Russische Invasion

„Entsetzliches Kriegsverbrechen“ – Ukraine meldet russische Bombardierung von Theater

16.03.2022
Lesedauer: 9 Minuten
Russlands Außenminister Lawrow bringt bei den Verhandlungen mit der Ukraine eine Neutralität des Landes ins Spiel. Klaus Wittmann, General a.D. der Bundeswehr, ist da jedoch skeptisch: „Die Ukraine hatte 2014 per Gesetz einen neutralen Status. Wir wissen, was daraus geworden ist“. Quelle: WELT

Ukrainischen Angaben zufolge haben russische Truppen ein Theater in Mariupol mit hunderten Zivilisten bombardiert. Auch ein Flüchtlingspol nahe der Stadt soll angegriffen worden sein. Im besetzten Cherson droht den Menschen derweil eine humanitäre Katastrophe. Ein Überblick.

Russische Einheiten haben nach ukrainischen Angaben ein Theater in Mariupol bombardiert, in dem sich Hunderte Menschen aufgehalten haben sollen. Angaben zu möglichen Opfern lagen zunächst nicht vor.

„Ein weiteres entsetzliches Kriegsverbrechen in Mariupol“, twitterte Außenminister Dmytro Kuleba am Mittwoch. „Heftiger russischer Angriff auf das Drama-Theater, wo sich Hunderte unschuldiger Zivilisten versteckt haben.“ Das Gebäude sei vollständig zerstört. „Die Russen müssen gewusst haben, dass dies ein ziviler Unterschlupf war.“

Ein russisches Flugzeug habe „eine Bombe über dem Gebäude abgeworfen, in dem hunderte Zivilisten Schutz gesucht hatten“, teilte das Rathaus. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Die russische Regierung bestreitet den Angriff auf das Theater hingegen. Das meldet die russische Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. Der Stadtrat der eingekesselten Hafenstadt Mariupol hat erklärt, russische Truppen hätten das Theater bombardiert.

Bei einem russischen Raketenangriff auf einen Flüchtlingskonvoi nahe Mariupol sind nach ukrainischen Angaben zudem mehrere Menschen getötet oder verletzt worden. Gegen 15.30 Uhr habe die russische Armee mit schwerer Artillerie einen Konvoi von Zivilisten angegriffen, die aus dem belagerten Mariupol nach Saporischschja gebracht werden sollten, teilte die ukrainische Armee am Mittwoch mit.

Die ukrainische Armee veröffentlichte im Messengerdienst Telegram ein Foto, auf dem ein schwer verletztes Kind zu sehen war. Die genaue Opferzahl werde noch „geklärt“. „Nach vorläufigen Erkenntnissen gibt es Tote“, erklärte die Armee.

Die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer wird seit rund zwei Wochen von der russischen Armee belagert und ist seitdem von der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie abgeschnitten. Hilfsorganisationen beschreiben die Lage vor Ort als katastrophal. Nach Angaben der Stadtverwaltung wurden bereits rund 2200 Einwohner durch die Kämpfe getötet.

Im besetzten Gebiet Cherson droht humanitäre Katastrophe

Die ukrainische Regierung warnte außerdem vor einer humanitären Katastrophe im von russischen Truppen eroberten Gebiet Cherson. „Wegen der vorübergehenden Besatzung fehlt es den Menschen in den Siedlungen, vor allem den kleineren, an Medikamenten und teilweise an Nahrungsmitteln“, schrieb die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denisowa, bei Telegram. „Aufgrund des aggressiven Vorgehens und des Beschusses der russischen Besatzer ist es nicht möglich, Waren aus anderen Regionen der Ukraine zu liefern.“ Zudem gebe es Probleme bei der Strom-, Gas- und Wasserversorgung.

Russland hat nach eigenen Angaben das südukrainische Gebiet Cherson rund um die gleichnamige Großstadt komplett besetzt. Aus der Region kommen seitdem immer wieder Berichte, dass russische Truppen pro-ukrainische Lokalpolitiker verschleppt hätten.

Am Dienstag sollen ukrainische Truppen den Luftwaffenstützpunkt Cherson angegriffen und russische Hubschrauber beschädigt haben. Zuvor gab die russische Armee bekannt, dass sie das komplette Gebiet Cherson unter ihre Kontrolle gebracht habe
Am Dienstag sollen ukrainische Truppen den Luftwaffenstützpunkt Cherson angegriffen und russische Hubschrauber beschädigt haben. Zuvor gab die russische Armee bekannt, dass sie das komplette Gebiet Cherson unter ihre Kontrolle gebracht habe
Quelle: dpa/Uncredited

Am Mittwoch wurden nach Angaben von Aktivisten der Bürgermeister der Stadt Skadowsk nahe der annektierten Halbinsel Krim, Olexander Jakowlew, sowie Stadtrat Juri Paljuch abgeführt. Vor dem Rathaus demonstrierten zahlreiche Menschen für die Freilassung. Jakowlew meldete sich wenige Stunden später in einem Video. Er sei frei und es gehe ihm gut, die Russen hätten mit ihm nur ein Gespräch geführt. Details nannte er nicht.

