Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,2 hat den Süden Haitis erschüttert. Dabei kamen mehr als 700 Menschen ums Leben. Der Interims-Premierminister beschrieb die Situation als „dramatisch“. Der Erdstoß war ähnlich stark wie jener verheerende im Jahr 2010.
Nach einem schweren Erdbeben in Haiti am Samstag ist die Zahl der Toten auf mehr als 700 angestiegen. Bislang seien 724 Leichen geborgen worden, teilte die Katastrophenschutzbehörde am Sonntag mit. Hunderte weitere Menschen werden noch vermisst, mehr als 2800 Menschen wurden verletzt.
Der Erdstoß hatte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS eine Stärke von 7,2. Er war damit ähnlich stark wie das verheerende Beben im Jahr 2010, bei dem bis zu 300.000 Menschen ums Leben gekommen waren und Zehntausende weitere obdachlos wurden.
Earlier this morning, a M7.2 earthquake occurred in Haiti, near the city of Les Cayes, ~125 km W of the capital city of Port-au-Prince & ~75 km W of the M7.0 Jan 12, 2010 earthquake that caused major damage to the capital city. pic.twitter.com/77EWJUGptm
— USGS Earthquakes (@USGS_Quakes) August 14, 2021
Wie 2010 ereignete sich auch das Beben am Samstag in einer relativ geringen Tiefe, was oft größere Schäden nach sich zieht. Das Zentrum des Bebens lag laut USGS in zehn Kilometern Tiefe und ereignete sich zwölf Kilometer entfernt von der Ortschaft Saint-Louis-du-Sud im Südwesten der Insel Hispaniola, auf der neben Haiti auch die Dominikanische Republik liegt. In der 125 Kilometer entfernten Hauptstadt Port-au-Prince rannten viele Menschen in Panik aus ihren Häusern.


Interims-Premierminister Ariel Henry bezeichnete die Situation auf Twitter als „dramatisch“ und kündigte an, dass die Regierung den Notstand ausrufen werde.
Nous allons prendre les dispositions nécessaires pr assister les personnes touchées par le séisme dans la Presqu’île du Sud. Nous devons faire montre de beaucoup de solidarité par rapport à l’urgence. Le gouvernement va déclarer l’état d'urgence. Nous allons agir dans la célérité
— Dr Ariel Henry (@DrArielHenry) August 14, 2021
Viele Gebäude wurden zerstört, wie auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zu sehen war. Menschen seien unter den Trümmern begraben, berichtete ein Augenzeuge aus Les Cayes, einer der größten Städte des Landes, „Haiti Press Network“. Bewohner des Departments Nippes, in dem das Epizentrum des Bebens lag, sendeten laut „Gazette Haiti“ einen SOS-Ruf an die Behörden, weil die Krankenhäuser überlastet seien.
Die 34-jährige Naomi Verneus sagte, sie sei von dem Erdstoß am Morgen aus dem Schlaf gerissen worden. Ihr Bett habe gewackelt. „Ich hatte nicht einmal Zeit, mir die Schuhe anzuziehen“, sagte sie. „Wir haben das Beben von 2010 erlebt und alles, was ich tun konnte, war rennen. Erst danach fiel mir ein, dass meine zwei Kinder und meine Mutter noch drinnen waren. Mein Nachbar ging wieder rein und sagte ihnen, dass sie rauskommen sollen.“


Quelle: dpa/Delot Jean
Der Nationale Wetterdienst der USA (NOAA) hatte nach dem Beben zunächst eine Tsunami-Warnung herausgegeben – hob diese aber kurze Zeit später wieder auf. Die US-Behörde USGS rief mit Blick auf mögliche Todesopfer die Alarmstufe Rot aus: Das bedeutet, dass eine hohe Opferzahl möglich ist.
Im weiteren Verlauf des Samstags wurde Haiti von mehreren Nachbeben erschüttert, die nach USGS-Angaben Stärken bis zu 5,2 erreichten. Die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) schrieb auf Twitter, Experten für Katastrophen seien vor Ort, um die Schäden zu beurteilen.
Die Landesdirektorin der Welthungerhilfe für Haiti, Annalisa Lombardo, sagte der Deutschen Presse-Agentur, man versuche in Erfahrung zu bringen, wie viele Menschen betroffen seien. Es sei klar, dass es erhebliche Schäden an Gebäuden gebe. In der Hauptstadt Port-au-Prince, wo Lombardo sich aufhielt, hätten zwar die Wände ihres Hauses stark gewackelt. Größere Schäden habe das Erdbeben in der Hauptstadt aber wohl nicht angerichtet.


Quelle: dpa/Delot Jean
Lombardo rechnete damit, dass es bei der Versorgung von Opfern auch Probleme wegen der Infrastruktur geben wird. Der Weg aus Port-au-Prince führe durch eine Gegend, die von Gangs kontrolliert werde. Diese würden auf vorbeifahrende Autos schießen. Offenbar sei auch eine Brücke beschädigt worden, die zur Versorgung der Menschen gebraucht werde.
Die USA haben Haiti derweil schnelle Hilfe in Aussicht gestellt. „Unsere Experten sind bereits vor Ort, um Schäden und Bedürfnisse zu bewerten“, schrieb die Leiterin der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe USAID, Samantha Powers, am Samstag auf Twitter. Man wolle nun schnell reagieren. US-Präsident Joe Biden sei über die Situation in Haiti informiert worden und habe darum gebeten, dass USAID die US-Reaktion koordiniere.
Nach dem verheerenden Beben von 2010 wurde Haiti 2016 von Hurrikan „Matthew“ heimgesucht, Hunderte Menschen wurden damals getötet. Montagabend oder Dienstag dürfte Tropensturm „Grace“ Haiti erreichen.
Der bitterarme Karibikstaat Haiti wird immer wieder von schweren Beben heimgesucht. Zuletzt stürzte eine politische Krise das Land weiter ins Chaos. Im Juli war Haitis Präsident Jovenel Moïse ermordet worden. Er wurde in seiner Residenz von einer schwer bewaffneten Kommandotruppe überfallen und erschossen.
dpa/AP/AFP/vu/säd/jr


