Druck auf den CDU-Chef wächst

Laschet schweigt zum Fall Maaßen

05.07.2021
Lesedauer: 7 Minuten
Gefahr für die Union. Die CDU in Südthüringen wählte Hans-Georg Maaßen zum Bundestagskandidaten. - FOTO: DPA/MICHAEL REICHEL

Die jüngste Provokation des CDU-Kandidaten Maaßen zielt auf die ARD. Die Querschläge des Ex-Verfassungsschutzchefs werden zum Problem für CDU-Chef Laschet.

Für Armin Laschet sind die vergangenen Tage gut gelaufen. Er musste nichts machen, die Umfragewerte von CDU/CSU und seine persönlichen stiegen. Der Kanzlerkandidat der Union musste nur abwarten, welche neue Debatte es um die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock gibt.

Täglich tauchten neue Hinweise zu übernommen Fremdpassagen für ihr Buch „Jetzt“ auf, ohne dass diese mit Quellenhinweis kenntlich gemacht wurden. Die Strategie der Krisenmanager, Kritikern pauschal eine „Rufmord-Kampagne“ zu unterstellen, machte alles schlimmer. Um Inhalte und Zukunftskonzepte ging es selten bisher in diesem Wahlkampf.

Nun wendet sich die Aufmerksamkeit wieder dem CDU-Vorsitzenden zu. Wie eine schwere Hypothek schwebt die Bundestagskandidatur von Hans-Georg Maaßen in Südthüringen über ihm. Nun hat Maaßen einen Gesinnungstest für Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gefordert – und „Tagesschau“-Mitarbeitern linksextreme Tendenzen vorgeworfen.

Er kritisiert eine „Meinungsmanipulation“ über das Weglassen von Tatsachen und „Tricks“. Wörtlich sagte er dem Privatsender TV Berlin: „Ich halte es für eine Schande, dass die Aufsichtsbehörden diesen öffentlich rechtlichen Rundfunk (…) nicht mal wirklich korrigieren.“ Dann wird Maaßen gefragt, ob er einen Untersuchungsausschuss anstrebe, wenn er in den Bundestag einziehe; zu der aus seiner Sicht einseitigen Berichterstattung?

Maaßen hält NDR-Untersuchungsausschuss für möglich

Es sei nicht Sache des Bundes, aber es gebe genügend Länder, die „einen NDR-Untersuchungsausschuss einleiten könnten“, antwortet Maaßen. Der NDR sei für die „Tagesschau“ zuständig. „Wenn man sieht, dass es da Verbindungen gibt zwischen der „Tagesschau“ oder zwischen Personen, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und „Tagesschau“ arbeiten, aus der linken und linksextremen Szene, dann wäre das auch wirklich eine Untersuchung wert.“ Weiter sagt er, dass die Biografie von einigen Redakteuren auf den Prüfstand gestellt werden sollte, „ob diese Leute die charakterliche Eigenschaft haben, (…) die Tagesschau zu begleiten“.

SPD: Eindruck, das wird von Laschet nicht nur toleriert, sondern gewollt

Nun gibt es immer wieder Kritik an einer mitunter gewissen Schlagseite bei einigen Berichten in ARD und ZDF, etwa in der Migrations-, Klima- und Grünen-Berichterstattung. Aber Maaßen bedient ein Narrativ der AfD – und liefert keine Belege für linksextreme Verbindungen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil spricht von einem „weiteren demokratiefeindlichen Ausfall von Maaßen“.

„Und ein weiteres Mal schweigt CDU-Chef Armin Laschet“, sagt Klingbeil auf Tagesspiegel-Anfrage. „Langsam drängt sich der Eindruck auf, dass das Verhalten von Maaßen und Co durch Laschet nicht nur toleriert wird, sondern gewollt ist. Die Merkel-CDU der Mitte – sie existiert nicht mehr.“

Zwar äußerte sich Laschet in einem Interview allgemein zur Kandidatur von Maaßen, allerdings fand das Gespräch bereits am Freitag statt – also bevor die Debatte um die neuen Maaßen-Äußerungen Fahrt aufnahm. „In Thüringen hat die Basis entschieden. Die Wahlkreise treffen ihre eigenen Entscheidungen. Dies ist gesetzlich so geregelt“, sagte Laschet dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Auf die Frage, ob es nicht besser wäre, wenn sich die CDU glaubhaft von Maaßen abgrenzen würde, sagte Laschet: „Ich werde nicht jeweils kommentieren, wer in 299 Wahlkreisen kandidiert.“ Die Abgrenzung der CDU nach rechts sei glasklar, sagte er. „Mit der AfD wird nicht koaliert, nicht kooperiert, nicht verhandelt. Sie muss aus den Parlamenten verschwinden.“

CDU-Europaabgeordneter Radtke: Der Fehler liegt in Thüringen

Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Bernd Althusmann forderte Maaßen unterdessen zum Parteiaustritt aus. Maaßen schade der Partei nachdrücklich mit Positionen, die wir nicht teilen“, sagte Althusmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Wenn für Herrn Maaßen Grundwerte der Partei, für die er in den Bundestag einziehen will, nichts bedeuten, sollte er sich eine andere Partei suchen.“

CDU-Politiker und früherer CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz ging in einem Twitter-Tweet noch einen Schritt weiter. Polenz schrieb: „Ich würde meiner Partei zu einem Ausschlussverfahren raten. Ja, auch im Wahlkampf. Gerade jetzt.“

Und auch der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke findet klare Worte: Der eigentliche Fehler sei doch in Thüringen gemacht worden. Zu glauben, die eigene Verantwortung für die CDU ende am Ortseingangsschild, und dann einen „selbstradikalisierten, verbitterten Aluhutträger zum Kandidaten machen“, sei keine lokale Angelegenheit.

Der Publizist und CDU-Kenner Andreas Püttmann meint, hier zeige sich „die hässliche Fratze des autoritären, repressiven Rechtskonservativismus“. Und dann wundere man sich, was aus der ungarischen Medienlandschaft geworden sei, fragt er mit Blick auf die dortigen Einschränkungen der Meinungsvielfalt.

Der frühere Präsident des Verfassungsschutzes wurde von der Südthüringer CDU zum Kandidaten gemacht, nachdem der bisherige Abgeordnete Mark Hauptmann nach einer Korruptionsaffäre um Maskengeschäfte nicht wieder angetreten war. Mit Biathlon-Olympiasieger Frank Ullrich schickt die SPD einen starken Gegner ins Rennen, in einer Umfrage lag Ullrich zuletzt knapp vorn. Gewinnt aber Maaßen, bekäme die CDU im Bundestag ein großes Problem.

ARD will auf Maaßens Vorwurf nicht direkt eingehen

Die ARD wollte weder auf den Vorwurf Maaßens, Journalisten der „Tagesschau“ hätten Verbindungen zur linken oder linksextremen Szene, noch zu dessen Forderung nach einer Überprüfung der Mitarbeiter von ARD direkt eingehen. Auf Anfrage teilte Barbara Jung als NDR-Pressesprecherin nur mit: „Die Tagesschau hat einen hohen Anspruch an Objektivität und Sorgfalt in der Berichterstattung. Sie folgt bei der Nachrichtenauswahl ausschließlich journalistischen Kriterien. Die Tagesschau steht damit für ausgewogenen, nachvollziehbaren und durch Fakten belegten Journalismus.“

Frank Überall, der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), bemängelte am Sonntag, dass „Herr Maaßen Belege für seine steile These schuldig bleibt, Tagesschau-Journalisten hätten Kontakte zum linken und linksextremen Spektrum“. Dass er zur Gesinnungsschnüffelei aufrufe, offenbare ein mindestens fragwürdiges Verhältnis zur Pressefreiheit. „Herr Maaßen sollte nicht erneut den Versuch unternehmen, sich auf Kosten der vierten Gewalt im Staat zu profilieren. Das ging schon einmal daneben und hat ihn den Job als Verfassungsschutzchef gekostet“, sagte er dem Tagesspiegel.

Immer wieder neue Provokationen

Es ist nicht das erste Mal, dass Maaßen mit Äußerungen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Aufregung sorgt. Im September 2019 forderte er per Twitter eine Reform oder Abschaffung von ARD, ZDF und Co. Mit Blick auf die Sender kritisierte er: „Wir haben zu viele, sie sind zu teuer, zu fett, zu borniert und zu parteiisch.“ Eine Rundfunkabgabe von einem Euro pro Monat sei für jeden Haushalt ausreichend. Maaßens Forderung einer drastischen Reduzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks deckt sich weit gehend mit der Position der AfD.

Kurz vor Maaßens damaligem Tweet hatten in Brandenburg und Sachsen Landtagswahlen stattgefunden, bei denen die AfD jeweils zur zweitstärksten Partei wurde. Vor den Wahlen hatte Maaßen dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben, das in der Unionsspitze auf großes Befremden stieß. Zwar hatte der frühere Chef des Verfassungsschutzes dabei betont, dass die CDU auf Sieg setzen müsse, um Koalitionen ohne die AfD bilden zu können. Er sagte aber auch mit Blick auf die AfD: „Ich glaube, in der jetzigen Situation werden wir es auch ausschließen, dass es zu einer derartigen Koalition kommt, aber man weiß nie.“

Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock befand sich schon in Maaßens Visier.
Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock befand sich schon in Maaßens Visier.FOTO: SÖREN STACHE/DPA

Maaßen wird immer wieder das Verbreiten von antidemokratischem, AfD-nahem Gedankengut vorgeworfen. Er provoziert gern. Anfang Juni twitterte er, dass die Anfangsbuchstaben im vollständigen Namen von Annalena Baerbock mit dem Kürzel „ACAB“ identisch seien. Das Kürzel steht für „All Cops are Bastards“, auf Deutsch „Alle Polizisten sind Mistkerle“. Wörtlich hatte Maaßen getwittert: „Annalena Charlotte Alma Baerbock = ACAB = All Cops Are Bastards. Zufall oder Chiffre?“ CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nannte die Äußerung „unsäglich“. Er fügte hinzu: „Das ist auch nicht unser Niveau, nicht mein Niveau.“

Laschets Taktik ist es, die Debatte nicht noch größer zu machen. Schon Laschets Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer stolperte beim Versuch, der Thüringer CDU hineinzureden. Aber aussitzen wird schwieriger, zumal der nächste Maaßen-Aufreger sicher kommen wird.

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