Wer steckt wirklich hinter den Anschlägen vom 11. September 2001? US-Präsident Biden will die Aufklärung vorantreiben.
Unmittelbar vor dem 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 hat US-Präsident Joe Biden die Freigabe von geheimen Ermittlungsdokumenten angeordnet. Das Justizministerium und andere Behörden prüfen aktuell, welche Unterlagen zu den Ermittlungen der Bundespolizei FBI zu 9/11 veröffentlicht werden können. Biden sah sich zu dieser Anordnung veranlasst, weil die Opferfamilien den Druck auf ihn erhöht hatten. Sie glauben die offizielle Version des Anschlaggeschehens nicht und wollen vor allem die Rolle Saudi-Arabiens geklärt wissen.
Sie versuchen auch zwanzig Jahre nach den Anschlägen immer noch vergeblich, eine Veröffentlichung der streng geheimen Akten über die Hintergründe zu erzwingen. Zum Jahrestag von 9/11 im Jahr 2019 hatte der damalige US-Präsident Donald Trump seine Zusage gegeben, die Dokumente herauszurücken, damit die Angehörigen die Erkenntnisse bei ihren Schadenersatz-Prozessen gegen Saudi-Arabien nutzen könnten. Doch wenig später kassierte US-Justizminister William Barr die Entscheidung seines Präsidenten und beschied den Opfer-Anwälten, dass die Unterlagen aus Gründen der nationalen Sicherheit unter Verschluss bleiben müssten. Es handle sich um „Staatsgeheimnisse“.
Biden sagte nun zu, die Veröffentlichung der Akten prüfen zu lassen – allerdings mit Einschränkungen: Zum 20. Jahrestag soll zunächst lediglich ein zentrales Dokument veröffentlicht werden, dessen Existenz von niemandem mehr bestritten wird und dessen Inhalt für die Saudis sehr belastend sein soll, wie die New York Times und die Washington Post übereinstimmend berichten. Der Großteil der Unterlagen soll danach im Lauf von sechs Monaten aus dem Giftschrank geholt werden – und auch nur dann, wenn die Regierung und die Dienste zur Auffassung gelangen, dass die Enthüllungen weder die nationale Sicherheit gefährden noch nationale Interessen der USA tangieren könnten.
Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Kaida – die meisten von ihnen saudiarabische Staatsbürger – hatten vor 20 Jahren Flugzeuge entführt und in das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington gesteuert. Bei den Anschlägen wurden fast 3000 Menschen getötet. Die US-Regierung hatte als Vergeltung Afghanistan angegriffen, weil es dem mutmaßlichen Anführer von Al-Kaida, dem saudischen Staatsbürger Osama Bin-Laden, Unterschlupf gewährt haben soll. Viele Fragen sind ungeklärt. Es gab zwei offizielle Untersuchungsberichte, doch mit jeder neuen Veröffentlichung kamen neue Fragen auf. Die umfassende Geheimhaltung hat Spekulationen neue Nahrung gegeben. Dem möchte Präsident Biden nun entgegenwirken und verspricht – zwanzig Jahre nach den Ereignissen – volle „Transparenz“.
In der Frage der Hintermänner gibt es seit längerem Indizien auf eine Verwicklung von saudischen Staatsbürgern, die über den Bereich der Spekulation doch deutlich hinausgehen.
Die offizielle Kommission zur Aufarbeitung der Anschläge war in ihrem Bericht noch zu dem Schluss gekommen, dass es keine Beweise gebe, dass „die saudiarabische Regierung als Institution oder dass ranghohe saudiarabischer Vertreter“ Al-Kaida mitfinanziert hätten.
Doch im Jahr 2020 hatte eine gemeinsame Recherche des New York Times Magazine und von ProPublica herausgefunden, dass es starke Hinweise für eine Beteiligung von Saudis geben dürfte. Die Medien führten unter anderem Interviews mit über 50 aktuellen Ex-FBI-Agenten, welche seit Jahren in der Sache ermittelten. Der Vorgang im Auftrag der Opferfamilien lief unter dem Arbeitstitel „Operation Encore“. Die Ermittler konnten zwar nach eigenen Angaben keine Beweise vorlegen, die die Verwicklung der saudischen politischen Führung dokumentierten. Richard Lambert, der die erste 9/11-Untersuchung des FBI in San Diego geleitet hatte, glaubt jedoch, dass die Beweise für mögliche saudische Verbindungen signifikant genug sind und veröffentlicht werden sollten – auch wenn sie nicht schlüssig sind.
Zu den Verbindungen, die bei der Untersuchung aufgedeckt wurden, gehörten die saudischen Bürger Omar al-Bayoumi und Mohdar Abdullah, die beide vor den Anschlägen vom 11. September Kontakt zu den Entführern hatten. Bayoumi – ein saudischer Student, der zu dieser Zeit in Südkalifornien lebte und für den saudischen Geheimdienst gearbeitet haben soll – hatte möglicherweise Vorkenntnisse über die geplanten Anschläge. Die FBI-Ermittler fanden heraus, dass Bayoumi Verbindungen zu zweien der Flugzeugentführer hatte – Khalid al-Mihdhar und Nawaf al-Hazmi –, die Flug AA77 in das Pentagon steuerten.
