Mit Ben Wallace scheidet der populärste Tory-Politiker aus Rishi Sunaks Regierung aus. Zum Abschied warnt Wallace düster vor neuen militärischen Gefahren – gleich an drei Fronten.
Nachdem in letzter Zeit bereits 46 Tory-Abgeordnete angekündigt haben, bei den Unterhauswahlen des nächsten Jahres nicht mehr kandidieren zu wollen, verlieren die Konservativen nun auch den Politiker, der seit langem als der beliebteste Repräsentant der Regierungspartei galt.
Verteidigungsminister Ben Wallace – weit populärer als Premierminister Rishi Sunak – will bei der in Kürze erwarteten Kabinettsumbildung aus der Regierung ausscheiden und danach nur noch bis zu den Unterhauswahlen im Parlament bleiben. Ihm würde es nichts ausmachen, zur Abwechslung mal «in einer Bar zu arbeiten», scherzte er jetzt in einem Abschiedsinterview mit der «Sunday Times». Er habe lange genug «mit drei Telefonen auf dem Nachttisch gelebt».
Für die Tories, die in der Wählergunst weit hinter der Labour Party liegen und sich für schwere Niederlagen in drei parlamentarischen Nachwahlen am Donnerstag dieser Woche rüsten, ist der Abgang von Wallace ein neuer herber Schlag. Der 53-Jährige selbst scheint aber zu glauben, dass er die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten in der Politik erreicht hat – und dass seine Partei wenig Chancen hat, sich an der Macht zu halten über 2024 hinaus.
Niemand wollte ihn als Nato-Generalsekretär
Einst galt Wallace ja als Favorit für die Nachfolge Boris Johnsons als Premierminister. Als voriges Jahr zweimal ein Nachfolger gesucht wurde, hielt er sich jedoch beide Male zurück. Seine Kinder hätten ihm «geholfen», diese Entscheidung zu treffen, erklärte er im Nachhinein die Tatsache, dass er nicht angetreten war. Nicht erfüllen wollte sich auch seine offenbar lang gehegte Hoffnung, Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär beerben zu können. Angeblich soll US-Präsident Joe Biden das verhindert haben, im Zusammenspiel mit der EU.
Aufgewachsen ist Ben Wallace im südenglischen Luftfahrt-Städtchen Farnborough. Er besuchte die Militär-Akademie Sandhurst und schloss sich den Scots Guards, einer schottischen Elite-Einheit, an, bevor er in die Politik ging. Zuerst wurde er ins schottische Parlament gewählt und danach ins Unterhaus in Westminster. Beim Brexit-Referendum von 2016 stimmte er gegen den EU-Austritt, aber weil er in der Folge Boris Johnsons Kampagne zum Sprung an die Partei- und Regierungsspitze koordinierte, wurde er von diesem 2019 zum Verteidigungsminister ernannt.
Wallace verlor auf dem jüngsten Nato-Gipfel erstmals die Geduld mit Wolodimir Selenski.
Als solcher suchte Wallace vor allem für mehr finanzielle Unterstützung der Streitkräfte und für deren Modernisierung zu sorgen. Zur wichtigsten Frage seiner Amtszeit wurde aber der Ukraine-Krieg. An der Seite Johnsons stellte er sicher, dass Kiew früh schon mit Waffen beliefert wurde. Er forderte von den Verbündeten, wie später auch Sunak, «bedingungslosen Beistand» für die Ukraine und für die ukrainischen Truppen in diesem Krieg.
Umso überraschender, dass Wallace auf dem jüngsten Nato-Gipfel erstmals die Geduld mit Wolodimir Selenski verlor und beklagte, dass sich Kiew nicht genug bedanke für all die Waffenlieferungen aus dem Westen: London sei schliesslich kein blosser Lieferservice «wie Amazon», bei dem man einfach immer neue Bestellungen aufgebe. Seither hat der Brite erklärt, seine Bemerkungen in Vilnius seien missverstanden worden. Natürlich müsse man der Ukraine weiter den Rücken stärken. Russland lasse keine andere Wahl.
Welt werde «sehr viel unsicherer»
Eindringlich hat Wallace Premier Sunak aufgefordert, den britischen Streitkräften keine neuen Kürzungen zuzumuten, sondern ein ausreichendes Budget zu garantieren, damit das Land nicht eines Tages wehrlos dastehe. Das Königreich werde sich bis 2030 in einer brisanten Lage finden, es drohe ein neuer kalter Krieg oder gar ein heisser militärischer Konflikt, warnte Wallace.
«Zum Ende des Jahrzehnts wird die Welt sehr viel unsicherer sein», sagt Ben Wallace. Selbst wenn die Russen im Ukraine-Krieg unterlägen, hätten sie ja «immer noch eine Luftwaffe und eine Kriegsmarine» an der Hand. Putin sei «noch nicht fertig mit uns». Zugleich müsse man befürchten, dass es zu einem kalten Krieg mit China kommen werde. Und dass in Afrika Terror-Gruppen bekämpft werden müssten. Gleich an drei Fronten bestehe Kriegsgefahr, so der düstere Ausblick des Verteidigungsministers.Peter Nonnenmacher berichtet als Korrespondent aus London.Mehr Infos
Fehler gefunden?



