Analyse

Ein blaues AfD-Meer: Wie sich die Ergebnisse der Thüringer Europawahl erklären lassen

11.06.2024
Lesedauer: 9 Minuten
Thüringen hat bei der Europawahl großflächig für die AfD gestimmt. Bildrechte: picture alliance/dpa/Revierfoto

Am Sonntag haben in Thüringen neben den Kommunal- auch die Europawahlen stattgefunden. Dabei ist die AfD überall stark – Hochburgen gibt es aber vor allem in einer Region. Was Katholiken und Studierende gemeinsam haben und wie sich Siege und Niederlagen der Parteien an Einzelfällen erklären lassen.

Wäre die Thüringenkarte nach der Europawahl eine Vorlage für Malen-nach-Zahlen, wäre man mit einem groben Filzstift in Blau gut beraten. Am Sonntag gaben mehr als eine Million Thüringer ihre Stimme ab – und der größte Anteil davon für die AfD. Bis auf vier der 22 Landkreise und kreisfreien Städte gewann sie jeden – und das mit deutlichem Abstand zu den anderen Parteien. 320.025 Menschen haben dafür gesorgt, dass die Karte des Freistaats größtenteils blau ist – so wie in allen Bundesländern im Osten der Republik. Westdeutschland hingegen leuchtet nach der Europawahl Unions-schwarz, Stadtstaaten ausgenommen.

30,7 Prozent der Thüringer Wähler haben sich dafür entschieden, ihre einzige Stimme für Europa der AfD zu geben: ähnliche Wahlbeteiligung wie bei der letzten Europawahl vor fünf Jahren, aber acht Prozentpunkte mehr für die Partei von Rechtsextremist Björn Höcke. Mit 23,2 Prozent liegt die CDU dieses Mal auf Platz zwei, Neuling BSW mit glatten 15 Prozent auf dem dritten. Weit abgeschlagen mit einstelligen Ergebnissen folgen die Parteien der Thüringer Minderheitsregierung SPD, Linke und Grüne.

AfD-Erfolg hängt auch mit dem Wahlsystem zusammen

Sucht man nach Partei-Hochburgen, wird deutlich: Die AfD ist in ganz Thüringen zu Hause. Die Frage, woraus sie ihren Sieg speist, ist eine eigene. Auffällig ist im Fall der Europawahl aber, dass die AfD dort Kreise klar gewonnen hat, in denen der AfD-Kandidat am selben Abend die kommunale Stichwahl verloren hat. Neun Stichwahlen um Landrats- oder OB-Posten, neun Mal nicht gewonnen. Stattdessen gingen diese Sitze meist an die CDU.

Erklären lässt sich die unterschiedliche Bereitschaft der Thüringer, auf kommunaler und europäischer Ebene für die AfD zu stimmen, vor allem mit dem Wahlsystem. Die Kommunalwahl ist eine Personenwahl, die europäische eine Parteienwahl. Auf regionalem Level steht das Parteibuch im Hintergrund – es geht mehr um die Kandidaten, die für das Amt antreten.

Außerdem gibt es im zweiten Wahlgang bei der Kommunalwahl nur noch zwei Kandidaten. Wer wählen geht, muss sich für einen von beiden entscheiden. Laut Guido Fischer, Politikredakteur bei MDR THÜRINGEN, führt das zu einer Bündelung von Stimmen: „Die AfD polarisiert. Es gibt also eine Mehrheit, die sich lieber hinter dem Gegenkandidaten vereint, als für den AfD-Politiker zu stimmen.“ Auf europäischer Ebene bündelt kein einzelner Kandidat die Wähler verschiedener Ausrichtungen: Die Stimmen verteilen sich also auf viele Parteien, während überzeugte AfD-Wähler nicht von der Partei abweichen und damit Mehrheiten holen.

Südost-Thüringen besonders blau

Besonders wohl fühlt sich die AfD bei der Europawahl aber im Südosten Thüringens. In 32 aller 605 Thüringer Gemeinden und Städten stimmte mehr als jeder zweite Wähler für die AfD. Das sind zwar nur gut fünf Prozent aller Gemeinden, aber eine prominente Rolle spielt die AfD auch in allen anderen. Sieben der 32 Gemeinden, in denen die AfD sich mit über 50 Prozent der Wahlstimmen rühmen kann, sind in Südthüringen, 19 in Ostthüringen – trotz vorausgegangenem Personalstreit in der Höcke-Partei. Ganze elf der 19 liegen im Landkreis Saale-Orla.

Hochburgen sind dort vor allem drei Gemeinden: Altenbeuthen im Kreis Saalfeld-Rudolstadt mit 63,1 Prozent, Karlsdorf im Saale-Holzland-Kreis mit 62,3 Prozent und Tömmelsdorf im Saale-Orla-Kreis mit 60,8 Prozent der Stimmen. Bildlich gesprochen: Sitzt man im Saale-Orla-Kreis mit der erweiterten Verwandtschaft bei Kaffee und Kuchen und alle sind zur Wahl gegangen, stimmen am Tisch also mindestens beide Eltern, die große Schwester, der kleine Bruder, Oma und Opa für die Höcke-Partei. Nur die zwei anderen Großeltern, eine Tante und ein Onkel haben ihr Kreuz woanders gemacht.