Russischer Vormarsch auf Kiew war laut Ukraine „erfolglos“

Der russische Vormarsch auf Kiew ist aus Sicht des ukrainischen Militärs ins Stocken geraten. „Der Feind versucht, auf Kiew vorzustoßen. Er war erfolglos und ging zur Verteidigung über“, teilte das Militär am Mittwoch mit. Russische Truppen seien in nördlicher Richtung der Hauptstadt gestoppt worden. Das ließ sich nicht unabhängig überprüfen.

Ukrainische Soldaten leisten demnach auch Widerstand im Osten des Landes. Der russischen Armee und den Kämpfern der selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk sei es bislang nicht gelungen, bis an die administrativen Grenzen der Region vorzudringen.

Ebenso versucht Russland nach Angaben aus Kiew weiterhin, die nordukrainische Stadt Tschernihiw einzunehmen. Es gebe derzeit aber „keine aktiven Offensiv-Operationen“. Truppen würden neu gruppiert. Zudem gab die Ukraine an, dass die russische Luftwaffe weiter Angriffe auf zivile Ziele etwa im Gebiet Kiew fliege. So etwas hat Moskau immer wieder bestritten und versichert, nur militärische Ziele anzugreifen.

Krankenhaus in Mariupol in russischer Geiselhaft

Nach Angaben der ukrainischen Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk brachten russische Truppen in der Hafenstadt Mariupol ein Krankenhaus unter ihre Kontrolle. 400 Patienten und Mitarbeiter würden als Geiseln gehalten. Die Soldaten hätten auf dem Klinikgelände Artillerie in Stellung gebracht und würden Schüsse abfeuern, sagte die stellvertretende Regierungschefin in einer Video-Ansprache.

Durch Beschuss getötete Menschen liegen vor einer Klinik in Mariupol
Durch Beschuss getötete Menschen liegen vor einer Klinik in Mariupol
Quelle: AP/Evgeniy Maloletka

Zuvor hatte der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Kyrylo Tymoschenko, bekanntgegeben, dass rund 20.000 Menschen die umkämpfte Hafenstadt Mariupol über einen „humanitären Korridor“ verlassen konnten. Allerdings sind nach wie vor rund 300.000 Menschen in der Stadt ohne Wasser, Strom oder Lebensmittelnachschub gefangen.

Der zweifache Vater Mykola gehörte zu Tausenden Flüchtlingen, die am Dienstag aus Mariupol in der mehr als 200 Kilometer entfernten Stadt Saporischschja ankamen. Die Autos hatten am Rückspiegel weiße Stofffetzen als weiße Fahnen befestigt. Er beschrieb eine angespannte Fahrt abseits der Straßen, um russischen Truppen und Kontrollpunkten auszuweichen.

Ukraine-Konflikt - Mariupol
Durch Granatenbeschuss verletzte Menschen liegen im Flur eines Krankenhauses in Mariupol
Quelle: dpa/Evgeniy Maloletka

Einmal hätte er mit seiner Frau und den Kindern ein Minenfeld durchfahren müssen. „Als wir weiterfuhren, sahen wir ein verkohltes Auto. Die Soldaten sagten uns, dass es mit einer Frau darin explodiert war, nachdem es auf eine Mine gefahren war, eine Stunde bevor wir dort ankamen“, berichtete er.

Am Montag hatten erstmals 160 Fahrzeuge Mariupol verlassen können, nachdem zuvor mehrere Evakuierungsversuche gescheitert waren. Nach Angaben der Stadtverwaltung warten weitere 2000 Autos auf eine Chance, aus dem Kriegsgebiet zu entkommen.

Dmytro, der ebenfalls am Dienstag mit Frau und zwei Kindern in Saporischschja ankam, berichtete, dass russische Truppen ihn zweimal zur Umkehr aufgefordert hatten. Er beschrieb die katastrophalen Zustände in Mariupol: Die Menschen seien gezwungen, ungefiltertes Wasser aus einem Fluss zu trinken. Er habe Geschäfte geplündert, um seine Familie zu ernähren. Sie hätten bei Minustemperaturen „unter der Erde“ gelebt.

Neugeborene, die in einem angegriffenen Krankenhaus von ihren Eltern zurückgelassen wurden
Neugeborene, die in einem angegriffenen Krankenhaus von ihren Eltern zurückgelassen wurden
Quelle: AP/Evgeniy Maloletka

Mariupol liegt etwa 55 Kilometer von der russischen Grenze und 85 Kilometer von der Separatistenhochburg Donezk entfernt. Es ist die größte Stadt zwischen der von Russland annektierten Krim-Halbinsel und den pro-russischen Separatistengebieten, die sich noch in der Hand der ukrainischen Regierung befindet. Die Eroberung der Stadt mit einst 450.000 Einwohnern wäre ein Wendepunkt in der russischen Invasion der Ukraine, da sie eine Landverbindung zwischen den beiden Gebieten herstellen und die Ukraine vom Asowschen Meer abschneiden würde.

Inzwischen wurde auch Saporischschja von russischen Truppen angegriffen. Dies berichtete der ukrainische Gouverneur Alexander Staruch am Mittwoch auf Telegram. Die Raketen seien unter anderem auf einem Bahnhofsgelände eingeschlagen, es sei niemand getötet worden. Saporischschja war bisher von den Kämpfen weitgehend ausgenommen. Das von russischen Truppen bereits vor zwei Wochen eingenommene Atomkraftwerk Saporischschja liegt 50 Kilometer außerhalb.

An diesem Mittwoch können Zivilisten in umkämpften Orten nach Angaben aus Kiew nicht auf eine Evakuierung hoffen. Man habe keine Antwort auf die ans Rote Kreuz gerichteten Vorschläge erhalten, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk. „Die Frage humanitärer Korridore für Isjum und Mariupol ist offen. Es ist derzeit unmöglich, Menschen dort gefahrlos herauszuholen.“ Wege für die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten in eroberte Städte würden ausgearbeitet. Isjum liegt im Nordosten des Landes und wird von der russischen Armee belagert.

Odessa: Russische Kriegsschiffe greifen ukrainische Küste an

Währenddessen haben russische Kriegsschiffe in der Nacht Raketen auf die ukrainische Schwarzmeerküste südlich von Odessa abgefeuert. Ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschchenko, teilte am Mittwoch bei Facebook mit, es sei auch Artillerie gegen das Gebiet in der Nähe von Tusla eingesetzt worden.

„Sie feuerten eine große Menge an Munition aus großer Entfernung ab“, schrieb Geraschchenko. Er gab an, Russland habe die ukrainische Küstenverteidigung testen wollen. Einen Versuch, Truppen zu landen, habe es nicht gegeben. Der Berater äußerte sich nicht dazu, ob die Geschosse Schäden anrichteten.

Die ukrainische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben nahe Odessa zwei Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-30 abgeschossen. Nach Angaben des regionalen Militärstabs versuchten russische Einheiten, die ukrainische Luftabwehr bei Odessa auszuschalten, dies sei aber nicht gelungen.

Russische Armee hat bis zu 40 Prozent der Einheiten verloren

Die russische Armee soll nach Angaben des ukrainischen Generalstabs bereits bis zu 40 Prozent der Einheiten verloren haben, die seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar an Kämpfen beteiligt waren.

Army aviation helicopters escort units of Russian Armed ForcesaBlick aus einem russischen Hubschrauber, der Panzer eskortiert in Ukraine
Blick aus einem russischen Hubschrauber, der Panzer eskortiert
Quelle: VIA REUTERS

Diese Truppen seien entweder vollständig zerstört worden oder hätten ihre Kampfkraft verloren, teilte der Generalstab in Kiew in der Nacht zu Mittwoch in einem Lagebericht mit. Eine konkrete Zahl nannte er nicht. Die Aussagen können nicht unabhängig geprüft werden. Nach ukrainischen Angaben wurden seit Kriegsbeginn am 24. Februar etwa 13.800 russische Soldaten getötet. Etwa 430 Panzer, 1375 gepanzerte Fahrzeuge und Hunderte weitere Fahrzeuge seien zerstört worden, ebenso rund 85 Kampfflugzeuge und mehr als 100 Hubschrauber. Auch diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Der Generalstab in Kiew teilte mit, ukrainische Truppen leisteten landesweit heftigen Widerstand. Die russischen Einheiten konzentrierten sich derzeit vor allem auf die Sicherung ihrer Geländegewinne. Ukrainische Artillerie und Luftwaffe attackierten die russischen Nachschublinien. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sprach von einer Reihe von Gegenangriffen. Ein anderer Präsidentenberater, Oleksii Arestowytsch, erklärte, die Lage in den wichtigsten Brennpunkten habe sich nicht geändert – und könne dies auch nicht, weil Russland seine Ressourcen aufgebraucht habe.

Nach UN-Angaben sind mittlerweile mehr als drei Millionen Menschen vor dem russischen Angriffskrieg aus der Ukraine geflohen. Dazu kommen Millionen Binnenflüchtlinge.

AP/AFP/dpa/Reuters/ott/gub/jmr

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