Nena und die andere Meinung

Sind ARD und ZDF zu links? BR-Chef überzeugt mich mit einem Argument

16.03.2024
Lesedauer: 9 Minuten
FOCUS online/BR: Lisa Hinder

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist links-grün eingefärbt. Insbesondere bei Themen wie Migration. Diesen Eindruck habe nicht nur ich, sondern viele Bürger in unserem Land. Darüber habe ich mit dem Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks debattiert. Schenken Sie mir einen Augenblick für die andere Meinung.

Starten wir mit einem Bekenntnis: Ich glaube an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich halte den ÖRR für wichtig. Für erhaltenswert. Er gehört reformiert, aber nicht abgeschafft. Wäre ich ARD-Boss, hätte ich einen Drei-Punkte-Plan. Wobei ich mich lieber Boss*IN nennen sollte. ARD-Moderatorin Anja Reschke, die einst ihr Buch “Haltung zeigen!“ veröffentlichte, erklärte erst kürzlich auf ihrem Instagram-Kanal zur Sendung “Reschke Fernsehen“: „Gendern ist eine Umstellung und erfordert viel Arbeit und Mühe.“ Selbstverständlich eine lohnende.

Sie selbst gendert in ihren Fernsehsendungen nicht, aber die Social-Media-Texte sind mit Gendersternchen versehen. Reschke gibt auch Tipps, wie man Kolleg*innen ohne Diskriminierung anspricht, oder wie mehrgewichtige Menschen es weniger schwer im Arbeitsmarkt haben. Soziale Gerechtigkeit, Privilegien, Frauenrechte, unbezahlte Care-Arbeit und Burnout – das sind die Themen, die Reschke umtreiben. Ihr Tonfall: belehrend, moralisierend. Manche würden sie vermutlich als weiblichen Jan Böhmermann beschreiben.

ARD und ZDF: Es fehlt das konservative Gegengewicht

Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: Ich finde, dass Frau Reschke einen guten Job macht. Ihr Format ist ein in sich geschlossenes Meinungsformat. Es ist keine neutrale Berichterstattung. Sie darf ihre Haltung klar formulieren. Mir fehlt bloß ein Gegengewicht. Ein liberales, konservatives, prominentes öffentlich-rechtliches Gesicht. Und sagen Sie jetzt bitte nicht: Dieter Nuhr. Ja, es gibt beim ÖRR Dieter Nuhr und dann sehr, sehr lange nichts. Nuhr ist so etwas wie der konservative Quotenmann. Die linken Positionen im ÖRR sind hingegen überrepräsentiert.

Doch ich schweife ab. Mein Plan also: schlankere Strukturen, das Ende des Bevormundungsjournalismus und vor allem die sofortige Steigerung der politischen Diversität. Nicht, dass ARD und ZDF nicht genug über Vielfalt sprechen würden. Geschlecht, Migration, soziale Herkunft. Es wird penibel auf alles geachtet. Bloß die politische Diversität, daran hapert es gewaltig. Was fatal ist. Das ist nicht nur ein Problem der öffentlich-rechtlichen Medien. Doch die privaten sind der politischen Ausgewogenheit nicht gleichermaßen verpflichtet. Sie werden nicht vom Beitragszahler bezahlt.

„Die Medienbranche ist links. Gewöhnen Sie sich dran“

Wenn es um links-eingefärbten Journalismus geht, erinnere ich mich gern an eine längst zurückliegende Begebenheit. Ich war Anfang 20, absolvierte meine Praktika bei verschiedenen journalistischen Medien und ein älterer Kollege riet mir beherzt zur politischen Zurückhaltung: „Sie sind sehr ehrgeizig, aber wenn Sie im Journalismus Karriere machen wollen, tun Sie sich mit Ihren konservativen, liberalen Überzeugungen keinen Gefallen. Die Medienbranche ist links. Gewöhnen Sie sich dran.“

Viele Studien zu den politischen Vorlieben von Medienmenschen gibt es nicht. Eine der bedeutendsten hat das Hamburger Institut für Journalistik 2005 veröffentlicht. Danach verteilt sich die politische Sympathie wie folgt: Grüne 35,5 Prozent, SPD 26 Prozent, CDU 8,7 Prozent, FDP 6,3 Prozent, Sonstige 4 Prozent, keine Partei 19,6 Prozent.

Seit dem Jahr 2005 ist politisch viel passiert, und es folgten weitere kleinere Erhebungen. Kürzlich erst, im Jahr 2020, haben drei Volontäre der ARD eine Umfrage unter ihren Ausbildungskollegen durchgeführt. Sie befragten alle 150 Volontäre, die sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gerade in Ausbildung befanden.

Das Ergebnis: 92,2 Prozent für Rot-Rot-Grün. Lediglich acht Prozent für andere liberale, konservative oder rechte Parteien. Man muss dazu sagen, dass nur 86 der 183 Jungjournalisten geantwortet haben, womit die Erhebung zu klein ist, um repräsentativ zu sein. Gleichwohl genügt die Statistik für eine Tendenz.