Amtsbonus von AfD-Landrat in Sonneberg befeuert Wahl möglicherweise

Auf den Landkreis gerechnet ist der Saale-Orla-Kreis allerdings nur die zweitgrößte Stütze für das Thüringer Wahlergebnis der AfD bei der Europawahl 2024. Im Altenburger Land stimmten 36,9 Prozent der Wähler für die AfD, im Saale-Orla-Kreis 37,6 und in Sonneberg landesweit am meisten mit 38,4 Prozent. 38,4 Prozent – das sind in absoluten Zahlen 9.952 Wähler im verhältnismäßig kleinen Kreis Sonneberg und dem Landkreis, der deutschlandweit mit Robert Sesselmann den ersten und bisher einzigen AfD-Landrat stellt.

„Ob dieses besonders starke EU-Wahlergebnis für die AfD von Dauer ist oder noch eine Nachwehe der Sesselmann-Wahl, wird man mit der Zeit sehen – abhängig davon, wie gut der Landrat seine Hausaufgaben macht“, sagt Fischer dazu mit Blick auf die Insolvenz der Regiomed-Kliniken. Neben der befeuernden Personalie Sesselmann gibt es für Fischer allerdings einen anderen möglichen Grund für den noch deutlicheren AfD-Wahlsieg in Sonneberg als andernorts: Die schon immer starke Regionalidentität, die dazu antreibt, auch auf europäischer Ebene homogener zu wählen.

Starke Regionalidentität sorgt für einheitlichere Stimmung

Das erklärt auch den Ausreißer Eichsfeld im Norden des Freistaats, wo mehrheitlich Katholiken leben und die Christdemokraten bei allen Thüringer Wahlen historisch stark sind. „Katholisch sein macht hier die regionale Identität aus und in gewisser Weise immun dagegen, AfD zu wählen“, erklärt Fischer das Wahlergebnis.

Trotz 8,2 Prozentpunkte Zugewinn im Vergleich zur letzten EU-Wahl 2019 liegt die AfD mit 26,9 Prozent der Stimmen dort noch immer weit hinter der CDU, die mit 40,4 Prozent auf dem ersten Platz thront. Auch die drei einzigen Thüringer Gemeinden, in denen weniger als 14 Prozent der Wähler für die Europa-AfD gestimmt haben, liegen im Eichsfeld: Schirmberg, Sickerorde und Schachtebich, alle um die 13 Prozent.

Hildburghausen wählt pragmatisch

Im Kreis Hildburghausen fand die Europawahl hingegen nur auf einem Nebenschauplatz statt. Keine Kommunalwahl wurde bundesweit so ungläubig verfolgt wie diese. In der Stichwahl um den Landratsposten trat Sven Gregor von den Freien Wählern gegen Neonazi Tommy Frenck vom Bündnis Zukunft Hildburghausen an.

Und während die kommunale Stichwahl für die Hildburghäuser anders war als für alle anderen Thüringer, wurden zeitgleich auch hier die ersten drei Parteiplätze fürs Europaparlament im bekannten Muster vergeben: AfD mit 36,4 Prozent an erster Stelle, CDU mit 19,6 Prozent an zweiter und BSW mit 15,6 Prozent an dritter. Überraschungsgast auf Platz vier waren jedoch die Freien Wähler mit 7,4 Prozent. Ein Gastauftritt auf dem Nebenschauplatz Europawahl, beeinflusst durch die Kandidaten der Kommunalwahl.

Guido Fischer erklärt sich das zum einen mit Pragmatismus. Hätten die Menschen einmal bei der Kommunalwahl ihr Kreuz entschieden bei den Freien Wählern gemacht, sei der Weg zum selben Parteinamen auf dem Europawahl-Zettel nicht mehr weit. Zum anderen argumentiert Fischer mit der Grenznähe Hildburghausens. „Der Kreis ist nahe an Bayern, dem Stammland der Freien Wähler. Bundespartei-Chef Hubert Aiwanger hat außerdem mehrfach persönlich Wahlkampf für Gregor als Landrats-Kandidat gemacht.“

Das Wahlsystem verstärkt außerdem die Kluft zwischen Wahlentscheidungen auf EU- und kommunaler Ebene: Eine Stimme für eine Partei, die in Thüringen sonst nur am Rande auftaucht, ist im Falle der Europawahl keine verschenkte Stimme. Eine Fünf-Prozent-Hürde gibt es nicht, jedes Kreuz zählt. Das motiviert so manchen Wähler zur Stimmabgabe für Nischenparteien.

