Steinmeier: „In unserer Demokratie darf kein Platz für Gewalt sein“

Auch CDU-Chef Friedrich Merz reagierte bestürzt auf die Tat. „Die Bilder aus Mannheim sind entsetzlich. Das ist Terror“, schrieb Merz auf X. „Meine Gedanken sind heute bei den Opfern, ihnen wünsche ich eine baldige und vollständige Genesung.“ Grünen-Chef Omid Nouripour bezeichnete den Angriff als ungeheuerlich und wünschte den Betroffenen schnelle und vollständige Genesung. „Die Meinungsfreiheit muss gegen jede Form von Gewalt geschützt werden. Widerspruch gewaltfrei auszuhalten ist elementar für eine Demokratie. Der Täter und eventuelle Hintermänner müssen mit voller Härte des Rechts belangt werden.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich ebenfalls entrüstet. „Ich verurteile die Tat in Mannheim aufs Schärfste!“, schrieb seine Sprecherin Cerstin Gammelin am Freitag in Steinmeiers Namen auf X. „In unserer Demokratie darf kein Platz für Gewalt sein – Gewalt zerstört Demokratie. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.“ Er wünsche den Verletzten ein rasches Genesen und dankte der Polizei für ihr schnelles Eingreifen.

Grünen-Chef Omid Nouripour hat zu einem demokratischen Schulterschluss aufgerufen. „Wir werden nicht zulassen, dass die demokratische Kultur in diesem Land von Gewalt kaputt gemacht wird, unabhängig davon, ob es von Islamisten kommt oder von Rechtsextremen“, sagte der Parteichef am Samstag am Rande eines kleinen Parteitags in Potsdam. „Für Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ist kein Platz in diesem Land.“ Man werde jetzt den Schulterschluss aller Demokraten suchen, um diese Kultur zu verteidigen. Nouripour bezeichnete die Attacke in der Mannheimer Innenstadt als abscheulich und dankte der Polizei.

Stürzenberger und sein Umfeld rund um die Pax-Europa-Bewegung werden von den Behörden etwa in Bayern dem Bereich der verfassungsschutzrelevanten Islamfeindlichkeit zugeordnet. Stürzenberger betätigte sich demnach in der Vergangenheit immer wieder als Versammlungsleiter für Pax Europa.

Ebenfalls trat er als Autor auf der rechtsextremistischen Website „Politically Incorrect“ in Erscheinung. Er verbreite „islamfeindliche Äußerungen“, hieß es etwa auf der Internetseite der bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus. Auf seiner Instagram-Seite hat Stürzenberger zahlreiche Drohungen gegen sich veröffentlicht. In einer der Nachrichten heißt es: „Ich werd auch alle abstechen. Wartet nur ab.“ In einer anderen Nachricht steht: „Du bist ein dreckiger Hurensohn.“ In einer weiteren der unzähligen Mitteilungen: „Du Hurensohn gehörst vergast.“ Viele Nachrichten enthalten direkte Drohungen, Fäkalsprache und sexualisierte Fantasien gegen die Familie von Stürzenberger.

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