Hamburg

Neue Polizeistatistik – Kriminalität steigt in nahezu allen Bereichen

08.02.2024
Lesedauer: 6 Minuten
Andy Grote (r, SPD), Senator für Inneres und Sport in Hamburg, und Falk Schnabel, Polizeipräsident von Hamburg, stellen die aktuelle Kriminalstatistik im Polizeipräsidium vor Quelle: dpa/Marcus Brandt

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei insgesamt 234.241 Delikte – ein Anstieg von 10,9 Prozent. Polizei und Innenbehörde begründen das vorrangig mit der erhöhten Polizeipräsenz rund um den Hauptbahnhof. Eine Interpretation, die CDU und Kripo-Gewerkschaft BDK klar kritisieren.

Die Zahl der von der Hamburger Polizei erfassten Straftaten ist im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Die Behörde registrierte für 2023 insgesamt 234.241 Delikte, das ist ein Zuwachs von 10,9 Prozent. Polizei und Innenbehörde erklärten, der Anstieg sei insbesondere auf die erhöhte Polizeipräsenz rund um den Hamburger Hauptbahnhof zurückzuführen und die damit verbundene Aufklärung sogenannten Kontrolldelikte.

Während die Zahl der Straftaten im Bezirk Hamburg-Mitte mit den Stadtteilen St. Georg und St. Pauli deutlich zugenommen habe, sei die Lage in den übrigen Hamburger Bezirken weitgehend unauffällig, hieß es am Donnerstag auf einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium. Im Langzeitvergleich werde die Stadt trotz des hohen Bevölkerungswachstums kontinuierlich immer sicherer. Gleichzeitig habe die Aufklärungsquote in der Hansestadt mit 48,2 Prozent den höchsten Stand seit 1997 erreicht.

Bezogen auf die Bevölkerungsentwicklung habe Hamburg, abgesehen von den Jahren der Corona-Pandemie, nur in den Jahren 2018 und 2019 weniger Straftaten auf 100.000 Einwohner gehabt. „Die massiv erhöhte Polizeipräsenz und unsere Maßnahmen sind rund um den Hauptbahnhof deutlich spürbar und führen zugleich dazu, dass unsere Einsatzkräfte immer mehr Straftaten aufdecken“, sagte Hamburgs Innensenator Andy Grote. „Steigende Fallzahlen bei Kontrolldelikten bedeuten mehr Sicherheit.“

Die Opposition widerspricht: „Unter der Führung von SPD und Grünen wird Hamburg zunehmend unsicherer“, sagte etwa CDU-Fraktionschef Dennis Thering. Die innere Sicherheit sei durch eine Zunahme von Schießereien, Messerangriffen und Raubüberfällen auf offener Straße zusehends bedroht.

„Wenn die Polizei massiv ihre Kontrollen am Hauptbahnhof ausbaut, ist es kein Wunder, dass die Anzahl an registrierten Kontrolldelikten steigt“, sagt Cansu Özdemir, innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. „Man muss sich aber schon fragen, ob die Arbeitskraft der Polizei richtig eingesetzt ist: Während die Polizei mit einem massiven Kräfteeinsatz das Hausrecht am Hauptbahnhof gegen obdachlose Menschen durchsetzt, bleiben Wirtschaftskriminelle, die der Gesellschaft großen Schaden zufügen, weitgehend unbehelligt.“

„Geringe bis gar keine Veränderungen“

Zu den Zahlen: Mehr als Dreiviertel des Gesamtanstiegs der Kriminalität in Hamburg sei auf den Bezirk Hamburg-Mitte mit den Stadtteilen St. Georg und St. Pauli zurückzuführen, hieß es. Alle übrigen Hamburger Bezirke hätten nur „geringe bis gar keine Veränderungen“ im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings konnten nur die Bezirke Altona und Eimsbüttel einen Rückgang an Straftaten verzeichnen und auch nur um 0,1 Prozent. In allen weiteren fünf Bezirken stieg die Zahl der Straftaten an.

