Ein Politologe berät das Land NRW in Fragen des Islams. An der Universität Duisburg-Essen tritt er als Professor auf. Doch nach WELT-Informationen gibt es Zweifel am Hintergrund des Mannes. Jetzt zieht das Schulministerium Konsequenzen.
Das nordrhein-westfälische Schulministerium hat den Werkvertrag eines Politikwissenschaftlers aufgelöst, der die Landesregierung seit mehr als zehn Jahren in Islamfragen beriet. Recherchen von WELT AM SONNTAG hatten zuvor gezeigt, dass dieser seine akademische und berufliche Karriere offenbar zum Teil auf Falschangaben aufgebaut hatte.
Der Mann trat öffentlich als „Prof. Dr.“ auf, sprach auf Veranstaltungen und gab Medien regelmäßig Interviews zu Themen wie den Beziehungen zwischen der Türkei und der EU sowie dem islamischen Religionsunterricht. 2017 war er vom Schulministerium an die Universität Duisburg-Essen abgeordnet worden, wo er eine Habilitationsstelle innehatte.
Es gebe berechtigte Fragen, ob die Angaben, die der Berater bei seiner Bewerbung beim Ministerium im Jahre 2009 gemacht hatte, richtig seien, heißt es nun aus dem Schulministerium. Derzeit laufe die Sachverhaltsaufklärung, ob der vermeintliche Professor je eine Dissertation geschrieben habe. Geprüft werde, ob es sich bei der Dissertationsurkunde, die der Berater im Schulministerium eingereicht hatte, um eine echte und originale Urkunde handele.
Zahlreiche Falschangaben im Lebenslauf
WELT AM SONNTAG hatte berichtet, dass die auf der Urkunde genannte Dissertation weder der Goethe-Universität Frankfurt, an der die Arbeit angeblich geschrieben wurde, noch der Konrad-Adenauer-Stiftung bekannt ist, die die Arbeit laut Angaben des Politikwissenschaftlers im Jahre 2008 veröffentlicht haben soll. Sollte die Urkunde sich als Fälschung entpuppen, könnten dem Forscher dienst- und strafrechtliche Konsequenzen drohen.
Auch die Abordnung des Wissenschaftlers an die Universität Duisburg-Essen wurde „einvernehmlich“ beendet, hieß es aus dem Ministerium. Die Universität bestätigte dies zunächst nicht. Eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen den Wissenschaftler wolle man nicht abgeben.
Neben den fraglichen akademischen Titeln hatte der Wissenschaftler universitätsintern und öffentlich auf der Internetseite des Instituts für Turkistik weitere mutmaßliche Falschangaben gemacht – darunter eine vergangene Anstellung als Referent des Bundespräsidenten, die das Bundespräsidialamt auf Anfrage dementierte. Auch ein angebliches Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung und eine Publikation in einem Sammelband erwiesen sich als Falschangaben. Fraglich ist auch, ob der Mann, der öffentlich einen Professorentitel führte, tatsächlich eine Professur innehat.
Der Politikwissenschaftler ließ mehrere Anfragen unbeantwortet. Das Ministerium teilte auf Anfrage mit, dass der Berater zuletzt auch an der Gestaltung der Kommission zum Islamunterricht in Nordrhein-Westfalen mitgewirkt hatte. Die Einbindung des umstrittenen türkischen Moscheeverbandes Ditib sorgte über die Landesgrenzen hinweg für Kritik.
Der Berater galt als Brückenbauer zwischen der Türkei und Deutschland, unterhält gute Kontakte auch zu Ditib und den türkischen Generalkonsulaten. Welchen Einfluss er im Schulministerium nahm, ist nicht abschließend geklärt.