Es besteht beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Handlungsbedarf hin zur politischen Meinungspluralität, oder übersehe ich etwas in meinem Urteil?

Mein Interview mit dem BR-Chefredakteur

Ich verabrede mich zum Austausch mit dem Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks und stellvertretenden Programmdirektor Christian Nitsche. Er ist für alle Nachrichtenformate von BR24-Tiktok bis ARD-Brennpunkt verantwortlich. Laut Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist BR24 das ausgewogenste Medium im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Brockhaus: Christian, viele Bürger empfinden den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als zu moralisierend, belehrend, woke. Ich würde zustimmen, dass linke Positionen überrepräsentiert sind. Insbesondere beim Thema Migration. Warum ist das so?

Nitsche: Die Frage, welche Position mehr und welche weniger vorkommen sollte, zeigt schon, wie deformiert unser Blick auf Journalismus ist. Denn Journalisten sollten grundsätzlich eben nicht Position beziehen. ‚Mach Dich nicht gemein‘, das ist doch unser erstes Gebot. In der Leitlinie zu unserer Informationsmarke BR24 ist auch festgeschrieben: ‚Wir geben keine Meinung vor.’ Wir haben eine dienende Rolle, damit Menschen sich fundiert selbst eine Meinung bilden können. Sie brauchen dafür verlässliche Informationen, sachlich präsentiert. Wir dürfen daher die Formate nicht vermischen, sollten klar zwischen Nachricht und Kommentar trennen. Und damit zum Kommentar: ein Spezialformat außerhalb der Nachrichtenwelt. Kommentare sind gekennzeichnete Einzelmeinungen, sie dürfen anecken. Auch sie haben im Diskurs eine wichtige Funktion und sollten in Summe für politische Diversität stehen.

Brockhaus: Absolut. Bleiben wir beim Kommentar. Wie wird die politische Diversität sichergestellt?

Nitsche: Wenn zum Beispiel über die Hälfte der Bürger meint, dass zu viele fremde Menschen nach Deutschland kommen, dann sollte sich das auch in der Kommentierung spiegeln. Wir hatten in den Tagesthemen dazu auch einen deutlichen Kommentar, der vom BR kam. Ich frage mich aber: Warum sorgt sich in Deutschland eine Mehrheit darum, ausgegrenzt zu werden, wenn man bei bestimmten Themen seine Meinung sagt? Und was ist dann der Job für uns Medien? Eine Antwort: Wir sollten ein noch breiteres Spektrum an Kommentaren bieten, damit allen klar ist: In einer Demokratie darf man seine Meinung sagen. Auch zur prime time.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann ein Vermittler sein“

Brockhaus: Wie soll das Vorhaben gelingen, wenn 2020 die ARD-Volontäre mit 92.2 Prozentstimmen für Rot-Rot-Grün gestimmt haben?

Nitsche: Die Erhebung war nicht repräsentativ. Ich habe ein anderes Bild. Gleichwohl erzählen mir auch Zeitungskollegen, dass sich junge Journalisten zunehmend als Aktivisten verstehen. Vielleicht geschieht dies auch unter dem Eindruck, dass im Internet Influencer großen Erfolg haben. Diese erreichen – auch ohne journalistische Ausbildung – Hunderttausende, oft mit einer bestimmten Tendenz in ihren Aussagen. In einer fraktionierten Gesellschaft findet man immer Follower, wenn man ihre Meinung bedient. Das ist aber nicht Aufgabe des Journalismus. Es geht nicht um eine Gruppe, sondern Pluralität oder moderner: Diversität. Hören wir also auch die andere Seite. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann so ein Vermittler sein, eine Klammer für das Land. Wir sollten so neutral wie möglich über Ereignisse berichten.

Brockhaus: Ich finde, Neutralität ist ein schwieriger Begriff, weil wir Menschen Sachen gegenüber nicht neutral gegenüberstehen.

Nitsche: Natürlich hat jeder eine Meinung. Auch ein Journalist darf an Wahlen teilnehmen. Das ist Privatsache, klar zu trennen vom Beruf. Am Ende der langen Ausbildung von Volontären muss klar sein: Journalisten sollten sich nicht als Weltverbesserer betrachten. Wir bekehren nicht, unterstützen lediglich den Diskurs. Ein Journalist, der sich als Politiker versteht, sollte den Job wechseln.

Ich gebe dem BR-Chef recht

Er hat recht. Ich berichte ihm von meiner kürzlichen Begegnung mit jungen Journalisten, die mich fragten, ob ich denn nicht auch die Welt verbessern wolle. Meine Antwort: „Nein, dann würde ich für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten.“ Die Journalisten waren nicht vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sondern von einem privaten Medienhaus. Es gibt dafür ein Wort: Haltungsjournalismus.

