Acht von zehn geflüchteten kommen nach Angaben von Innenministerin Nancy Faeser aus der Ukraine. Aktuelle Zahlen zeigen einen anderen Trend. Unions-Fraktionsvize Mathias Middelberg wirft der Ministerin eine gezielte Irreführung vor.
Seit Jahresbeginn sind rund 81.000 Menschen vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nach Deutschland geflüchtet, deutlich weniger als in den ersten Kriegsmonaten. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Frage des stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion, Mathias Middelberg hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Danach waren zum Stichtag 31. März im Ausländerzentralregister 81.647 Menschen erfasst, die im Zeitraum Januar bis März 2023, im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, nach Deutschland eingereist waren.
Angesichts dieser Zahl warf Middelberg Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vor, sie führe die Öffentlichkeit in die Irre. Der CDU-Politiker bezog sich dabei auf eine Interview-Äußererung der Ministerin aus der vorvergangenen Woche. Faeser hatte gesagt: „Acht von zehn Geflüchteten kommen aus der Ukraine. Da kann es keine Höchstgrenzen für Menschlichkeit geben.“
Middelberg sagte mit Blick auf die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber insgesamt: „Der Anteil der Ukraine-Flüchtlinge geht gegenüber dem letzten Jahr drastisch zurück.“ Der Anteil der Asylbewerber aus asiatischen oder afrikanischen Staaten nehme parallel dazu rasant zu. In den ersten drei Monaten dieses Jahres habe es in Deutschland fast genauso so viele neue Asylanträge wie Neuankömmlinge aus der Ukraine gegeben.
Im ersten Quartal 2023 stellten nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 80.978 Menschen erstmalig in Deutschland einen Asylantrag. Davon betrafen 5817 Anträge Kinder im Alter von unter einem Jahr. Flüchtlinge aus der Ukraine müssen in Deutschland und anderen EU-Staaten keine Asylanträge stellen, sondern finden über die sogenannte Massenzustrom-Richtline Aufnahme. Laut Statistischem Bundesamt ergab sich aus dem Saldo der Zuzüge und Fortzüge für 2022 eine Nettozuwanderung von 962.000 Menschen aus der Ukraine.
„Bundesinnenministerin Faeser täuscht über die Entwicklung der Migration nach Deutschland“, kritisierte Middelberg, der im Fraktionsvorstand der Union unter anderem die Kommunalpolitik verantwortet. Bund und Länder wollen am 10. Mai erneut über die Aufteilung der Kosten für die Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern und Flüchtlingen beraten. Faeser hatte vergangene Woche die Verlängerung der stationären Kontrollen an der Landesgrenze zu Österreich angeordnet. Begründet hatte sie dies mit der Entwicklung des irregulären Migrationsgeschehens nach Mittel- und Westeuropa.
SPD wirft Union „Unredlichkeit“ vor
Seine Kritik sei „unredlich“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagfraktion, Dirk Wiese. Denn Faeser beziehe sich auf die Zahl der Ukraine-Flüchtlinge seit Beginn des Krieges im Februar 2022. Wiese vermutet einen Zusammenhang mit der hessischen Landtagswahl am 8. Oktober, bei der Nancy Faeser Spitzenkandidatin der SPD ist. Er sagte, Middelberg gehe es offensichtlich darum, „Stimmung gegen die Ministerin im Vorfeld der hessischen Landtagswahl zu machen“. Mit seiner Äußerung untergrabe er auch „die Solidarität mit den Geflüchteten insgesamt und den Zusammenhalt bei uns im Land“.
Empört reagierte auch die Grünen-Migrationsexpertin Filiz Polat. Die Bundestagsabgeordnete sagte: „Herr Middelberg trennt zwischen Geflüchteten erster und zweiter Klasse.“ Es sei schäbig, „Menschen, die vor Terror und Krieg aus der Ukraine nach Deutschland kommen, Asylbewerbern aus Staaten in Asien oder Afrika gegenüber zu stellen“.
Bund und Länder wollen am 10. Mai erneut über die Aufteilung der Kosten für die Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern und Flüchtlingen beraten. Faeser hatte vergangene Woche die Verlängerung der stationären Kontrollen an der Landesgrenze zu Österreich angeordnet. Begründet hatte sie dies mit der Entwicklung des irregulären Migrationsgeschehens nach Mittel- und Westeuropa.


