Demonstranten stürmen den Präsidentenpalast, das Haus des Premiers brennt. Bei einem Protest in der Hauptstadt Colombo kam es am Samstag zu verstörenden Szenen.
Die Sicherheitskräfte feuern noch in die Luft, um die anstürmende Menge zurückzudrängen. Aber schon bald lassen sie die Demonstranten passieren. Mit Getöse verschafft sich der Mob Zutritt zum Präsidentenpalast in Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Hunderte ziehen durch die Flure. Fernsehsender und Videos auf Social Media zeigen lachende Männer, die in den Pool im Garten des Präsidenten springen oder im Fitnessstudio Gewichte stemmen. Andere plündern die Küche; ein paar haben es sich im Bett bequem gemacht.
Von wem es am Samstag keine Bilder zu sehen gibt, ist der Mann, der das Anwesen eigentlich bewohnt: Gotabaya Rajapaksa, Sri Lankas Präsident. Rajapaksa, der sich bis zuletzt ans Amt gekrallt hat, ist abgetaucht. Sicherheitskräfte evakuierten den 73-Jährigen rechtzeitig. Er befinde sich an einem geheimen Ort und stehe unter dem Schutz der Marine, heißt es. Lokale Fernsehsender zeigten am Mittag noch Aufnahmen von Koffern, die auf ein Schiff geladen werden. Erst am späten Abend heißt es, der Präsident plane, am Mittwoch zurückzutreten.
Es fehlen Medikamente und Treibstoff
Rajapaksa lässt ein Land zurück, das die schlimmste Wirtschaftskrise seiner Geschichte erlebt. Es mangelt an fast allem in Sri Lanka, und das seit vielen Wochen: Operationen, falls nicht überlebensnotwendig, finden nicht mehr statt, weil es an Medikamenten fehlt. Krebspatienten müssen um ihre Chemotherapie bangen. Ärzte bitten Familien darum, die Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, weil die Krankenhäuser selbst über keine Vorräte mehr verfügen. Familien berichten, dass sie nicht wissen, was sie ihren Kindern zu essen geben sollen.
Und so schnell dürfte sich die Lage nicht bessern. Premier Ranil Wickremesinghe hat sein Volk darauf eingeschworen, dass die Krise noch das ganze nächste Jahr andauern könnte. Mittlerweile hat auch Wickremesinghe seinen Rücktritt angeboten. Am Abend stürmten Demonstranten seine Privatresidenz und legen dort Feuer.

Foto: Amitha Thennakoon / AP
Wickremesinghes Regierung kam erst im April ins Amt. Er übernahm das Amt von seinem Vorgänger Percy Mahinda Rajapaksa, der große Bruder des Präsidenten. Die Rajapaksa-Familie war in Sri Lanka lange beliebt. Sie gelten als durchsetzungsfähige Politiker, als starke Männer, die Sri Lankas blutigen Bürgerkrieg beendet haben. Aber es wird ihnen auch nachgesagt, korrupt zu sein. Unter ihrer Führung baute Sri Lanka Großprojekte, die viel Geld verschlangen. Insgesamt 51 Milliarden Dollar Schulden hat Sri Lanka im Ausland angehäuft. Schon vor Jahren gab es Warnungen, dass der Inselstaat diese Schulden eines Tages womöglich nicht mehr begleichen könne.
Die Rajapaksas interessierte das wenig. Als während der Coronapandemie die Touristen ausbleiben, geriet Sri Lanka zum ersten Mal in eine finanzielle Schieflage. Anstatt zu sparen, verteilte die Regierung Steuergeschenke. Ein Verbot von Düngeimporten ließ die Ernte einbrechen. Ministerposten waren mittlerweile fast ausschließlich in der Hand von Brüdern und Neffen des Premiers und des Präsidenten. Die steigenden Öl- und Nahrungspreise aufgrund des Ukrainekriegs im Frühjahr waren dann der letzte Stoß. Im April erklärte die Regierung das Land für zahlungsunfähig. Importe, auf die der Inselstaat angewiesen ist, bleiben seitdem aus. Sri Lankas 22 Millionen Einwohner, denen es für südasiatische Verhältnisse bisher gut ging, müssen den sozialen Abstieg fürchten.
Demonstranten kapern Züge
Die Notlage ist derart akut, dass bis zuletzt nicht klar war, wie viele Demonstranten sich tatsächlich in der Hauptstadt einfinden würden. Zwar war der Protest angekündigt, aber wie sollten die Demonstranten vor Ort gelangen? Der Treibstoff im Land ist so knapp, dass er mittlerweile staatlich rationiert wird. Fahrten mit dem Privatwagen sind verboten, der öffentliche Nahverkehr ist ausgedünnt. Schon seit Wochen bilden sich vor den Tankstellen kilometerlange Schlangen. Manche Fahrer stehen tagelang an. Im letzten Moment wollte die Regierung eine Ausgangssperre verhängen.
Am Ende hielt das die Demonstranten nicht ab. Sie mieteten Busse. Teils sollen sie laut Zeitungsberichten Zugfahrer dazu überredet haben, die Züge fahren zu lassen – oder sie übernahmen gleich selbst das Steuer. Zehntausende versammelten sich am Ende in Colombo. Dort riefen sie, was zum Slogan der Proteste geworden ist und der sich an Präsident Gotabaya Rajapaksa richtet: »Gota, go home!« – »Gota, hau ab!«