Die Landrats-Stichwahl in Hildburghausen gewonnen hat letztlich Sven Gregor. Durch den polarisierenden Gegenkandidaten Frenck lässt sich jedoch die erhöhte Wahlbeteiligung an der zeitgleichen Europawahl erklären. Während die Wahlbeteiligung in Thüringen durchschnittlich bei 61,9 Prozent lag, gaben im Kreis Hildburghausen 67,2 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

FDP findet bei Thüringer Europawahl kaum statt

Dass die FDP bis zu diesem Punkt nicht einmal erwähnt wurde, liegt daran, dass sie bei der Europawahl für die Thüringer kaum eine Rolle spielte. Obwohl sie Teil der Bundesregierung ist, rangieren ihre Wahlergebnisse zwischen 1,3 Prozent der Stimmen im Kyffhäuserkreis und dem Bestergebnis von 3,9 Prozent in der Stadt Jena. Vor dem Hintergrund, dass Jena „historisch eine FDP-Hochburg ist“, wie Guido Fischer sagt, und mit Thomas Nitzsche sogar den OB der Stadt stellt, ist jedoch selbst das ein schwaches Ergebnis.

Studenten und Katholiken gegen die AfD

„Urbaner Ballungsraum mit Universitäten wählt normalerweise linker als der Rest eines Landes“, so der MDR-Wahlexperte Guido Fischer. Linker zu wählen heißt im Fall Jena jedoch vor allem weniger rechts zu wählen: Die CDU gewann den Landkreis bei der Europawahl mit 16 Prozent der Stimmen. Ein klarer Sieg sieht jedoch anders aus. AfD und Grüne sind nur 1,6 Prozentpunkte von der CDU entfernt. Die linkere Mentalität zeigt sich in den Ergebnissen des BSW mit 13,2 Prozent auf dem gängigen dritten Platz, SPD und Linke teilen sich die Nachfolge mit 10,4 und 9,9 Prozent. Mit 6,3 Prozent der Stimmen sticht in Jena die linke Partei Volt heraus – die Partei, die bundesweit bei der Europawahl als einzige neben AfD und BSW zulegen konnte. Trotz Präsenz der AfD ist Jena neben dem Eichsfeld und den zwei anderen Kultur- und Unistädten Erfurt und Weimar damit die einzige Thüringer Region, in der es keine AfD-Mehrheit bei der Europawahl gab.

Europawahl-Ergebnisse nur bedingt Vorbote für Landtagswahl

Auch wenn die AfD auf kommunaler Ebene alle Stichwahlen verloren hat, kürt sie zumindest das Thüringer Europawahl-Ergebnis zum Sieger der Wahl vom 9. Juni. Dass sie bis zur Landtagswahl im September gänzlich das Sieger-Podest verlässt, gilt nach jetzigem Stand der Umfragen als unwahrscheinlich. Guido Fischer betont jedoch: „Die Europawahl ist immer auch eine Protestwahl.“ Die AfD profitiere von den Themen, die derzeit noch ungelöst sind – Migration sei dabei nur ein Beispiel. Das schlechte europäische Abschneiden der Grünen, der SPD und der FDP lässt sich auf die Unzufriedenheit der Wähler mit der Politik der Bundes-Ampel zurückführen.

Dort setzt das BSW an und bietet offenbar vielen unglücklichen Thüringern eine neue politische Heimat. Mit 20,1 Prozent fuhr es in Suhl das bundesweit beste Ergebnis ein. Fischer vermutet, dass das BSW bei der Thüringer Europawahl viele Stimmen von der Linken abgreifen konnte. Das eins zu eins auf die kommende Landtagswahl zu übertragen sei jedoch unrealistisch. „Der Faktor Ramelow darf nicht vergessen werden“, sagt Fischer. Mit Bodo Ramelow sei die Linke in Thüringen immer stärker als ohne ihn – selbst wenn der deutsche Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl sein Wahlkreisbüro in Thüringen hat, wie Martin Schirdewan in Jena.

Überrascht hat Fischer nicht das Wahlergebnis selbst. „In Thüringen war auch bei der letzten Europawahl schon die Bereitschaft hoch, Randpositionen zu wählen.“ Verändert habe sich allerdings der Ton: Auch das linke Spektrum sei mit dem BSW jetzt populistisch. Und auf der rechten Seite wurde die AfD inzwischen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Trotzdem oder vielleicht deswegen haben in Thüringen bei der diesjährigen Europawahl dort 8,2 Prozentpunkte der Wähler mehr als noch vor fünf Jahren ihr Kreuz gemacht.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN – Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 11. Juni 2024 | 07:40 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren

Boom bei Sonne und Wind
10.07.2024
Tomahawk-Marschflugkörper und mehr
10.07.2024
In Europa UND China
10.07.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwanzig − vier =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Tomahawk-Marschflugkörper und mehr
10.07.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien