Die Innenministerin sagte vor Turnierbeginn, Fans bei der WM müssten sich keine Sorgen machen. Nun gibt es zahlreiche Zwischenfälle wegen Regenbogen-Symbolen – Faesers zweiter Auftritt in Katar zeigt auch: Sie war naiv.
Eine der Gefahren des digitalen Zeitalters ist, dass es Beweisvideos von so gut wie allem gibt. Das ist für Personen des öffentlichen Lebens eine mitunter hundsgemeine Angelegenheit, weil derlei Videomaterial gerne aus den Archiven gekramt wird, um neue Vorwürfe aus uralten Auftritten zu konstruieren. Mitunter ist es aber einfach eine tolle Sache, wenn man auf vergleichsweise simple Art und Weise nachschauen kann, was erst neulich noch behauptet worden war – und was davon einen Zeitraum von, sagen wir mal, circa drei Wochen unbeschadet übersteht.
Vor circa drei Wochen also war Nancy Faeser, als Bundesministerin des Innern auch zuständig für den Sport, bei einer Auslandsvisite in Katar, wo in Kürze eine Fußball-Weltmeisterschaft starten sollte. Das war freilich auch der Grund für Faesers Kontrollbesuch, der laut einem Augenzeugenbericht von Nancy Faeser sehr erfolgreich war: „Sehr gute Gesetze“ habe das Emirat auf den Weg gebracht, lobte die SPD-Ministerin, auch der Austausch mit den katarischen Offiziellen sowie mit dem Fifa-Alleinherrscher Gianni Infantino sei konstruktiv und ergiebig gewesen.
Na gut, das mit der Umsetzung müsse man sich nach Turnierbeginn noch mal genauer ansehen, schränkte Faeser vor den TV-Kameras ein. Doch die Botschaft war klar: Läuft schon, die Sache mit der freien Meinungsäußerung und den LGBTQ-Rechten. Ähnlich klang die Lageanalyse des DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf, der Faeser nach Katar begleitetet hatte.Am Mittwochmittag, circa drei Wochen später also, stand nun erneut ein Auftritt von Faeser und Neuendorf auf dem Programm. Wobei, so ganz stimmt das nicht: Es handelt um eine Art Krisen-PR, zu der sich die beiden vor der Fanbotschaft in Doha bemüßigt fühlten. Die viel diskutierte „One Love“-Binde, die die DFB-Elf gegen Japan tragen wollte? Wurde entwendet von der Fifa, wie ein Pausenbrot vom gefürchteten Rowdy auf dem Schulhof. Und dann sind da auch noch Fälle wie der des Studenten Bengt Kunkel, der am Mittwoch denselben Statement-Marathon wie Faeser und Neuendorf absolvierte.
Ein regenbogenfarbenes Schweißband im Stadion? Das geht leider nicht
Denn Kunkel, ein deutscher Fan aus Münster, erzählte, wie er am Montag zu Besuch beim Spiel Niederlande gegen Senegal gewesen sei und es gewagt habe, mit einem regenbogenfarbenen Schweißband das Stadion zu betreten.
Die Folge, so Kunkel: Ein Dutzend katarische Sicherheitskräfte hätten ihn umzingelt und Gewahrsam angedroht, wenn er das Schweißband nicht abnehmen würde; Kunkel habe nach einer Weile die Anweisung befolgt und das Band im Müll entsorgt. Ähnliche Berichte gibt es zuhauf, zum Beispiel von walisischen Fans, deren Regenbogenhüte konfisziert worden seien. Läuft, die Sache mit der freien Meinungsäußerung und den LGBTQ-Rechten!Immerhin: Neuendorf und Faeser versicherten dem gebeutelten Fan ihre uneingeschränkte Solidarität, sodass sie sich in drei Wochen rein gar nichts vorzuwerfen haben werden. „Das ist für uns kein Zeichen des Willkommens“, fand etwa Neuendorf. „Das enttäuscht mich sehr“, versicherte Faeser. Allerdings konnte die Ministerin dem Fan „keine Garantie“ für einen nun sorgenfreien Aufenthalt geben. Die erwartbaren Allgemeinplätze also. Überraschend war höchstens, wie überrascht Faeser und Neuendorf von dem Vorfall waren.
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