Ein Jahr nach der Terrornacht von Wien sind die wichtigsten Fragen zum Anschlag trotz vielen Ermittlungspannen geklärt

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Polizei- und Rettungskräfte waren am 2. November rasch am Tatort in der Wiener Innenstadt. Christian Bruna / EPA

Die österreichischen Ermittler sehen einen Einzeltäter am Werk, der aber zumindest ideologische Unterstützung von Islamisten hatte. Enttäuscht von der Republik sind die Opfer.

Auswertung von Überwachungskameras zeigt, befindet er sich kurz vor halb sieben Uhr abends am Schwedenplatz. Zur gleichen Zeit erscheint auf seinem Facebook-Profil ein Treueschwur an den Islamischen Staat (IS). Mit Sturmgewehr, Pistole und Machete posiert er für ein Bild.

Nachdem er fast eineinhalb Stunden zögernd durch das Quartier gezogen ist, holt er um 19 Uhr 59 seine Waffen aus der mitgebrachten Tasche und eröffnet wahllos das Feuer auf Passanten. Sein erstes Opfer ist wie er Albaner nordmazedonischer Abstammung, sein zweites eine deutsche Kunststudentin. Dann exekutiert er eine weitere Frau, die er zuvor angeschossen hat. Schliesslich erschiesst er den Besitzer eines chinesischen Restaurants. Mit der angerückten Polizei liefert er sich ein kurzes Gefecht, bevor ihn Beamte töten – weniger als zehn Minuten nach dem ersten Schuss.

«Einzeltäter plus»

Der Terroranschlag wühlt Österreich bis heute auf – auch wenn ihn die Pandemie und die innenpolitischen Turbulenzen etwas aus dem Bewusstsein verdrängt haben. Unbestritten ist dabei, dass die Polizei am Abend rasch und professionell handelte – auch, weil sie wegen einer geplanten Razzia in einem anderen Fall glücklicherweise bereits Spezialkräfte in Wien zusammengezogen hatte. Den Ermittlern ist es seither gelungen, wesentliche Aspekte des Attentats zu klären, bei dem neben den 4 Todesopfern 38 Personen verletzt wurden, von denen 23 in Spitalbehandlung mussten.

Wie der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer jüngst in einem Kommentar ausführte, hat sich die These eines «Einzeltäters plus» verfestigt: So handelte der junge Mann allein, war aber eingebettet in ein loses islamistisches Netzwerk von Gleichgesinnten, das ihn in seiner Verblendung bestärkte und möglicherweise zur Tat ermutigte. Im Sommer vor der Tat hatten Islamisten aus der Schweiz und Deutschland Kujtim F. für mehrere Tage in Wien besucht.

Stockhammer geht auch davon aus, dass sich der Terrorist als Teil der «Herbstoffensive» des IS in Europa sah, in deren Rahmen es zu mehreren Anschlägen in Frankreich und Deutschland kam. Offenbar hatte er ein französisches Restaurant im Visier, das aber geschlossen war. Auch die These, dass die Synagoge im Quartier sein Angriffsziel war, bleibt im Raum.

Die internationalen Ermittlungen dazu, wie eng die Verbindungen zum Ausland waren, laufen noch. In Österreich führten die Untersuchungen zu Verfahren gegen 32 Verdächtige, von denen 2 zu teilbedingten Gefängnisstrafen verurteilt wurden. 7 Männer befinden sich weiterhin in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, Mitwisser des Anschlags gewesen zu sein oder Kujtim F. sogar aktiv unterstützt zu haben.

Waffen von der Mafia

Geklärt ist auch, wie dieser an seine Schusswaffen gelangt war: Die Kalaschnikow und die Tokarew-Pistole kaufte er laut der Staatsanwaltschaft einem Slowenen und einem Tschetschenen mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen ab. Diese besorgten ihm mutmasslich kurz vor dem Anschlag auch die Munition.

Der Terrorist hatte mehrfach versucht, an Patronen zu kommen, unter anderem in der Slowakei. Damit geriet er zwar auf den Radar der Behörden, doch die Meldung aus dem Nachbarland ging in der österreichischen Ermittlungsbürokratie unter. Wie ein unabhängiger Untersuchungsbericht ausserdem zeigte, gab der personell unterdotierte und fachlich überforderte Verfassungsschutz Informationen nicht an die Justiz weiter. Dies hielt Innenminister Karl Nehammer nicht davon ab, unmittelbar nach dem Anschlag die Schuld an den Ermittlungspannen an diese abzuschieben.

Unter erheblichem öffentlichem Druck hat die Regierung seither Reformen eingeleitet, die sich in der Praxis aber erst noch bewähren müssen. Zwar biss die konservative ÖVP bei ihrem grünen Koalitionspartner mit der Forderung nach einer Präventivhaft für Gefährder bisher auf Granit, und der Plan zur Einführung eines Straftatbestands «Politischer Islam» wurde so abgeändert, dass dieser nun nicht auf eine einzige Glaubensrichtung abzielt.

Mehr für die Terrorbekämpfung

Wichtiger ist, dass die Regierung 125 Millionen Euro zusätzlich für die Terrorbekämpfung gesprochen hat, darunter 8 für die chronisch unterfinanzierte, weitgehend von Freiwilligen absolvierte Arbeit an der Deradikalisierung. Die Kooperation zwischen den Sicherheitsbehörden und der Justiz soll sich durch regelmässige Fallkonferenzen verbessern, in denen die Einschätzung von Gefährdern überprüft wird. Schliesslich wurde der durch Affären und interne Konflikte diskreditierte Nachrichtendienst völlig neu aufgestellt.

Viel zu lange dauerte es hingegen, bis sich die Republik grosszügig gegenüber den Opfern zeigte. Angehörige und Verletzte fühlen sich im Stich gelassen, abgespeist mit Zahlungen in der Höhe von einigen tausend Euro, die sie erst nach einem bürokratischen Hürdenlauf erhielten. Gerade einmal 100 000 Euro wurden bisher gesprochen, eine Familie entschied sich deshalb, vor Gericht eine Entschädigung einzufordern. Erst Ende September konnten sich die Behörden dazu durchringen, einen Fonds von 2,2 Millionen Euro für die Opfer einzurichten.

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