Wer hat das Nachsehen, wenn biologische Männer im Frauensport starten?

Eine britische Professorin stellte diese Frage, nun verlässt sie ihren Posten

05.11.2021
Lesedauer: 5 Minuten
Kein Ort, wo Angestellte Panikattacken erleiden sollten: University of Sussex. Foto: Jim Stephenson / View Pictures / Getty

Ein Transgender-Streit um die Philosophin Kathleen Stock beschäftigt seit Wochen die britischen Medien. Nun hat sich die Professorin in einem BBC-Interview zu Wort gemeldet.

Kathleen Stock lehrte achtzehn Jahre lang an der Universität in der Nähe von Brighton und bezeichnete sie als eine Art Heimat. Das änderte sich dramatisch, nachdem ihr Buch «Material Girls. Why Reality Matters for Feminism» erschienen war. Darin vertrat sie ähnliche Ansichten wie J. K. Rowling, die im vergangenen Jahr ebenfalls in eine erbitterte Transgender-Debatte geraten war. Für Kathleen Stock endete die Auseinandersetzung mit der Niederlegung ihrer Stelle, nicht aus freiem Willen, sondern als Ergebnis jahrelangen Mobbings.

Der Streit hatte sich dermassen zugespitzt, dass der Anlass am Ende nur noch in Umrissen wahrzunehmen war: In ihrem kompakten, klar geschriebenen Buch erhellt Stock die Komplexität der den Gender-Kriegen zugrunde liegenden Themen. Sie erklärt die unterschiedlichen Konzepte und welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft haben. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass zwar die selbstgewählte Gender-Identität eines Menschen respektiert werden solle. Jedoch lasse sich das biologische Geschlecht von Männern und Frauen nicht ändern.

In einer Welt, in der Gender-Identität dem biologischen Geschlecht übergeordnet sei, hätten Frauen, das physisch schwächere Geschlecht, das Nachsehen. Unter bestimmten Umständen, so Stock – in Gefängnissen, bei Therapien in Vergewaltigungsfällen und beim Sport –, sollte das biologische Geschlecht Vorrang haben, um die Rechte der Frauen zu schützen. Diese Auffassung ist nicht nur Stocks Privatmeinung. Sie ist im britischen Gleichstellungsgesetz von 2010 festgeschrieben.

Albtraum und Panikattacke

In einem Instagram-Account, dem 1100 Menschen folgen, hiess es: «Unsere Forderung ist einfach: Feuert Kathleen Stock. Andernfalls werdet ihr uns kennenlernen.» An einem ihrer letzten Tage an der Universität fand Stock einen Fussgängertunnel mit Plakaten gepflastert vor, die ihre Entlassung forderten, auch die Uni-Toiletten waren mit Aufklebern verunziert, die ihr «transphobic shit» nachsagten. «Die ganze Unterführung war voller Studenten und Uni-Angestellter. Es war wie ein schrecklicher Albtraum», erzählte Stock in mehreren Interviews. Sie erlebte eine Panikattacke und verliess den Campus.

Der Streit um Stock schwelt seit rund zwei Jahren, seit ihre Auffassungen an der Uni bekanntwurden. Die hohen Studiengebühren von bis zu 9000 Pfund pro Studienjahr machen die britischen Studierenden zu fordernden Konsumenten, und Universitäten werden zu Unternehmen, die schlechte Presse und den Verlust von Kunden fürchten. Gegenüber der BBC zeigte sich die Professorin dann auch weniger erschüttert über das Verhalten der Studenten. Zu den unfassbaren Vorgängen an der University of Sussex gehörte das Schweigen der Kollegen und der Universitätsleitung, auch und vor allem derer, die mit ihren Ansichten einverstanden waren.

Aus Angst vor einer ähnlichen Behandlung wagten sie nicht, sich mit Stock zu solidarisieren. Vielmehr distanzierten sie sich, weil sie ihren Job nicht riskieren wollten. Stock berichtete von einer Atmosphäre der Angst. Kollegen, die anderer Ansicht waren als sie, schürten die Feindseligkeiten noch und unterstützten ihre Gegner offen in den Hörsälen und auf Twitter. Im Januar hatten Hunderte von Akademikern und Akademikerinnen die Regierungsentscheidung kritisiert, Stock mit der Auszeichnung des britischen Ritterordens OBE auszuzeichnen.

Kathleen Stock, britische Philosophin.
Kathleen Stock, britische Philosophin. Foto: Sonali Fernandez

Die Regularien der Universität

Die Universität selbst, die das Gegenteil behauptet, schützte die Professorin nach deren eigenen Angaben erst im letzten Moment. Adam Tickell, der Vizekanzler der Universität, meldete sich viel zu spät in einem Radiointerview zu Wort: «In polarisierten Debatten müssen wir uns auf Nuancen und Mitgefühl besinnen», sagte er. An der Universität gebe es starke Regularien sowohl für die Redefreiheit als auch für die Inklusion. In Wirklichkeit zeigen die Ereignisse in Sussex jedoch, dass die beiden Konzepte in den Gender-Kriegen nicht miteinander vereinbar sind. Stocks Gegner sind davon überzeugt, dass Transmenschen ihr Geschlecht vollständig ändern können und dass anderslautende Ansichten, denen akademische Freiheit gewährt wird, Inklusivität verhindern. Sie vertreten ihre Auffassung apodiktisch. «Für uns gibt es keine Debatte darüber.»

Wie andernorts auch ist der Streit um Gender-Identität und Inklusivität längst zu einem Krieg über Meinungsfreiheit geworden, in dem die beiden Lager mit unterschiedlichen Methoden kämpfen. «Ich glaube an relativ altmodische Dinge wie Argumente und Gründe, die sich anführen lassen, um zu Schlussfolgerungen zu gelangen und an die Vernunft zu appellieren», sagte Kathleen Stock in einem BBC-Interview am Mittwoch.

Ihrer Stimme war die Erschütterung über die traumatischen Vorgänge auf dem Universitätscampus noch anzuhören. Aber sie bereut nicht, das Buch geschrieben zu haben. «Es hat Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen, das es schon länger gibt», sagt sie. Sie sei froh, denen, die sich an ihren Arbeitsplätzen nicht zu dem Thema äussern könnten, eine Stimme zu geben. Doch sie erlebte nicht nur verbalen Missbrauch. Während ihre Gegner sie attackierten, erhielt sie Unterstützung aus der Bevölkerung und auch aus der Politik, wie sie sagte. Die Ministerin für höhere Bildung, Michelle Donelan, zeigte sich entsetzt über die «toxische Atmosphäre» an der University of Sussex und verurteilte die fortgesetzte Hetzkampagne und Einschüchterung.

Trotzdem sah Kathleen Stock, eine gemässigte Linke, deren Frau ein Baby erwartet, keine andere Möglichkeit, als schweren Herzens der Universität den Rücken zu kehren. «Es war eine absolut furchtbare Zeit für mich und meine Familie», schrieb sie auf Twitter. «Ich lasse sie jetzt hinter mir.» Auf die Frage, was für sie als Nächstes komme, sagte sie, ganz sicher wolle sie ein neues Buch schreiben. Aber über ein anderes Thema.

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