Lauterbach warnt im Bild-Interview vor Seuchen-Gefahr in der Ukraine

„Ein Cholera-Ausbruch wäre katastrophal“

10.06.2022
Lesedauer: 3 Minuten
Quelle: BILD

Zerschossene Kanalisationsrohre, Leichen, die über Wochen auf der Straße lagen: Die Lage in den von Russland besetzten Städten wie Mariupol ist katastrophal.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (59, SPD) hat Sorge, dass in den besetzten Gebieten Cholera ausbrechen könnte. Lauterbach sagte am Freitag in einem TV-Interview für BILD in Lwiw (Lemberg) am Rande seines Ukraine-Besuchs: „Ein Cholera-Ausbruch wäre sehr bedenklich, wäre katastrophal.“

Er wolle keine Ferndiagnose geben, aber: „Die Hygienebedingungen in diesen Städten sind eine Katastrophe und selbst Cholera wäre denkbar.“ Der Minister äußerte sich zu einer Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums, der zufolge in Mariupol ein Cholera-Ausbruch drohe.

Die Gefahr sei sehr hoch, teilte das britische Verteidigungsministerium auf Basis eines Lageberichts des Geheimdiensts mit. Demnach stehe die Gesundheitsversorgung in der Großstadt (einst 440 000 Einwohner) am Asowschen Meer kurz vor dem Komplett-Kollaps. Ein zu befürchtender Cholera-Ausbruch würde die Lage zusätzlich verschlimmern. Seit Mai wurden in der Ukraine vereinzelte Fälle von Cholera gemeldet.

Mariupol liegt noch immer größtenteils in Trümmern, Putins Truppen können die Bevölkerung nur schwer versorgen
Mariupol liegt noch immer größtenteils in Trümmern, Putins Truppen können die Bevölkerung nur schwer versorgen Foto: STRINGER/AFP

Grund: Russland kann in den besetzten Gebieten keine Grundversorgung sicherstellen. Das britische Ministerium schreibt: „Russland tut sich schwer, die Bevölkerung in den russisch besetzten Gebieten mit grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen zu versorgen.“ Betroffen: der „Zugang zu sauberem Trinkwasser“. Auch „Telefon- und Internetdienste sind weiterhin stark gestört“. In Cherson bestünde laut britischen Angaben wahrscheinlich ein krisenhafter Mangel an Medikamenten.

Lauterbach verteidigt Scholz’ Putin-Telefonate

Erst am Mittwoch hatte Polens Präsident Andrzej Duda (50) Bundeskanzler Olaf Scholz (63, SPD) wegen seiner Telefonate mit Kreml-Diktator Wladimir Putin (69) scharf kritisiert. Denn: Im Zweiten Weltkrieg hätte auch niemand mit Hitler telefoniert, so der polnische Präsident. Lauterbach verteidigt Scholz in BILD: „Es muss alles unternommen werden, um zum Frieden zu kommen.“ Wenn die Gespräche mit Putin so geführt würden, dass dabei die Kritik an dem „barbarischen Angriffskrieg gegen die ukrainische Bevölkerung“ klar zum Ausdruck komme, „dann halte ich das für richtig, weil ja irgendwann ein Friedensschluss da sein muss“.

Deutschland wird sich um Verletzte kümmern

Nach den Worten des Ministers wird Deutschland die medizinische Hilfe für ukrainische Kriegsopfer massiv ausbauen. Bereits jetzt würden im nennenswerten Umfang Patienten aus der Ukraine nach Deutschland ausgeflogen und hier in Spezialkliniken behandelt.

Aber auf einen ausgeflogenen Patienten „kommen vielleicht 1000, die schwer verletzt sind und die man nicht ausfliegen kann“. Deswegen müsse jetzt die Hilfe in die Ukraine kommen. Der Minister brachte 500 Prothesen für Erwachsene und 199 für Kinder mit. Künftig werde man die Techniker für Prothesen vor Ort ausbilden.

Außerdem werde Deutschland bei der Behandlung von Quetsch- und Brandverletzungen helfen. „Wenn das ausgebaut ist, wird das Tausende Patienten betreffen“, versprach Lauterbach, der in Lwiw an einer Geberkonferenz für die Ukraine teilnahm.

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