Trotz Protesten will der Bayerische Rundfunk die Kultursendungen absetzen – und beruft sich auf die Jugend. Dabei schwören auch junge Intellektuelle aufs Radio.
Wenn das Radio angegriffen wird, wehrt es sich mit seinen eigenen Mitteln. Wo ließe sich besser gegen eine geplante Rundfunkreform protestieren als live auf Sendung – schnell, ungefiltert, mit großer Reichweite und politischer Schlagkraft? Das muss sich der Schriftsteller Ilija Trojanow gedacht haben, als er Ende August bei Bayern 2 zu Gast war, dem Kultursender des Bayerischen Rundfunks. Das Büchermagazin Diwan stellte Trojanow kluge Fragen zu seinem neuen Roman, und er revanchierte sich zum Abschluss mit einer ungefragten Kampfansage. „Wenn Sie zu Hause zuhören: Der BR versucht, Sachen kaputtzumachen wie diese Sendung, die für uns alle unglaublich wichtig sind. Schreiben Sie dem BR und sagen Sie: Machen Sie nicht kaputt, was unser Leben wertvoll macht.“
Es war ein perfekter Radiomoment. Die Moderatorin seufzte, das Livepublikum spendete einen Applaus, als wäre es bereit, sich notfalls am Münchner Funkhaus festzuketten. Diwan ist eine von zehn Bayern–2-Kultursendungen, die im Frühjahr 2024 enden sollen. 6.000 Unterschriften verzeichnet eine Onlinepetition gegen die „einschneidenden Kürzungen“, 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschienen Mitte September zu einer Protestdemo in München. Der Großteil von ihnen gehörte Trojanows Generation jenseits der 50 an.
Den Sender bestärkt das, an seinen Argumenten festzuhalten. BR-Programmdirektor Björn Wilhelm und ARD-Chef Kai Gniffke berufen sich immer wieder auf die Jugend und die Zielgruppe der 30- bis 50-Jährigen, die man gewinnen wolle. „Wir müssen uns der gewandelten Mediennutzung stellen“, sagt Wilhelm. Ähnlich hatte sich Gniffke Anfang September auf einer Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste in Berlin geäußert, bei der es um die Rolle der Kulturprogramme ging. Die Öffentlich-Rechtlichen dürften „nicht nur Menschen erreichen, die so schütteres Haar haben wie ich“, sagte der ARD-Chef.
Vonseiten des BR heißt es, am Personal werde nicht gespart. Neue Podcasts und digitale Formate könnten die gleichen Mitarbeiter beschäftigen, ohne „in ein klassisches Sendeschema gepresst“ zu werden. Von Kürzungen könne keine Rede sein, in Wahrheit handele es sich um eine Umverteilung der Mittel und einen Ausbau der Berichterstattung. „Kein Euro geht aus den Budgets der Kulturredaktionen“, schreibt der BR auf Anfrage von ZEIT ONLINE. So dezidiert diese Antwort ausfällt, so ausweichend ist die auf die Frage nach der Höhe der besagten Budgets. „Einzelne Redaktionsbudgets des BR“ würde man „nicht veröffentlichen“. Und das für die Kulturberichterstattung insgesamt? Auch das könne man nicht beziffern, da sich die Kultur vom restlichen Themenspektrum nicht abgrenzen lasse.
Es ist noch nicht abzusehen, wie viele Sendeminuten künftig nur verlagert oder doch gekürzt werden. Laut einer internen BR-Präsentation aus dem Juni („Entwurf für ein künftiges Bayern 2-Schema“), die ZEIT ONLINE vorliegt, will man alle zehn Kulturprogramme (KulturWelt, KulturLeben, Kulturjournal, Nachtstudio, Diwan, radioTexte, Jazz & Politik, Nachtmix, Weltempfänger und Filmkultur) von ihren bisherigen Terminen streichen. Sie würden ersetzt durch eine werktägliche Sendestrecke von 14 bis 16 Uhr. Diese zwei Stunden sollen sich Einzelbeiträge aus der Kultur und dem Themenbereich Wissen teilen. Für die Kritiker der Reform ist das kein gleichwertiger Ersatz für all die bisherigen Inhalte aus den Bereichen Literatur, Musik und Film. Verschont bleiben laut dem Entwurf derweil die Sendungen zu Reise- oder Heimatthemen (Breitengrad, radioReisen, Heimatspiegel). Der BR teilte auf Nachfrage mit, das Dokument bilde nicht den „aktuellen Stand“ ab.
