Interview

Petra Gerster zum Gendern: „Mit so viel Wut hatte ich nicht gerechnet“

16.11.2021
Lesedauer: 3 Minuten
"Vermintes Gelände" heißt das Buch von Petra Gerster, das nun erscheint. ©Rico Rossival

Als Petra Gerster in den „heute“-Nachrichten angefangen hat, zu gendern, gab es heftige Reaktionen. Hier verrät sie, wie sehr sie der Shitstorm getroffen hat.

Als Petra Gerster (66) in den „heute“-Nachrichten angefangen hat, zu gendern, gab es heftige Reaktionen. Zusammen mit ihrem Mann Christian Nürnberger (70) veröffentlicht sie nun das Buch „Vermintes Gelände – Wie der Krieg um Wörter unsere Gesellschaft verändert: Die Folgen der Identitätspolitik“ (Heyne). Im Interview mit spot on news verrät Gerster, wie sehr sie der Shitstorm getroffen hat und wie sie die Zeit seit ihrer letzten Sendung im Mai 2021 erlebt hat.

Liebe Frau Gerster, zusammen mit Ihrem Mann haben Sie das Buch „Vermintes Gelände“ verfasst. Was ist das Wichtigste, was Sie Ihren Lesern und Leserinnen darin mitgeben möchten?
PETRA GERSTER: Wir möchten mit unserem Buch um Verständnis dafür werben, dass sich vieles gerade fundamental verändert. Die weitgehend homogene Gesellschaft der 50er und 60er Jahre ist passé; heute haben wir ein multikulturelles, multireligiöses und multigeschlechtliches Deutschland. Das erzeugt Konflikte und Diskriminierungen, und darauf müssen wir reagieren. Zum Beispiel mit einer gerechteren, inklusiven Sprache.

„Wir hängen verständlicherweise an der Sprache“

Warum sorgt das Gendern für so heftige Diskussionen?
Das Gendern mit der kleinen Sternchen-Pause ist für viele erst mal ungewohnt und fremd, also lehnen sie es ab. Wir hängen verständlicherweise an der Sprache, wie wir sie von klein auf gelernt haben. Dann gibt es noch die, die das Sternchen aus Gründen der Ästhetik verweigern, oft sind dies Autor*innen. Auch das kann ich nachvollziehen. Aber dann gibt es noch die Aktivisten unter den Gender-Gegnern – meistens ältere Herren, die mit dem generischen Maskulinum im Grunde ihre Vormachtstellung erhalten wollen. Da geht es ganz klar um Ideologie, um die Privilegien des „alten weißen Mannes“.

Petra Gerster über verlorene Deutungshoheit

Sind es tatsächlich „alte, weiße Männer“, die das größte Problem mit der Gendersprache haben?
Zum überwiegenden Teil ja, das sehe ich an den Briefen, die mich dazu erreicht haben. Und man erkennt es auch in den ganzseitigen Experten-Artikeln in FAZ und NZZ und bei den Leserbriefen – da schreiben viele emeritierte Professoren, aber selten bis nie jüngere Sprachwissenschaftler*innen. Ich glaube, da fürchtet eine ganze Generation, mit der männlich geprägten Sprache auch die Deutungshoheit zu verlieren.

„Ich plädiere jedenfalls für Gelassenheit“

Plädieren Sie für eine offizielle Gender-Vorgabe?
Um Himmels Willen nein, wir sind ja noch in der Experimentierphase. Sprache muss wachsen, muss sich von selbst entwickeln und darf nicht von oben oktroyiert werden. Allein dieser Prozess der Bewusstwerdung, der Sensibilisierung für die Bedeutung von Sprache ist schon ein großer Schritt. Aber es ist viel zu früh, um irgendwelche Ge- oder Verbote auszusprechen. Schauen wir mal, wie sich die Sache entwickelt und was sich durchsetzt in den nächsten Jahren. Ich plädiere jedenfalls für Gelassenheit!

Möglichkeiten, in der Schriftsprache zu gendern, gibt es viele: Sternchen, den Binnendoppelpunkt oder Binnenunterstrich, aber auch das große Binnen-I. Warum bevorzugen Sie das Sternchen?
Das Sternchen steht bei der Suche im Netz ja für eine Leerstelle, an die etwas angefügt werden kann. Insofern ist es geradezu ideal, um neben den Frauen auch Menschen anzusprechen, die sich nicht eindeutig männlich oder weiblich fühlen. Das hat uns übrigens auch das Bundesverfassungsgericht aufgetragen, als es 2017 das dritte Geschlecht offiziell anerkannt hat. Das Sternchen bezeugt den Respekt auch vor nichtbinären Menschen, die bisher immer ausgegrenzt waren. Deshalb ziehe ich es den anderen Formen vor.

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