Mitten in der vierten Welle 6300 Betten weniger

Das Intensiv-Versagen in der Pflege

17.11.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Überlastet: die Intensivstation der Leipziger Uniklinik. Hier intubieren ein Facharzt und eine Intensivpflegerin (r.) einen Corona-Patienten - Foto: Jan Woitas/dpa

Dieses Corona-Urteil von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (54, CSU) hat es in sich!

Söder sagte am Dienstag bei BILD LIVE: „Das gesamte System Pflege ist nicht gesund.“ Verantwortlich: die Bundesregierung. „Man hat versäumt, schlichtweg mehr zu zahlen.“ Die Folge: Pfleger-Schwund – und das mitten in der Pandemie.

RUMMS! Bayern-Attacke auf Berlin!

Und vor allem auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU). Der ließ auf BILD-Anfrage ausrichten: „Pflege war eines der Hauptthemen dieser Legislatur.“ Die Bundesregierung habe zusätzliche Pflege-Stellen finanziert und die Bezahlung erhöht. Doch das Ministerium räumt ein: Weitere Schritte müssten „dringend folgen“.

Fakt ist: Aktuell melden Deutschlands Kliniken rund 6300 betreibbare Intensivbetten WENIGER als vor einem Jahr. Die Intensivstationen drohen deutlich schneller vollzulaufen – das Personal wird noch stärker belastet.

WIE KANN DAS SEIN?

▶︎ In einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts gaben 72 % der befragten Krankenhäuser an, bis zu 10 % weniger Intensivkräfte zur Verfügung zu haben als Ende 2020.

Doch das Schock-Minus von 6300 Betten kann das allein noch nicht erklären. Dafür ist auch das komplizierte Klinik-System verantwortlich, dessen wahre Kapazitäten von außen kaum zu verstehen sind.

Virologe Prof. Klaus Stöhr (62)
Virologe Prof. Klaus Stöhr (62)Foto: Niels Starnick / BILD

Virologe Prof. Klaus Stöhr (62) sagt über die Anzahl freier Betten zu BILD: „Sie hängt maßgeblich davon ab, wofür die Krankenhäuser die Betten einsetzen; vor allem in welchem Umfang planbare Eingriffe verschoben werden.“

Besonders bitter: Am Anfang der Pandemie bezahlte der Bund für jedes neu geschaffene Intensivbett 50 000 Euro. Laut Bundesrechnungshof kassierten Krankenhäuser von März bis September 2020 dafür rund 700 Mio. Euro.

ABER: Mehr betreibbare Betten als vorher gab es nicht. Nach der Geldspritze hieß es: Die Betten waren nie das Problem – sondern das verfügbare Personal.

„Betten, für die keine Pflegekräfte zur Verfügung stehen“

Bizarr: Die Intensivmediziner-Vertretung DIVI meldet derzeit eine Notfallreserve von knapp 10 000 Betten, die innerhalb von sieben Tagen einsatzbereit sein soll. Doch die existiert nur auf Papier.

Auf BILD-Anfrage teilte DIVI mit: Es handele „sich dabei um Betten, die in den Kliniken vorhanden sind, für die aber aktuell in erster Linie keine Pflegekräfte zur Verfügung stehen“.

Prof. Klaus-Dieter Zastrow (71)
Prof. Klaus-Dieter Zastrow (71)Foto: Michael Hübner / nurfotos.de

Auch wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle.Mediziner Prof. Klaus-Dieter Zastrow (71) erklärt in BILD: „Intensivstationen müssen voll sein, sonst sind sie für die Kliniken unwirtschaftlich.“ Eine hohe Auslastung allein sei kein Grund zur Angst. Zastrow: „Denn die Wahrheit ist auch: Rund die Hälfte der Patienten fällt in die Kategorie ‚low care‘ und könnte im Extremfall auf andere Stationen verlegt werden.“

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