Gangsta-Rapper aus Migrantenquartieren werden in Schweden als Musikstars gefeiert, dabei stehen einige wegen schwerer Straftaten im Scheinwerferlicht. Sollen Medien und Radiosender ihnen weiter eine Bühne bieten?
Es war ein Musikvideo aus dem Internet, das die Stockholmer Polizei in unerwarteter Weise auf die entscheidende Fährte brachte. In dem Rap- Video posierten einige vermummte Männer in einer Tiefgarage mit Waffen vor einem teuren weissen Auto. Das Auto war der Polizei bekannt von einem Vorfall, der im August 2020 ganz Schweden aufgewühlt hatte: Ein zwölfjähriges Mädchen war bei einer Autobahnraststätte bei Stockholm tödlich von einer verirrten Kugel getroffen worden, die aus diesem Auto abgefeuert worden war. Bei dem Vorfall ging es vermutlich um eine Abrechnung zwischen zwei kriminellen Banden.
Das Auto, festgehalten auf einer Überwachungskamera der Raststätte, wurde kurz darauf ausgebrannt aufgefunden. Die Aufnahmen für das Musikvideo, so zeigte sich später, waren in den Tagen vor der Schiesserei entstanden. Die Ermittler identifizierten eine der im Musikvideo gezeigten Waffen anhand der technischen Beweise als die wahrscheinliche Tatwaffe. Mitte Dezember konnte die Stockholmer Polizei dann mitteilen, der mutmassliche Schütze sei in Haft genommen worden. Man hoffe auf eine Anklage in wenigen Wochen.
Von Raub bis Mord
Dass die Polizei offenbar vor der Aufklärung des Falles steht, ist ein wichtiges Zeichen an die Gesellschaft, in der das Ereignis tiefe Spuren hinterlassen hat. Es ist aber auch ein Signal an die rivalisierenden Banden aus den Vorstädten der grossen Agglomerationen, dass sie für ihre rücksichtslos ausgetragenen Kämpfe um Territorium und Vorherrschaft mit Konsequenzen rechnen müssen. Und nicht zuletzt dokumentiert der Fall die Verflechtungen zwischen der Bandenkriminalität und dem Gangsta-Rap-Milieu.
Aufsehenerregende Beispiele für solche Verflechtungen gab es in den letzten Monaten gleich mehrere. Zu den noch harmloseren gehörte ein Vorfall im nördlichen Stockholmer Quartier Husby, als ein Rapper einen Laden betrat, sich Waren für mehrere hundert Franken nahm und, ohne zu bezahlen, wieder ging. Zwar wurde die Sache angezeigt und polizeilich untersucht, doch alle Zeugen zogen ihre Aussagen zurück – ein Beispiel für die «Schweigekultur», die Banden auf ihrem Territorium einfordern.
Weitaus ernster war der Mord am 19-jährigen Rapper Nils Grönberg im Herbst in Stockholm. Grönberg, der unter dem Künstlernamen Einar auftrat, gehörte zu den meistgespielten schwedischen Rappern. Er hätte ein paar Tage später vor Gericht aussagen sollen. In dem Berufungsverfahren ging es um seine Entführung und Misshandlung durch Angehörige eines kriminellen Netzwerks, zu dem auch der Rapper Yasin gehörte. Yasin wurde im Sommer 2021 wegen Komplizenschaft bei einem ersten Versuch zur Entführung Grönbergs verurteilt.
Es sind Vorkommnisse wie diese, die die Frage aufwerfen, ob Gangsta-Rap in Schweden bloss ein Musikgenre ist, das die Segregation und desolate soziale Lage in Immigrantenvorstädten thematisiert, oder ob gewisse Rapper nicht selbst mit ihren kriminellen Aktivitäten zur Verschärfung der Lage beitragen. Die Gangs und ihr Wirken sind schon länger ein dominierendes politisches Thema in Schweden.
«Kriminelle sind Kriminelle, nicht Stars»
Auf der einen Seite der Debatte um die Rapper stehen Akteure der Kulturszene, die strikt zwischen dem künstlerischen Schaffen und ihrem gesellschaftlichen Auftreten unterscheiden. Am anderen Ende stehen die rechtsnationalen Schwedendemokraten, die einen Vorstoss lanciert haben, öffentlichrechtlichen Sendern das Spielen von Gangsta-Rap zu untersagen. Schliesslich würden sonst mit Steuergeldern indirekt Künstler mit Verbindungen zu kriminellen Banden finanziert.
Zwischen diesen Polen liegt eine ganze Skala von Ansichten. Paula Brandberg, eine Staatsanwältin für das organisierte und internationale Verbrechen, sagte in einer Diskussionssendung des Fernsehkanals SVT, es gebe keine Zweifel, dass es erhebliche Verbindungen zwischen Gangsta-Rap und Bandenkriminalität gebe. Die Musik diene zur Einschüchterung lokaler Gemeinden, zur Einforderung der «Schweigekultur» und für Drohungen an rivalisierende Gangs. Auch sei die Reichweite, die einige Stars der Szene mit ihren Videos erzielten, ein Mittel zur Rekrutierung neuer Bandenmitglieder.
Der Parlamentarier Hanif Bali, der oft mit pointierten Ansichten auffällt, sagte an gleicher Stelle, die Öffentlichkeit solle Kriminelle als Kriminelle betrachten und nicht als Stars. Wie Brandberg ist er der Meinung, die mediale Überhöhung von Rappern, die in das Bandenwesen involviert sind, schaffe falsche Vorbilder und Identifikationsfiguren. Ein Beispiel ist der Rapper Yasin, der im Frühling bei der Hip-Hop-Gala des Senders P3 Hauptpreise von Publikum und Jury abräumte, während er bereits in Untersuchungshaft sass und daher bei der Gala «verhindert war».
Ein Problem mit tieferen Wurzeln
Ein besonderes Problem ist laut Kommentatoren der Anspruch der Rap-Szene, dass eine authentische kriminelle Vergangenheit haben sollte, wer als Rapper ernst genommen werden wolle. Ein früherer Musiker, der das Feld inzwischen verlassen hat, sagte in einem Interview, nicht alle, die entsprechende Ambitionen hätten, hätten auch die Statur dazu. Doch ihn habe der Wille, als Rapper aufzusteigen, in die Kriminalität gezogen.
Aktivisten und Sozialarbeiter aus den Problemquartieren argumentieren hingegen, die Rap-Musik spiegle lediglich die prekäre Lage einschliesslich der Kriminalität in den Vorstädten. Ihre Repräsentanten seien in letzter Konsequenz Opfer dieser Umstände. Das ist gewiss ein Teil der Wahrheit, denn die mangelhafte Integration von Immigranten ist seit Jahren eines der grössten Probleme der schwedischen Politik, unabhängig davon, ob diese von linker oder bürgerlicher Seite geführt wurde.
Die Forderung aus den benachteiligten Quartieren, dass es das Gesamtbild zu betrachten gelte statt «Details» wie die Rolle der Rapper, ist daher berechtigt. Doch weil sich die Misere über lange Zeit aufgebaut hat, lässt sie sich nicht über Nacht beseitigen. Gleichzeitig müssen die Behörden hier und jetzt versuchen, der Bandenkriminalität Herr zu werden. Denn nur wenn der Staat sein Gewaltmonopol durchsetzen kann, kann die Politik an eine langfristige Strategie denken.



