International

Der Migrationsdruck an Spaniens Grenzen steigt

12.08.2021
Lesedauer: 4 Minuten
Immer mehr Migranten schwimmen durch den Fluss Bidasoa, um von Spanien aus das französische Städtchen Hendaye zu erreichen. Javier Larrea / Imago

Im Norden, Osten, Süden und Westen versuchen Flüchtlinge nach Spanien überzusetzen, um europäischen Boden zu erreichen. Selbst strenge Grenzkontrollen und Abschreckungsmanöver halten sie kaum auf. Inzwischen hilft Marokko aber wieder mit.

Mit dem Auto dauert die Fahrt vom nordspanischen Grenzort Irún ins französische Städtchen Hendaye nur wenige Minuten. Doch für Migranten aus Afrika ist diese Route riskant, denn die französische Grenzpolizei führt selektive Grenzkontrollen durch, um potenziell illegal eingereiste Einwanderer aufzugreifen. Wer entdeckt wird, wird umgehend über die Grenze zurück nach Spanien gebracht. Seit 2002 besteht zwischen den beiden Ländern ein Rückführungsabkommen.

Um diesem Schicksal zu entgehen, versuchen inzwischen immer mehr Migranten, durch den breiten, mit vielen Stromschnellen besetzten Grenzfluss Bidasoa zu schwimmen. Zwei Migranten sind dieses Jahr bei diesem Unterfangen bereits gestorben. Ein Mann starb am vergangenen Sonntag. Er stammte aus Guinea. «Der Tod eines Menschen, der verzweifelt ein besseres Leben anstrebt, darf uns nicht gleichgültig lassen», twitterte Irúns Bürgermeister José Antonio Santano.

Zusammen mit seinen Amtskollegen aus dem baskischen Städtchen Hondarribia und der französischen Gemeinde Hendaye hat er einen Brief an die Regierungen der beiden Länder geschrieben, in welchem sie die scharfen Grenzkontrollen kritisieren. Vertreter von Nichtregierungsorganisationen unterstützen den Brief: «Wir sind nur eine Durchgangsstation. Es ist nicht rechtens, dass Menschen beim Passieren einer Grenze im Schengen-Raum aufgehalten werden», sagte Mikel Mazkiaran, ein Anwalt, der unter anderem für die Organisation SOS Rassismus tätig ist.

Nach Angaben des lokalen Netzwerks Irungo Harrea Sarea, dessen Helfer die Ankömmlinge im Baskenland verpflegen und ihnen Unterkünfte zur Verfügung stellen, kamen in diesem Jahr bisher 4100 Zuwanderer. Das sind so viele, wie die Organisation im gesamten letzten Jahr gezählt hat.

Die Kanaren als Sprungbrett nach Europa

Erstmals europäischen Boden hatten viele von ihnen auf den Kanarischen Inseln betreten. Dort landeten im letzten Jahr 22 000 Migranten. In diesem Jahr meldeten die Behörden bisher 7500 Flüchtlinge. Im ganzen Land wurden bis zum 30. Juni bereits knapp 27 000 Asylanträge gestellt. Rund 17 000 Menschen waren bis zum 1. August illegal nach Spanien gelangt. Dies sind rund 50 Prozent mehr illegal Eingewanderte, als im letzten Jahr zur selben Zeit. Lange Zeit hatte das spanische Innenministerium versucht, die Ankommenden so lange wie möglich auf den Inseln aufzufangen und nicht auf spanisches Festland auszufliegen.

So sollten weitere Bootsflüchtlinge von der gefährlichen Atlantiküberfahrt abgeschreckt werden. Wiederholt kam es wegen dieser Praxis unter den Flüchtlingen, die grösstenteils in einem zentralen Auffanglager auf Teneriffa untergebracht wurden, zu Unruhen und Protesten. Nachdem ein Gericht jedoch entschieden hatte, dass Migranten mit korrekten Papieren weiter auf das spanische Festland reisen dürfen, entspannte sich die Lage. Zurzeit befinden sich nach Angaben des Innenministeriums nur noch etwa 2000 Migranten auf den Kanarischen Inseln.

Frankreich hingegen hat kein Interesse an anhaltender Zuwanderung aus dem Nachbarland. «Seit den terroristischen Attentaten in Paris im Jahr 2015 ist es für Migranten aus Spanien viel schwieriger, die Grenze zu passieren», sagt Mazkiaran. Im November 2020 kündigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron deshalb bei einem Besuch des spanisch-französischen Grenzübergangs La Jonquera eine Verdoppelung der Zahl der Grenzpolizisten auf 4800 an.

Laut Recherchen der französischen Tageszeitung «Le Figaro» hat die französische Polizei zwischen November 2020 und März 2021 knapp 16  000 Flüchtlinge aus Spanien zurückgewiesen. 12 282 wurden direkt an der Grenze angehalten, 3469 Menschen waren bereits in Frankreich und wurden ausgeschafft. Von spanischer Seite gibt es für diesen Zeitraum noch keine offiziellen Zahlen.

Im Herbst droht eine neue Flüchtlingswelle

Um den Druck bei der Migration nach Spanien allerdings zu mindern, ist Ministerpräsident Pedro Sánchez in erster Linie daran interessiert, die diplomatische Krise mit Marokko zu beenden. Der Maghrebstaat hatte es Mitte Mai aus Verbitterung über die aus seiner Sicht fehlende spanische Unterstützung in der Westsahara-Frage zugelassen, dass mehr als 11 000 Flüchtlinge die spanischen Exklave Ceuta stürmten.

Erst nachdem Sánchez im Juli einen neuen Aussenminister ernannt hatte, der Marokko demonstrativ als grossen «Freund und Nachbarn» lobte, hat sich der Konflikt entschärft. Seit Anfang August verhinderten marokkanische Sicherheitskräfte bisher erneut vier Anstürme auf den Grenzzaun von Melilla.

Vor allem in den kommenden Monaten werden die Spanier aber noch mehr auf die Mitarbeit der Marokkaner angewiesen sein. Im Herbst, wenn das Wasser im Atlantik ruhiger ist und sich der Wind abschwächt, könnten sich erneut Tausende von Migranten von Marokkos Westküste aus auf den Weg zu den Kanarischen Inseln machen.

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