Wie von Innensenator Grote betont, stiegen die Fallzahlen in den Kontrolldelikten stark an: Zuwächse gab es beim Ladendiebstahl (+38,5 Prozent), Hausfriedensbruch (+82,3 Prozent), Beförderungserschleichung (+29,6 Prozent) und Rauschgiftkriminalität (+16 Prozent). „Bei jeder vierten in der PKS registrierten Straftat handelte es sich in 2023 um ein Kontrolldelikt“, hieß es aus der Polizei. „Das sind über 11.000 Straftaten mehr als im Vorjahr und zugleich der höchste Stand in den vergangenen zehn Jahren. Der Großteil der Taten wurde im Innenstadtbereich rund um den Hauptbahnhof registriert, wo die Kontrolldelikte rund zwei Drittel der Gesamtkriminalität ausmachen.“

Neben den Kontrolldelikten wurden auch mehr Gewaltkriminalität registriert, hier gab es einen Anstieg von 10,7 Prozent. Dies sei hauptsächlich auf „eine erhöhte Erfassung“ von Raubdelikten und gefährlicher Körperverletzungen in den Stadtteilen St. Pauli und St. Georg zurückzuführen. Ähnliches zeige sich auch bei den Körperverletzungsdelikten. So habe die Polizei in St. Georg im vergangenen Jahr ein Plus von 132 gefährlichen Körperverletzungsdelikten im Vergleich zum Vorjahr (+22 Prozent) registriert.

Crack macht größten Anteil aus

Auch die Zahl der Rauschgiftdelikte sei nochmals um 12 Prozent gestiegen, was 1.837 Fällen entspreche. Der aktuelle Höchststand betrage 17.022 Delikte. Auffällig sei die deutliche Zunahme des Konsums harter Drogen, insbesondere Crack. Crack mache in St. Georg mit rund 33 Prozent den größten Anteil aus, noch vor Cannabis (28,9 Prozent) und Heroin (18,5 Prozent).

Ein deutliches Plus gab es auch bei den Wohnungseinbrüchen, es gab 2023 einen Anstieg um 574 Fälle oder 23 Prozent. Dennoch liege die Zahl der Taten im Vergleich zum Vorjahr mit 3.080 Fällen immer noch unter dem Vor-Corona-Pandemie-Niveau betont die Polizei. In rund der Hälfte der Fälle blieb es beim Versuch. Eine ähnliche Entwicklung zeige sich auch bei der Gesamtzahl der Diebstahlsdelikte, die zwar im Vergleich zum Vorjahr um 14.180 Fälle, also 17 Prozent gestiegen sei, dennoch deutlich unter dem Niveau aus 2017 und früher liege.

Für die die Zunahme der Fallzahlen im Deliktsfeld „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ gibt es mehrere Gründe. Ursächlich sei zum einen die bereits seit 2021 registrierte Zunahme von Fällen rund um den „Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie“. Dies, weil laut LKA-Chef Jan Hieber immer mehr strafbare Inhalte durch das National center for missing and exploited children (NCMEC) in den USA gemeldet wurden. Und weil die Zahl der Taten, bei denen Kinder und Jugendliche selbst verbotene Inhalte in Chatgruppen verbreiten, immer weiter zugenommen habe.

Erhöhte Anzeigenbereitschaft bei Fällen in der Partnerschaft

Zum anderen habe es eine Zunahme sexueller Belästigungen, Vergewaltigungen, sexuellen Nötigungen und Übergriffen in besonders schweren Fällen gegeben. Insgesamt registrierte die Polizei hier 270 Taten. Dies gehe vorwiegend „auf eine erhöhte Anzeigebereitschaft zu Fällen in Partnerschaften zurück“, hieß es. „Die Anzahl der gemeldeten Fälle von Frauen, die durch ihren Partner oder Ex-Partner vergewaltigt wurden, hat sich innerhalb von zwei Jahren von 36 auf 70 fast verdoppelt.“

„Die Kriminalstatistik für 2023 lässt keine pauschalen Aussagen zu“, betonte Polizeipräsident Falk Schnabel, seit drei Monaten im Amt. „Das vergangene Jahr war von Sonderfaktoren geprägt, die sich auf die Gesamtzahlen maßgeblich ausgewirkt haben und einen Vergleich mit den Vorjahren erschweren.“ Anspruch müsse es sein, „den Verfolgungsdruck hochzuhalten und die Zahl der Straftaten wieder zu senken“, sagte Innensenator Andy Grote.

Für die Kripo-Gewerkschaft BDK sind die Erläuterungen von Polizei und Innenbehörde zu den gestiegenen Kriminalitätszahlen nicht plausibel: „Passen die Zahlen nicht, werden immer wieder dieselben Interpretationsansätze gewählt“, sagt BDK-Landeschef Jan Reinecke. „Dann doch steigende Fallzahlen werden auf eine verstärkte Schwerpunktsetzung zurückgeführt und damit zum Erfolg gemacht. Auch die positive Formulierung, dass lediglich das Hellfeld vergrößert wurde, lenkt von einer Steigerung der Fallzahlen ab. Würden diese Formulierungen nicht greifen, bleibe am Ende die wachsende Stadt als Erklärung für steigende Kriminalitätszahlen. „Sinken die Fallzahlen, ist dies natürlich ebenfalls ein Erfolg der vorgenommenen Schwerpunktsetzung.“

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