Die wundersame Wandlung des SPD-Linksaussen

Warum Kevin Kühnert jetzt Posten statt Enteignung will

05.10.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Kevin Kühnert (32), stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender - Foto: Fabian Sommer/dpa

Vom Wohnungs-Enteigner und Kapitalisten-Hasser zum Macht- und Posten-Schacherer in wenigen Monaten?

Die Auftritte von Ex-Juso-Chef und Olaf-Scholz-Bekämpfer Kevin Kühnert (32) nach der Bundestagswahl erstaunen: Plötzlich schweigt der Stramm-Linke zu Sozialismus-Träumen, seinem Wunsch nach einem Pakt mit der Linkspartei.

Grund: Kühnert kann abwarten und schweigen – denn er hat so viel Macht wie nie zuvor.

So konnte Kühnert profitieren

► Norbert Walter-Borjans (69, „NoWaBo“) und Saskia Esken (60) sind Partei-Chefs von seinen Gnaden.

► Parteivize Kühnert ist erstmals in den Bundestag eingezogen – mit ihm knapp 50 seiner Jusos. Die Fraktion nun: mehrheitlich links.

► Die Hälfte der Fraktion ist komplett neu, noch nicht eingeschworen.

► Ein Drittel der Fraktion (68 Abgeordnete) ist jünger als 40.

Das gilt es jetzt auszuspielen!

Nur:

► Wie bringt man den großen Wahlsieger Olaf Scholz (63) auf Links-Kurs?

► Welche Machtposten springen für Kühnerts Linke raus?

Die Fragen für den Wahlsieger Scholz: Wie sehr kann er in Koalitionsverhandlungen und als möglicher Kanzler der Kühnert-Truppe trauen? Wie weit nach links muss er gehen?

Wie Kühnert seine Macht einsetzt, wie abhängig die SPD-Chefs von ihm sind und wie wenig seine Truppe von Olaf Scholz hält, zeigt nun eine NDR-Doku („Kevin Kühnert und die SPD“, 6 Teile, kommt ins Kino).

Die Schlüsselszenen

► Herbst 2019: Kühnert coacht NoWaBo/Esken gegen Scholz beim Kampf um den SPD-Vorsitz. Hinter Kühnert – die Macht der Jusos und der SPD-Linken!

Im Interview sagt er: „Wenn NoWaBo und Esken das machen, dann können wir das von der Spitze durchziehen. Dann werden wir den Kurs definieren.“

► NoWaBo zu Kühnert über Scholz: „Was uns überall entgegenschallt: ‚Lass das bloß nicht Olaf machen. Auf keinen Fall Olaf!‘“

► Kühnert-Kumpel Borjans über Scholz: „Er ist einer der Köpfe, die dafür gesorgt haben, dass die SPD klein geworden ist…“

► Als seine Kandidaten die Abstimmung um den Parteivorsitz gegen Scholz gewinnen (mit 46,33 Prozent) – diebische Freude bei Kühnert: „Wir sind durch…!“

► Als dann auf dem SPD-Parteitag eine Kampfkandidatur zwischen Kühnert und Arbeitsminister Hubertus Heil (48) um den Posten eines Partei-Vizes abgewendet wird, beide den Posten bekommen, erklärt Kühnert („hätte das gern gewonnen“), warum er damit leben kann: „Die Kräfteverhältnisse stimmen doch. Das ist dann auch nichts halb-linkes, sondern stramm-links.“

► Heil erklärt er zum Gegner („nicht Feind“): einen „wesentlichen Spiegel auf der anderen Seite“.

► Als Esken ohne Absprache mit Kühnert im August 2020 im Parteivorstand Scholz als Kanzlerkandidaten vorschlägt, wittert Kühnert: Verrat! Die Zeiten der „privilegierten Partnerschaft“ seien vorbei.

► Als an Scholz auch für ihn kein Weg vorbeiführt, sagt er: „Ich brauche ein Frühstück mit Olaf – hilft ja nüscht…“

► Zweck des Kühnert-Scholz-Frühstücks: „Die Koalitionsfrage mit ihm diskutieren“. Gemeint: Rot-Rot-Grün, Kühnerts Wunsch-Koalition. Kühnert über Scholz‘ Haltung: „Ich glaube, er ist da so wenig ideologisch, dass er sich das grundsätzlich auch vorstellen kann…“

In der Doku warnt ihn seine Büroleiterin vor der Gefahr, dass er Teil des SPD-Establishments werde: „Dann sagen die Leute: Der ist doch wie alle anderen, der olle Strippenzieher.“

Das war vor anderthalb Jahren. Jetzt ist er angekommen …

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