Tag 58 im Ukraine-Krieg

Baerbock für Nato-Verstärkung an Ost-Flanke

22.04.2022
Lesedauer: 6 Minuten
Foto: zdf.de

Baerbock will für Nato-Verstärkung an der Ostflanke „substanziellen Beitrag“ leisten. Der Widerstand in Mariupol dauert laut Präsident Selenskyj an. Die Entwicklungen im Überblick.

  • Das Wichtigste in Kürze
    • Selenskyj: Widerstand in Mariupol dauert an
    • Satellitenbilder sollen Massengräber bei Mariupol zeigen
    • USA liefern eigens für Ukraine entwickelte Drohne
  • Anmerkung der Redaktion

Wir fassen für Sie im Folgenden die wichtigsten Entwicklungen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine zusammen. Weitere News-Updates zur Lage und zu Reaktionen erhalten Sie jederzeit auch in unserem Liveblog zu Russlands Angriff auf die Ukraine.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat den baltischen Staaten eine stärkere Beteiligung Deutschlands an der Verteidigung der Nato-Ostflanke versprochen. „Wenn die Nato entscheidet, dass die Präsenz der Nato auf Brigadenstärke erhöht werden soll, dann werden wir als Bundesrepublik Deutschland dafür einen substanziellen Beitrag leisten“, kündigte die Grünen-Politikerin nach einem Treffen mit ihrem Amtskollegen Gabrielius Landsbergis in Litauens Hauptstadt Vilnius an. „Ich habe hier verstanden, dass das nötig ist. Und dann wird Deutschland dort vorangehen.“

Außenministerin Baerbock besucht heute den von Deutschland geführten Nato-Gefechtsverband in Litauen. Der Besuch bildet den Abschluss ihrer dreitägigen Reise durch das Baltikum.

Die aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg:

  • Im Ort Manhusch bei Mariupol sollen russische Soldaten Tausende Bewohner der wochenlang umkämpften Stadt in Massengräbern verscharrt haben. Bürgermeister Wadym Bojtschenko wirft den russischen Truppen einen Völkermord vor und ruft die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf, wie der Stadtrat von Mariupol auf Telegram mitteilt. Nach ukrainischen Angaben könnten dort bis zu 9.000 Zivilisten begraben sein. 
  • Seit Beginn der „zweiten Phase der Spezialoperation“ der russischen Armee in der Ukraine sei es „eine ihrer Aufgaben, die vollständige Kontrolle über den Donbass und die Südukraine zu erlangen“, sagte der Generalmajor Rustam Minnekajew am Freitag laut russischen Nachrichtenagenturen.
  • Satellitenbilder des Unternehmens Maxar Technologies zeigten ein mögliches Gräberfeld bei Manhusch. Maxar erklärte, es seien mehr als 200 Massengräber. Anhand vorheriger Satellitenbilder sei klar, dass die ersten Ende März ausgehoben wurden und stetig neue dazugekommen seien: 
Ein Satellitenbild der US-Firma Maxar Technologies zeigt unterhalb einer Straße mögliche Massengräber.
Quelle: AP/Maxar Technologies

[Lesen Sie hier eine Einschätzung, was zu Putins verkündeter Eroberung von Mariupol bekannt ist.]

  • Russland soll eine Feuerpause über die orthodoxen Osterfeiertage abgelehnt haben. Das sagt Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache. Das zeige, was der christliche Glaube den Führern Russlands bedeute, so Selenskyj weiter. Orthodoxe Christen begehen das Osterfest am kommenden Wochenende – am 24. April.
  • Russland verlege weiter Truppen für den Krieg in die Ukraine, sagt Selenskyj weiter. „Sie sammeln Kräfte und treiben neue taktische Bataillone in unser Land.“ Im Osten und Süden des Landes täten russische Einheiten „alles“, um wenigstens von „irgendwelchen“ Siegen sprechen zu können.
  • Die USA haben nach eigenen Angaben eine Drohne speziell für den Ukraine-Krieg entwickelt. „Phoenix Ghost“ entspreche den Anforderungen des ukrainischen Militärs – und soll nach laut Pentagon-Sprecher John Kirby nun gemeinsam mit den Streitkräften weiterentwickelt werden. Mehr als 120 der Drohnen sollen im Rahmen des neuen, 800 Millionen US-Dollar schweren Hilfspakets in die Ukraine geliefert werden. 

