Statt auf Corona-Vorschriften setzt der britische Premier jetzt auf die Eigenverantwortung der Bürger. Herdenimmunität in Kombination mit der hohen Impfrate sollen künftig vor Ansteckungen mit dem Virus schützen. Experten halten den Schritt für verfrüht.
Der Geist von Windsor wehte am Montagnachmittag im Unterhaus, als Boris Johnson den Abgeordneten das Ende aller Corona-Maßnahmen verkündete. Kaum 24 Stunden zuvor hatte der Palast mitteilen müssen, dass die 95-jährige Königin positiv auf das Virus getestet worden war.
Elizabeth II. habe aber nur milde Symptome und werde daher weiter „leichte Aufgaben“ ausführen, hieß es. Auch ihr wöchentliches Telefonat mit dem Premier werde sie wohl wahrnehmen, aus dem Homeoffice in Windsor Castle. Keep calm and carry on, wie die Engländer sagen.
Mit dieser Grundphilosophie erklärte der britische Premier auch seinen Schritt, dass es nun Zeit sei für das Verantwortungsbewusstsein der Bürger und nicht mehr für Corona-Vorschriften. Herdenimmunität in Kombination mit der hohen Impfrate seien ab jetzt der wichtigste Schutz, zumal angesichts der milderen Omikron-Verläufe.
„Der heutige Tag markiert einen Moment des Stolzes nach einer der schwierigsten Zeiten in der Geschichte unseres Landes, indem wir beginnen zu lernen, mit Covid zu leben“, so Johnson.


Bereits ab diesem Donnerstag ist es deshalb nur noch eine Empfehlung, nach einem positiven Corona-Test wie bis dato fünf Tage in häuslicher Isolierung zu bleiben. Die Pflicht zur Quarantäne fällt weg. Damit ist England die erste Nation Europas, die eine gesetzliche Pflicht zur häuslichen Isolierung nach einem positiven Corona-Test aufhebt.
Johnson ging noch einen großen Schritt weiter. Die bisher im Vereinigten Königreich kostenlos per Internet oder in Apotheken erhältlichen Schnell- und PCR-Tests werden Anfang April abgeschafft. Damit nimmt London gezielt in Kauf, dass wesentlich weniger Bürger überhaupt wissen, ob sie eine Covid-Infektion haben.
Nur Menschen über 80 Jahre oder mit Vorerkrankungen bekommen die Tests weiter kostenlos, genau wie der staatliche Gesundheitsdienst National Health Service. Johnson zufolge kostete die freie Ausgabe der Tests britische Steuerzahler im Januar 2022 umgerechnet 2,2 Milliarden Euro. Auch die Covid-Kontaktverfolgung wird ab April eingestellt, ebenso das Corona-Krankengeld.
Während die Entscheidung des Premierministers in seiner Tory-Partei auf Beifall trifft, kritisieren Opposition und Gesundheitsexperten sie heftig. Wales’ Ministerpräsident Mark Drakeford (Labour) nannte das Streichen kostenfreier Tests „verfrüht und rücksichtslos“.
67 führende britische Wissenschaftler warnten Johnson und seine Chefberater in einem offenen Brief, dass das Aufheben aller Maßnahmen und der Testungen „mit großer Sicherheit die Verbreitung des Virus erhöht, während zugleich die Sichtbarkeit bedenklicher neuer Mutationen wegfällt“.
Johnsons „Sage“-Beratergremium habe erst kürzlich festgestellt, dass „eine höhere globale Verbreitung von Sars-CoV-2 mehr Möglichkeiten viraler Evolution ergibt und neue Variationen zugleich eine höhere Verbreitung auslösen können“. Es gebe keinen Anlass für die Annahme, dass künftige Mutationen in jedem Fall milder ausfallen, heißt es in dem offenen Brief.


81 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich haben bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten. Gesundheitsminister Sajid Javid kündigte am Montag an, dass über 75-Jährige, Menschen in Altenheimen und mit geschwächtem Immunsystem sechs Monate nach ihrer Auffrischung eine zweite Booster-Impfung bekommen.
Schottland, Nordirland und Wales sind in Gesundheitsfragen autonom, folgen Londons Maßnahmen aber gewöhnlich mit Zeitverzug. Sowohl die Zahl der Infektionen als auch die von Menschen mit schweren Verläufen sinkt kontinuierlich. Ebenso geht die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen zurück.