Nitsche: Ich lehne als Chefredakteur seit Anbeginn den Begriff des Haltungsjournalismus ab. Denn er ist missverständlich, beliebig aufladbar. Am Ende wird daraus Meinung. Die Rolle muss klar sein: Ein Journalist ist kein Content Creator. Wir kreieren keine Wirklichkeit. Sondern wir spiegeln in den Nachrichten die Welt und sagen, was ist und nicht, was sein soll. Nochmals: Demokratie braucht verlässliche Informationen. Und dafür braucht es einen vitalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ohne belastbare Informationen verirrt sich eine Gesellschaft, spaltet sich in Glaubenswelten. Wir sehen das schon jetzt aufgrund der jahrelangen Schwemme von Halbwahrheiten, Gerüchten und Propaganda in sozialen Medien.

Brockhaus: Es braucht ein Gegengewicht.

Nitsche: Qualitätsmedien sind hier ein Gegengewicht. Wenn jetzt auch noch Künstliche Intelligenz die Quellen von Information verschwimmen lässt, werden sich immer mehr fragen: Was kann ich überhaupt noch glauben? Das ist eine Chance für seriöse und anerkannte Medienmarken. Ihnen wird noch am meisten vertraut. Sie sollten die Chance nutzen. Ohne Qualitätsmedien wird es den Menschen schwerfallen, sich zu orientieren. Ohne klassischen Journalismus mit festen Standards wird die Demokratie brüchig.

Brockhaus: Was könnten die öffentlich-rechtlichen Medien besser machen?

Nitsche: Die Menschen noch mehr in den Vordergrund stellen, ihnen noch mehr Präsenz geben, ihre Plattform sein. Wir haben viele Talkshows. Aber nur vor den Wahlen gibt es große Arenen. Wir sollten in ARD und ZDF regelmäßig Bürgerarenen zur besten Sendezeit haben. Die Menschen sollten Politiker direkt mit ihren Lebensrealitäten und Sorgen konfrontieren können. Beim BR haben wir das alle zwei Wochen. Und wir haben uns vorgenommen, in den Info-Formaten täglich noch mehr Bürger noch ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.

Brockhaus: Mehr oder weniger Polarisierung?

Nitsche: Wer polarisiert, verliert. Und das in Zukunft noch mehr. Meinung gibt es im Internet in Fülle. Aber eine verlässliche Informationsquelle, die mich nicht bevormundet, die werden künftig noch mehr Menschen suchen. Eins noch: Ich schätze auch keinen weinerlichen Journalismus. Also Reporter, die ihre eigene Betroffenheit abbilden, um noch mehr Emotion zu erzeugen. Allzu oft werden Journalistenpreise an solche Kolleginnen und Kollegen vergeben. Der moderate, bedächtige, selbstlose Journalist, der klassisch seinen Job macht, geht meist leer aus.

Journalismus auf Augenhöhe. Ohne Bevormundung

Ich würde sogar noch weitergehen: Die Journalistenpreise gehören abgeschafft. Wenn man dem Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks so zuhört, hat man das Gefühl, dass er den Weg kennt. Den Weg zum Journalismus auf Augenhöhe. Ohne Bevormundung. Er ist sich bewusst, dass Sie, liebe Leser, das Wichtigste sind. Die Entscheider. Und dass sie alle viel mehr zu Wort kommen müssen, dass Sie niemanden brauchen, der für Sie eine Meinung vorfertigt. Dessen bin ich mir auch bewusst.

In diesem Sinne: Eine gute Debatte beinhaltet nicht immer Streit. Dann und wann findet man Gemeinsamkeiten. Wir brauchen weder Haltungsjournalismus noch weinerlichen Journalismus. Dafür politische Pluralität in der Kommentierung. Der Bayerische Rundfunk legt da vor. Nicht nur mit Chefredakteur Christian Nitsche, der Angela Merkel bereits 2018 Starrsinn in der Flüchtlingspolitik vorwarf. Sondern auch mit Achim Wendler hat der BR einen Kommentator, der durchaus konservative Positionen in den Tagesthemen vertritt. Auch Julia Ruhs, Reporterin beim BR und FOCUS-online-Kolumnistin, trat kürzlich zur besten Sendezeit für härtere Abschiebungen bei abgelehnten Asylbewerbern ein.

Was bleibt: Meine Suche nach der bundesweiten konservativen, liberalen Anja Reschke.

Wir lesen uns, wenn Sie mögen, nächste Woche Samstag wieder!

Ihre Nena Brockhaus

Das könnte Sie auch interessieren

Boom bei Sonne und Wind
10.07.2024
Tomahawk-Marschflugkörper und mehr
10.07.2024
In Europa UND China
10.07.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

19 − zwölf =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Tomahawk-Marschflugkörper und mehr
10.07.2024
In Europa UND China
10.07.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien