Ein Ort des kritischen Denkens:

Prominente Intellektuelle gründen in Austin eine Universität, die frei von Cancel-Culture-Auswüchsen sein soll

18.11.2021
Lesedauer: 4 Minuten
Noch ist die University of Austin in Texas ohne feste Adresse. Aber sie soll ein Zeichen setzen gegen illiberale PC- und Woke-Vorschriften, wie sie an amerikanischen Hochschulen üblich werden. Foto: Callaghan O'Hare / Bloomberg

Keine Zensur, keine Selbstzensur: ein freies, offenes Klima, wie es an einer Universität eigentlich selbstverständlich sein sollte. In Texas entsteht eine Anti-Wokeness-Uni – als Protest gegen akademische Denkverbote.

Erst kam politische Korrektheit und radikal umgesetztes #MeToo, dann Diversität, eine aus den beiden Ersteren hervorgehende Ideologie, welche die kompromisslose Verpflichtung zur ethnischen und sexuellen Vielfalt bezeichnet. Schliesslich Wokeness – die vermeintliche gesellschaftlich-institutionelle Feinfühligkeit gegenüber Momenten von Rassismus, Chauvinismus, Patriarchalismus, Sexismus und Antifeminismus auf der Arbeit, dann noch die der Wokeness entspringende Critical Race Theory. Die Idee: Weiss-Sein ist per se imperialistisch und unterdrückend.

Und immer noch hat sich die illiberale Bewegung, die an amerikanischen Universitäten der Ivy League ihren Anfang nahm, nicht erschöpft. Wie ein schlechtsitzender Pullover wurde sie zuerst von Grossteilen der amerikanischen Gesellschaft und dann, in der üblichen Beflissenheit allem «Amerikanischen» gegenüber, auch in Europa über den Kopf gezerrt.

Inzwischen zeigen jüngste Umfragen: Noch nie war das amerikanische akademische (insbesondere das geisteswissenschaftliche) Feld so eng, unfrei und lernbehindernd wie heute. Über ein Drittel konservativer Akademiker haben für ihre Ansichten Disziplinarmassnahmen zu befürchten. Ein Viertel aller Akademiker der Geisteswissenschaften unterstützen Amtsenthebungen gegen Kollegen, die sich kritisch in Fragen zu Immigration oder Geschlecht äussern. Vier von fünf Doktoranden würden, so das Center for the Study of Partisanship and Ideology, konservative Akademiker von Beruf und Campus-Leben ausschliessen, wenn sie könnten.

Illiberale Denkkultur

Als Antwort auf die Segregationen und Diskriminierungen der woken Ideologie entsteht im texanischen Austin nun die erste antiwoke Universität. Der «Präsident der University of Austin» ist Pano Kanelos, ehemaliger Rektor der katholischen Privatuniversität St. Annes.

Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Journalistin Bari Weiss, die 2020 bei der «New York Times» kündigte, aus Protest gegen die dortige illiberale Denkkultur, ausserdem der Historiker Niall Ferguson und die Philosophieprofessorin Kathleen Stock, die nach einer Phase des Mobbings von ihrer Position an der Universität Sussex zurückgetreten war. Transgender-Aktivisten hatten ihr vorgeworfen, sie propagiere zu Unrecht, dass Menschen ihr biologisches Geschlecht nicht ändern könnten.

Ferner zählt zu ihrem Kreis der renommierte Geophysiker Dorian Abbot. Das Massachusetts Institute of Technology hatte ihn zu einem Vortrag ein- und dann wieder ausgeladen, nachdem er Universitäten kritisiert hatte, die weisse Bewerber von vorneherein ausschlössen. Ausserdem kommen Peter Boghossian, Steven Pinker, Deirdre McCloskey, der Pulitzer-Preis-Gewinner David Mamet und Ayaan Hirsi Ali hinzu. Die Liste ist länger.

Obwohl die Universität alles andere als eine von Rechtsaussen-Ideologen geführte Institution werden wird, gerät sie in linksliberalen Medien schon jetzt in die Kritik und wird (da bis jetzt ortlos) als «intellektuelles Darknet» und Traum des rechtskonservativen Spektrums verhöhnt.

Angst bedroht die Demokratie

Die Wahl Austins könnte symbolträchtiger nicht sein. Obwohl Texas ein republikanisch geführter Staat ist, gilt Austin, neben Berkeley, als eine der «liberalsten» beziehungsweise progressivsten Bastionen der USA. Hier soll die University of Austin ein realer (und nicht bloss virtueller) Kontrapunkt zu woker Ideologie werden. Die University of Austin, Texas, (UATX) werde die Zulassungsverfahren nicht von Faktoren wie Rasse, Geschlecht oder sozialer Klasse beeinflussen lassen, heisst es auf der Website, sie sei finanziell, politisch und intellektuell unabhängig und verteidige die freie Meinungsäusserung. Sie soll den Studenten das Werkzeug zum kritischen, hinterfragenden Denken mit auf den Weg geben.

In einem Gastbeitrag auf Bari Weiss’ Substack-Newsletter «Common Sense» schreibt Kanelos, man habe gedacht, dass die Zensur nur in repressiven Regimen ferner Länder möglich sei. Dabei könne Angst auch oder gerade in freien Gesellschaften grassieren und dort, aus dem Inneren des Bildungssystems heraus, die Demokratie bedrohen.

2022 soll es losgehen. Angeboten werden Bachelor- und Master-Abschlüsse, derzeit befinde man sich auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude für Klassenräume, Laboratorien, ausserdem laufen die ersten Stellenausschreibungen, und Curricula werden entwickelt. Die universitäre Landschaft der USA ist dicht besiedelt und ausdifferenziert. Es bleibt abzuwarten, wie erfolgreich die UATX sein wird, sowohl was die Akquisition von Geldern als auch die Rekrutierung von Studenten angeht.

Nach der von dem Philosophen Allan Bloom bereits 1987 diagnostizierten «Closing of the American Mind» – der Universitätsprofessor Bloom hatte in dem Relativismus liberaler Strömungen den Ursprung totalitären Denkens gesehen – folgt nun die Wiederöffnung: Für 2022 ist an der University of Austin das Sommerprogramm «Die verbotenen Kurse» geplant. Studenten anderer Universitäten werden eingeladen, über kontroverse Anliegen der Gegenwart zu diskutieren, wie die Frage nach Zensur und Selbstzensur. Sie sollen lernen, mit verschiedenen, einander durchaus widersprechenden Meinungen produktiv umzugehen.

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