Warum lassen Sie sich nicht impfen? Diese Frage hat FOCUS Online seinen Leser gestellt und viele Antworten erhalten. In der neuen Serie möchten wir die Sorgen der Menschen vorstellen und uns von Experten erklären lassen, wie begründet diese sind. Dieses Mal geht es um das „Dilemma der Genesenen“.
Alexander R., 49 Jahre:
„Im März 2020 habe ich mich mit Corona infiziert. Ich würde sagen, es war ein einigermaßen milder Verlauf. Ich hatte alle Symptome, die man so kennt: Fieber, Husten, Halsschmerzen, Gliederschmerzen. Für ein paar Tage war ich auch sehr kurzatmig. Ich konnte nicht mehr in den Keller gehen, ohne dass mir die Luft wegblieb. Dennoch habe ich die Infektion weitgehend unbeschadet überstanden.
Im Mai 2020 habe ich mich bei der Uni Würzburg für die Plasmaspende angemeldet. Die Antikörper in meinem Blut sollten in der Therapie bei Corona-Patienten angewendet werden. Damals hat ein Antikörper-Test einen Wert von 7,8 nachgewiesen. Ab dem Wert 1,1 gilt der Test als positiv. Im März 2021 habe ich dann erneut einen Antikörpertest durchgeführt. Dieses Mal war der Wert sechs Mal so hoch.
Mein Hausarzt konnte sich diese Entwicklung nicht erklären. Aber er hat mir dringend von einer Corona-Impfung abgeraten. Denn mit einem so hohen Antikörper-Spiegel könnte es zu einer überschießenden Immunreaktion kommen. Eigentlich hatte ich aber eine Impfung ins Auge gefasst, denn als genesen gelte ich schon lange nicht mehr: Die Krankheit liegt ja länger als sechs Monate zurück.
Ich habe mich mehrmals an die Behörden und das RKI gewandt, um herauszufinden, was ich in meiner Situation tun kann. Ich habe keine Rückmeldung erhalten. Ich fühle mich von der Politik allein gelassen. Nun muss ich mich regelmäßig testen lassen, obwohl ich eigentlich immun bin.“
Immunität nach Genesung: Unklarheiten über Menge der Antikörper
Die Bundesregierung hat sich dazu entschieden, die Immunität von Genesenen nur für sechs Monate rechtlich zu akzeptieren. Dabei wird sich nicht an der Menge der Antikörper des jeweiligen Patienten orientiert, sondern an Durchschnittswerten. Reinhold Förster ist Leiter des Instituts für Immunologie an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Seine Forschung zu den Antikörpern konnte zeigen: „Die Menge der produzierten Antikörper innerhalb einer Population folgt der Normalverteilung. Es gibt somit auch Menschen, die nur wenig oder sehr viel Antikörper produzieren.“ Die sechs Monats-Regel lässt sich also nicht auf alle Patienten gleich anwenden.
Dennoch bleibt unklar, ab welcher Menge von Antikörpern tatsächlich eine Immunität vorliegt. Es gebe noch kein Korrelat, welches zuverlässig bestimmen kann, ab welchem Antikörperspiegel ein Schutz vor Infektion oder schwerer Erkrankung garantiert werden kann, so Förster. „Wir können messen, wie viele Antikörper vorliegen, aber wir wissen momentan noch nicht, welche Menge für einen Immunschutz nötig ist.“
Außerdem spielen bei der Immunisierung nicht nur die Antikörper eine Rolle, sondern auch die sogenannten T-Zellen. Diese Zellen sind in der Lage, körpereigene Zellen abzutöten, sobald sie mit dem Virus infiziert sind. „Es gibt Wege, die Existenz dieser Zellen zu messen, jedoch ist dies viel aufwändiger als bei den Antikörpern“, erklärt Förster. Deswegen sei diese Messweise aktuell nur selten in Gebrauch. Man könne aber bei einem hohen Antikörperspiegel davon ausgehen, dass auch T-Zellen vorhanden sind.
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Impfung für Genesene: Keine gesundheitlichen Schäden zu befürchten
Einer Booster-Impfung steht laut Förster aber auch bei einem hohen Antikörperspiegel nichts im Wege. „Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass eine Impfung bei einem hohen Antikörperspiegel schädlich ist. Es kann nur passieren, dass die Impfung vielleicht nicht wirkt.“ Dies hänge aber von der Art des Impfstoffes ab. Sollte der Patient mit einem Vektorimpfstoff geimpft werden, kann es sein, dass die bereits vorhandenen Antikörper sich gegen das darin enthaltende Spike-Protein des Corona-Virus wenden und den Vektor neutralisieren. „Der Vektor kann dann seine Arbeit nicht verrichten.“
„Es ist auch nicht notwendig, nach der Genesung noch sechs Monate bis zur Booster-Impfung zu warten“, fügt Förster hinzu. Diese Empfehlung sei in der Zeit entstanden, als noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stand. Nun sei der Impfstoff aber in rauen Mengen vorhanden. Auch das RKI schreibt, dass eine Impfung schon vier Wochen nach der Genesung möglich sei.