Das Programmschema wird in den kommenden Wochen weiter ausgearbeitet, am Donnerstag beriet sich der Programmausschuss des BR hinter verschlossenen Türen. Zuvor hatten Kulturschaffende dem Ausschussvorsitzenden Matthias Fack die oben genannte Petition überreicht und Zutritt zur Sitzung gefordert. Auch wenn die genauen Pläne also noch nicht bekannt sind, zeichnet sich eines bereits ab: Die Idee einer öffentlich-rechtlichen Mischkalkulation (dass einige Formate Quote bringen, während andere nicht unter diesem Druck stehen müssen) hat ausgedient. Dem Bayerischen Rundfunk kommt hier eine Signalwirkung zu, viele sehen die Reform als Kipppunkt: Wenn der BR fällt, fallen alle in der ARD. Deshalb sprechen sich von bundesweiter Warte der Deutsche Kulturrat und die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum „in aller Schärfe“ dagegen aus.
„Wir sind nicht dümmer als andere Generationen in der Geschichte“
Doch auch junge Intellektuelle wollen das gute alte Radio nicht verlieren. Ein Anruf bei der Schriftstellerin Charlotte Gneuß, 31, die gegen die Reform protestiert. „Wenn es irgendwann nur noch Podcasts gibt, werden die großen Lebensthemen der Literatur in kleine Zielgruppen aufgeteilt“, sagt sie. Dabei beträfen die nicht nur eine kulturelle Elite – und könnten im Live-Radio per Zufallseffekt alle erreichen.
Dieses Potenzial habe das Radio den Podcasts voraus, sagt sie: „Als ich den Erzählband Glückwunsch herausgab, konnte ich live auf Sendung sagen, dass Schwangerschaftsabbrüche etwas Normales sind. Und ich stellte mir in dem Moment vor, wer das jetzt alles hören kann. In jeder deutschen Autowerkstatt, überall, wo jemand den Rasen mäht oder in der Küche arbeitet, läuft bis heute das Radio nebenher.“ In Sendungen wie Diwan stießen junge Menschen auf Neuerscheinungen, wenn die demnächst seltener besprochen würden, sei das ein Verlust für die Meinungsvielfalt und führe zu einer Monopolisierung.
„Dann werden Konzernverlage profitieren und kleinere Akteure im Kulturbetrieb das Nachsehen haben“, befürchtet der Schriftsteller Rudi Nuss, 29, der den Cyberspace zu seinem literarischen Stoff gemacht hat. „Eine Internet-Demokratie, in der alle zu Wort kommen, ist eine Illusion. Sich in der digitalen Welt Aufmerksamkeit zu verschaffen, kostet Geld und Kapazitäten. Außerdem gilt im Internet, dass die Plattform den Inhalt entscheidend formt.“ Eine Kulturredaktion wie Diwan halte dagegen, setze eigene Akzente, entdecke ungewöhnliche und unabhängige Kulturschaffende, die sich dem Konformitätsdruck verschließen.
Die Schriftstellerin Nora Haddada, 24, deren Debütroman Nichts in den Pflanzen in die Abgründe der elitären Kulturszene blickt, ärgert am meisten der paternalistische Gestus des Senders gegenüber der Jugend. Unerträglich sei, wenn ihr wieder jemand „auf Augenhöhe“ begegnen wolle. Sie störe zudem der grassierende Antiintellektualismus in Deutschland. „Junge Menschen möchten gefordert werden von jenen, die mehr wissen als sie selbst. Wir möchten über uns hinauswachsen“, sagt sie. „Stattdessen schiebt man die Jugend als Ausrede vor. Wir sind nicht dümmer als andere Generationen in der Geschichte.“
In ihrem Freundeskreis sehe man sich gerne alte Besprechungen des Literarischen Quartetts um Marcel Reich-Ranicki an, die stets über das einzelne Buch hinauswiesen. Ein gegenwärtiges Beispiel seien die komplexen und gerade deshalb gefragten Kritiken von Wolfgang M. Schmitt auf Youtube. Dass der Bayerische Rundfunk Sendezeit umverteilen wird, indem er zulasten der Rezensionen demnächst die Hörer nach ihren persönlichen Lieblingsbüchern fragen möchte, hält Haddada für eine fatale Entwicklung. Die Verknappung lasse den Redakteuren weniger Raum für Analysen, notgedrungen werde die verbleibende Zeit mit Inhaltsangaben und Klappentexten gefüllt, fürchtet sie.
Mehr Konformität betrifft nicht allein die Kultursendungen. In der Programmreform sehen ihre Gegner, zu denen der Schriftsteller Uwe Timm gehört, einen „vorauseilenden Gehorsam“ gegenüber Parteien der politischen Rechten, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stutzen wollten.
Charlotte Gneuß erinnert an die diskursbestimmende Rolle, die das Radio während seiner gesamten genau 100-jährigen Geschichte in Deutschland gespielt hat. Für Gneuß ist auch heute noch jedes Senderprogramm ein politisches Programm. Mit Blick auf die Umfragewerte der AfD sagt sie: „Ich stehe für differenzierte, kluge Literatursendungen ein, weil ich in einer differenzierten, klugen Welt leben möchte.“