Er hatte gemeinsam mit einem der Terroristen einen Mietvertrag für eine Wohnung in San Diego unterzeichnet, als dieser vor den Anschlägen in die USA einreiste. Bayoumi erhielt während seines Aufenthalts in den USA auch ein Stipendium von der saudischen Regierung, das von einem saudischen Vertragsunternehmen kam. Dieses Stipendium wurde erhöht, als er den Entführern half, aber die Agenten fanden keine Beweise dafür, dass er der finanzielle Mittelsmann für die Entführer war.
Die Ermittler fanden auch heraus, dass eine Freundin von Bayoumis Frau, die in San Diego lebte, 70.000 Dollar von der Frau von Prinz Bandar erhalten hatte. Der Prinz war der saudische Botschafter in den USA. Bayoumi lebte mit seiner Frau und seinen Kindern bereits in Großbritannien, als das FBI ihn zu den Anschlägen vernahm. Die Agenten mussten ihn über britische Detektive befragen. Bayoumi wurde schließlich laufengelassen, ohne dass das FBI jemals eine Chance gehabt hätte, ihn zu fragen, ob er eine Beziehung zum saudischen Geheimdienst hatte.
Zu den Beweisen, die in seinem Haus in Großbritannien beschlagnahmt wurden, gehörte ein Notizbuch, das die Zeichnung eines Flugzeugs enthält, das abstürzt. Die Ermittler fanden heraus, dass der Flugverlauf des Flugzeugs demjenigen von Flug AA77 ähnelte, der unmittelbar vor dem Pentagon niederging. Bayoumi kehrte 2002 nach Saudi-Arabien zurück, die USA widerriefen sein US-Visum wegen „quasi-terroristischer Aktivitäten“. Als er 2004 in Saudi-Arabien erneut verhört wurde, sagte Bayoumi, er habe die Entführer nur rein zufällig getroffen und argumentierte, er sei ein gastfreundlicher Muslim, der den Glaubendbrüdern bei der Wohnungssuche geholfen habe. Das FBI legte den Fall zu den Akten und entschied, dass Bayoumis Hilfe für die Entführer unwissentlich erfolgt sei und führte sie auf eine „zufällige Begegnung“ zurück.
Mohdar Abdullah, ein in San Diego lebender Saudi, war ebenfalls ins Visier der FBI-Ermittler zu 9/11 geraten. Er sagte dem FBI, dass Bayoumi ihn den Entführern vorgestellt hatte, und ihn gebeten habe, den beiden Männern zu helfen, sich in San Diego einzuleben.
Abdullah erzählte den Ermittlern, dass er im Mai 2000 versucht hatte, für die Männer Flugstunden zu organisieren, für sie Besorgungen gemacht und sie für den Englischunterricht angemeldet habe. Abdullah weigerte sich, einen Lügendetektortest zu machen. Er wurde verhaftet und in New York wegen Einwanderungsbetrugs verurteilt, weil er bei seinem ersten Visumantrag über sein Geburtsland gelogen hatte. Abdullah war zwei Jahre in einem Bundesgefängnis inhaftiert und drohte nach seiner Freilassung abgeschoben zu werden. FBI-Agenten hatten bis dahin Hinweise erhalten, dass Abdullah möglicherweise fortgeschrittene Kenntnisse über die Anschläge gehabt habe. Das Justizministerium weigerte sich, seine Abschiebung zu verhindern. Er wurde im Mai 2004 in den Jemen zurückgeschickt.
Als das FBI erfuhr, dass Abdullah 2006 ein kanadisches Visum beantragt hatte, gelang es den Ermittlern mit einer List, erneut an ihn heranzukommen und ihn zu verhören, was dazu führte, dass die Behörden zwei weitere Personen identifizierten, die in den Wochen vor den Angriffen Kontakt mit den Entführern hatten. Später zog er nach Schweden und weigerte sich, mit dem FBI zu kooperieren.
FBI-Spitzen sagte ProPublica, dass sie Ermittlungen keinesfalls aus außenpolitischen Erwägungen zurückhalten würden. Auch die Partnerschaft mit einem engen Verbündeten wie Saudi-Arabien stelle keinen Grund dar, um Ermittlungen einzustellen oder nicht mit der nötigen Konsequenz voranzutreiben.
Es ist unklar, ob das Weiße Haus diesmal Wort halten wird und die brisanten Dokumente zur Veröffentlichung freigibt. Die Opfer-Familien haben bereits gedroht, US-Präsident Joe Biden an der Teilnahme von Gedenkveranstaltungen zu hindern, wenn nicht wenigstens ein Teil der Wahrheit ans Licht kommt. Biden plant zum 20-Jahr-Jubiläum Besuche an allen drei Anschlagsorten.