Die Situation in den ukrainischen Städten:

  • Die Ukraine hat russischen Truppen vorgeworfen, Zivilisten am Verlassen des belagerten Stahlwerks in Mariupol zu hindern. „Die Russen fürchten Azovstal zu stürmen, doch dabei lassen sie bewusst und zynisch keine Zivilisten heraus“, teilte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk im Nachrichtenkanal Telegram mit. So solle der Druck auf die verbliebenen ukrainischen Soldaten in dem Werk erhöht werden, sich zu ergeben. Nach Angaben von Wereschtschuk wollen sich die Verteidiger des Werks und Mariupols nicht ergeben.
  • An diesem Freitag sind nach Angaben der ukrainischen Regierung keine Fluchtkorridore möglich, über die sich die Zivilbevölkerung aus belagerten Städten in Sicherheit bringen könnte. Die Gefahr auf den Routen sei zu groß, erklärt die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk auf Facebook. „An diejenigen, die darauf warten, in Sicherheit gebracht zu werden: Seid geduldig, bitte haltet durch.“
  • Der Widerstand der ukrainischen Kämpfer in Mariupol dauert an – „trotz allem, was die Besatzer über sie sagen“, sagt Selenskyj in seiner nächtlichen Videoansprache. Putin hatte die Stadt am Donnerstagmorgen für erobert erklärt. Im Stahlwerk Asowstal haben sich allerdings noch immer ukrainische Kämpfer und ausländische Söldner verschanzt – nach russischen Angaben mehr als 2.000. 
  • Die Leben der etwa 100.000 eingeschlossenen Zivilisten in Mariupol liegen nun in den Händen von Wladimir Putin, sagt der Bürgermeister der Hafenstadt, Wadym Bojtschenko. „Alle Todesopfer, die noch hinzukommen, gehen auch auf sein Konto“, sagt Bojtschenko.
  • Mehrere Gouverneure melden Angriffe in ihren Regionen. In Charkiw habe es am Donnerstag etwa 50 Angriffe durch Artillerie und Mehrfachraketenwerfer gegeben. Zwei Menschen seien in ihrem Auto gestorben, sagte Gouverneur Oleh Synjehubow. Aus Saporischschja meldete Gouverneur Olexander Staruch acht Verletzte. Im Bezirk Nowomoskowsk nordöstlich von Dnipro sei die Eisenbahninfrastruktur angegriffen worden. Es gebe fünf Verletzte.
Wenn Sie helfen wollen, können Sie das durch eine Spende tun. Alle Informationen hierzu im Überblick.
Bildquelle: ZDF

Reaktionen und Folgen des russischen Angriffs:

  • Bundeskanzler Olaf Scholz hält nach eigenen Worten einen Frieden in der Ukraine nur bei einem Rückzug der russischen Truppen für möglich. „Es muss einen Waffenstillstand geben, die russischen Truppen müssen sich zurückziehen“, forderte Scholz in einem am Freitag veröffentlichten Interview des „Spiegel“. Eine Friedensvereinbarung müsse es möglich machen, dass sich die Ukraine selbst verteidigen könne. „Wir werden sie so ausrüsten, dass ihre Sicherheit garantiert ist. Und wir stehen als Garantiemacht zur Verfügung“, sagte der SPD-Politiker. „Einen Diktatfrieden, wie er Putin lange vorgeschwebt hat, wird es nicht geben.“ 
  • Die EU-Staaten dürfen nach den Worten des französischen Präsidenten nicht zulassen, dass über Europa ein neuer Eiserner Vorhang fällt. Es sei wichtig, die unterschiedlichen Ansichten innerhalb der Europäischen Union zu Russland und zum Krieg in der Ukraine zu berücksichtigen, sagt Macron dem Hörfunksender France Inter. Eines Tages werde es einen Waffenstillstand geben. „Es wird Garantiemächte geben – und wir gehören dazu“, betonte der französische Politiker. „Ich sage das mit allem Ernst und aller Zurückhaltung. Aber wenn wir aus Erschöpfung die Wahl treffen, nicht mit Putin zu reden, geben wir die Verantwortung ab.“ Europa stehe auf dem Spiel und die Europäer müssten am Tisch sitzen, um den Frieden in Europa aufzubauen.
  • „Der Konflikt hat die Situation von vielen der etwa 84 Millionen vertriebenen Menschen auf der Erde noch weiter verschlechtert, nachdem weltweit bereits Lebensmittel knapper und deutlich teurer geworden sind“, sagt der amtierende Bürotleiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Deutschland, Roland Bank, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
  • Deutschland wird weitere rund 37 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Ukraine bereitstellen. „Die Ukraine braucht dringend Wohnraum für die Millionen Binnenvertriebenen und sie braucht ein intaktes Stromnetz. Hier kann die deutsche Entwicklungszusammenarbeit kurzfristig helfen. Mein Ministerium hat hierfür Mittel per Sofortprogramm umgeschichtet“, sagt Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) vor der Weltbanktagung an diesem Freitag der Zeitung „Augsburger Allgemeinen“.

Das ist an Tag 57 passiert:

Wladimir Putin verkündet die Einnahme Mariupols – für US-Präsident Joe Biden gibt es dafür aber keinen Beleg. Mehr als 7,7 Millionen Ukrainer sind seit Kriegsbeginn zu Binnenvertriebenen geworden. Lesen Sie hier, wie sich die Lage in der Ukraine am Donnerstag entwickelt hat:

Quelle: AFP, AP, dpa, Reuters, ZDF

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