Das europäische Asylsystem muss dringend reformiert werden, fordert der Soziologe Ruud Koopmans. Nur so verhindere man, dass Menschen ertrinken und Integration scheitere.
Herr Koopmans, ein früherer Flüchtling hat Ihrer Frau und Ihrer Tochter sehr geholfen, wie Sie in Ihrem kritischen Buch über das Asylsystem der EU schreiben. Wie kam es dazu?
Während der Geburt unserer Tochter in einem Krankenhaus hier in Berlin vor vier Jahren gab es Komplikationen. Deshalb wurde ein Oberarzt geholt, der dann die letzte Phase der Entbindung begleitete. Als das Kind geboren war, gerieten wir in Panik, weil es nicht sofort atmete.
Wie reagierte der Oberarzt?
Er trug unsere Tochter schnell in ein Nebenzimmer und gab ihr Sauerstoff, sie fing glücklicherweise sofort zu schreien an. Der Mediziner fragte nach ihrem Namen. Sie heißt Delal, weil meine Frau Kurdin ist und aus der Türkei kommt. Es stellte sich heraus, dass der Oberarzt vor einigen Jahren aus Syrien geflohen war, wo der kurdische Name Delal auch verbreitet ist.

Was war Ihr Antrieb, dieses Buch zu schreiben?
Ich forsche schon seit vielen Jahren im Bereich der international vergleichenden Migrationsforschung. Immer wieder komme ich zu dem Ergebnis, dass sich Europa vergleichsweise schwertut mit der Integration von Migranten, während es etwa in Kanada oder Australien weit besser läuft. Ein wichtiger Grund: Ein Großteil der Zuwanderer, die es in die EU schaffen, kommt nicht als Arbeitsmigranten zu uns, sondern als Flüchtlinge. Die nicht gesteuerte, irreguläre Migration zieht große Integrationsprobleme nach sich.Aber Europa ist geografisch nicht so isoliert wie Kanada …
Das ist richtig. Trotzdem bin ich überzeugt: Auch Europa könnte wie Kanada großzügig Menschen aufnehmen, aber diesen Prozess so organisieren, dass Integration erfolgreich verläuft. Um aus der irregulären Migration eine reguläre Migration zu machen, müssen wir aber unsere Asylpolitik reformieren.

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Ihr Buch heißt „Die Asyl-Lotterie“. Was daran gleicht einem Glücksspiel?
Es ist ein Willkürsystem. Nicht die Schutzbedürftigkeit entscheidet darüber, wer nach Europa kommen kann. Die Schwächsten bleiben außen vor, denn sie sind zu arm oder zu krank, um sich auf den Weg zu machen. Nur wer an einer europäischen Grenze das Wort Asyl ausspricht, bekommt Schutz. Wer es dahin schafft, der kann in der Regel auch bleiben, unabhängig davon, ob er wirklich in Gefahr ist oder nicht. Wir schaffen es nicht, die Menschen, die abgelehnt werden, in ihre Herkunftsländer zurückzubringen.
Ihre These lautet: Die EU betreibe die „tödlichste Flüchtlingspolitik der Welt“. Wie belegen Sie das?
Von allen Menschen, die weltweit während Wanderungsbewegungen sterben, erleiden nach UN-Zahlen 70 Prozent dieses Schicksal auf dem Weg nach Europa. 25.000 Menschen sind seit 2015 auf dem Mittelmeer gestorben. Das europäische Asylsystem lädt dazu ein, sich auf diesen gefährlichen Weg zu machen, weil die Migranten wissen: Wer es an die europäische Grenze schafft, der kann fast immer auch bleiben.
Wie viele Flüchtlinge haben seit 2015 in der EU Asyl beantragt?
Das waren rund 2,5 Millionen Menschen. Im europäischen Durchschnitt liegt die Anerkennungsquote bei etwa 55 Prozent, was umgekehrt heißt: 45 Prozent waren oder sind nicht schutzbedürftig. Die meisten von ihnen können trotzdem in Europa bleiben, zum Beispiel, weil für ihre Heimatländer Abschiebeverbote gelten, so etwa für Afghanistan. Andere haben einen Duldungsstatus, können nicht abgeschoben werden, oft weil ihre Identität oder ihr Alter nicht bekannt sind.2015 erklärten Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsvertreter, die Flüchtlinge seien dringend notwendig, um das Sozialsystem zu stabilisieren. Haben sich die Erwartungen erfüllt?
Nein, überhaupt nicht. Es stimmt, dass Deutschland wegen der demografischen Entwicklung zur Stabilisierung der Sozialsysteme Zuwanderung braucht. Aber es ist entscheidend, dass die Zuwanderer in den Arbeitsmarkt integriert werden und durch Steuern und Sozialabgaben mehr beitragen, als sie an staatlichen Leistungen erhalten. Die Bilanz der seit 2015 gekommenen Flüchtlingen in Deutschland sieht leider sehr schlecht aus. 70 Prozent von ihnen sind heute immer noch von staatlichen Transferleistungen abhängig. Zumindest bisher verschärft der Zuzug von Flüchtlingen die Probleme der Sozialsysteme und entlastet sie nicht.
Die Bilanz der seit 2015 gekommenen Flüchtlingen in Deutschland sieht leider sehr schlecht aus. 70 Prozent von ihnen sind heute immer noch von staatlichen Transferleistungen abhängig.
Ruud Koopmans



