Hunter Bidens «Laptop from Hell» – wie Leitmedien und Twitter einen unerwünschten Skandal unterdrückten

30.05.2022
Lesedauer: 7 Minuten
Hunter Biden soll die Position seines Vaters ausgenutzt haben. Drew Angerer / Getty

Wegen fragwürdiger Geschäfte seines Sohnes gerät US-Präsident Joe Biden zunehmend in Bedrängnis. Dass führende Medien die Geschichte erst jetzt ernst nehmen, wirft Fragen auf.

Wer kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2020 den Fernsehsender Fox News einschaltete oder das Boulevardblatt «New York Post» aufschlug, wurde fast nur mit einem Thema konfrontiert: Es ging um einen Laptop von Hunter Biden, dem Sohn des heutigen Präsidenten Joe Biden. Dokumente auf diesem Notebook sollten zeigen, wie korrupt die Familie Biden war. Wer hingegen CNN schaute oder die «Washington Post» las, erfuhr von dieser Geschichte nur am Rande, meist wurde sie als dubios abgetan. Die Medien wie die amerikanische Gesellschaft lebten in zwei Parallelwelten, deren einziger Kontakt sich auf gegenseitige Anfeindungen beschränkte. Daran hat sich nichts geändert.

Jetzt, rund eineinhalb Jahre später, erhält die Geschichte um den sagenumwobenen Laptop neue Brisanz. Dies, weil plötzlich auch linke Zeitungen wie die «New York Times» und die «Washington Post» die Echtheit gewisser Dokumente bestätigen.

Die Geschäfte des Hunter Biden

Angefangen haben soll die Geschichte im April 2019 in einem kleinen Computergeschäft in Delaware. Dessen Inhaber John Paul Mac Isaac erhielt Besuch von einem Mann, der einen defekten Laptop zur Reparatur brachte. Er gab sich als Hunter Biden aus. Der Techniker rettete die Daten auf dem Gerät. Allerdings kam Hunter Biden nie zurück, um den Computer abzuholen.

Als er die Dokumente angesehen habe, sei er stutzig geworden, sagte Mac Isaac später. Neben kompromittierenden Bildern und Videos fand er unzählige Geschäftsmails und Bankauszüge. Mac Isaac überliess den Computer schliesslich dem FBI. Wenig später übergab er dem Anwalt und Trump-Vertrauten Rudy Giuliani eine Kopie des Inhalts. Dieser ging damit zu den Medien.

Kurz vor den Wahlen, im Oktober 2020, veröffentlichte die «New York Post» eine Reihe von Artikeln über den Inhalt, der angeblich auf dem Laptop gefunden worden war. Darunter Mails, die Hunter Biden mit ukrainischen und chinesischen Geschäftspartnern ausgetauscht hatte. Sie sollten zeigen, wie Hunter die Position seines Vaters ausgenutzt hatte: Während Joe Biden Vizepräsident der USA war (2009 bis 2017), sollen Hunter und seine Geschäftspartner Millionengeschäfte abgeschlossen haben – in Ländern, die der Vizepräsident in offizieller Mission besuchte. Joe Biden wird vorgeworfen, ebenfalls finanziell profitiert zu haben.

Hunter Biden, der jüngste Sohn von Joe Biden und das Sorgenkind der Familie, war schon seit längerem im Visier des Trump-Lagers. Seine Drogensucht und seine Neigung zu dubiosen Geschäften machten den heute 52-Jährigen zur idealen Zielscheibe. Vor den Wahlen verging kaum ein Tag, ohne dass rechte Medien und die Trump-Kampagne Hunter Bidens Laptop erwähnten. Trump selber sprach nur vom «Laptop aus der Hölle».

Twitter unterdrückt die Verbreitung der Geschichte

Die den Demokraten zugeneigten Medien wie «New York Times» und «Washington Post» berichteten nur zurückhaltend. Sie schrieben meist nicht über den Inhalt, sondern über die Herkunft des Laptops. Zu unglaublich schien der Zufallsfund – und zu sehr spielte er dem Trump-Lager in die Hände. Schnell war die Rede von Falschinformationen, die Joe Biden kurz vor den Wahlen schaden sollten. Die «New York Times» berichtete, die Herkunft des Laptops sei so nebulös, dass zuerst sogar konservative Medien wie Fox News oder das «Wall Street Journal» von einer Veröffentlichung absahen – oder klarstellten, dass sich die Vorwürfe gegen Joe Biden nicht erhärten liessen.

Ein offener Brief von mehr als 50 ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern schien die Skepsis zu bestätigen. Sie vermuteten, dass die Geschichte ein Produkt einer russischen Desinformationskampagne sei, mit der Einfluss auf die Wahlen genommen werden sollte. Noch einen Schritt weiter gingen die sozialen Netzwerke. Twitter verhinderte sogar, dass der Artikel der «New York Post» geteilt werden konnte, und sperrte das Konto der Zeitung.

Begründet wurde der Eingriff damit, dass man Informationen, die durch «Hacking» beschafft worden seien, nicht weitergeben dürfe. Zum ersten Mal verhinderte Twitter direkt, dass Informationen einer Nachrichten-Website verbreitet wurden. Facebook limitierte die Verbreitung des Artikels ebenfalls, weil es zuerst die Fakten verifizieren wollte. Sofort wurde den Netzwerken Zensur vorgeworfen, und das nicht nur von Konservativen. Twitter ruderte zurück. Zwei Wochen später und nach wiederholten Änderungen der Richtlinien wurde das Konto entsperrt – und der Artikel konnte geteilt werden. Der damalige Twitter-CEO Jack Dorsey entschuldigte sich später für das Vorgehen und die schlechte Kommunikation von Twitter.

Tausende Mails verifiziert

Vor kurzem erschien der ominöse Laptop plötzlich wieder in den Medien. Überraschenderweise erwähnte ihn die «New York Times» in einem Artikel über Hunter Biden, dem die Behörden Steuerhinterziehung und Geldwäsche vorwerfen. In einem gut versteckten Absatz des Artikels hiess es, die Recherchen beruhten teilweise auf Mails, die auf dem Laptop gefunden worden seien. Die Zeitung habe nun die Echtheit einiger Dokumente verifizieren können.

Kurz darauf ging die «Washington Post» mit mehreren Artikeln in die Offensive. Unter anderem liess sie Experten eine Kopie der Festplatte überprüfen, die sie laut eigenen Angaben erst im letzten Juni erhalten hatte. Zwei unabhängige Gutachter untersuchten den Inhalt und konnten Tausende von Mails verifizieren. Der Ursprung der restlichen Dokumente konnte aber weiterhin nicht überprüft werden. Zudem stellten die Gutachter fest, dass einige Daten manipuliert worden waren.

President of the United States Barack Obama and Vice President Joe Biden and Hunter Biden (son of Joe Biden) talk during a college basketball game between Georgetown Hoyas and the Duke Blue Devils on January 30, 2010 at the Verizon Center in Washington DC.
President of the United States Barack Obama and Vice President Joe Biden and Hunter Biden (son of Joe Biden) talk during a college basketball game between Georgetown Hoyas and the Duke Blue Devils on January 30, 2010 at the Verizon Center in Washington DC.

Obwohl die Authentizität einiger Mails bestätigt wurde, konnten die Vorwürfe gegen Joe Biden bisher nicht erhärtet werden. Sie werfen allerdings ein schlechtes Licht auf Hunter Biden, der von seinem Namen und seiner Herkunft profitierte. Auch für den Präsidenten könnte es unangenehm werden, wenn das Justizdepartement seiner eigenen Regierung gegen seinen Sohn vorgeht. Hunter Biden selber weiss übrigens laut eigenen Angaben nicht, ob es sein Laptop ist oder nicht.

Angst vor russischem Einfluss

Auf die neue Wende in der Laptop-Saga reagieren die rechten Medien triumphierend. Endlich hätten die linken Blätter zugegeben, dass der Laptop echt sei, schrieb die «New York Post». Aus konservativer Sicht ist das ein weiterer Beweis, dass die Medien und die sozialen Netzwerke die Geschichte vor den Wahlen absichtlich totgeschwiegen haben. Damals wie heute steht der Verdacht im Raum, dass führende Medien und die sozialen Netzwerke Bidens Wahlsieg nicht gefährden wollten – und die Geschichte deshalb als Fake News abtaten.

Die «Washington Post» äusserte sich nun zu diesen Vorwürfen. Selbst heute liege vieles noch im Dunkeln, was die damalige Skepsis rechtfertige, schreibt die Zeitung. Die Herkunft der Mails sei völlig unklar gewesen, und die Zeitung habe keinen direkten Zugriff auf die Dokumente erhalten, um deren Authentizität zu bestätigen. Sicher ist, dass der Wahlkampf des Jahres 2016 die Zurückhaltung einiger Medien begünstigt haben könnte.

Damals publizierte Wikileaks Mails der demokratischen Parteileitung, die von russischen Hackern gestohlen worden waren. Sie verbreiteten sie auf Facebook und anderen Plattformen. Die Berichterstattung überschattete die letzten Wochen des Wahlkampfes, den schliesslich Donald Trump gewann. Den Medien und sozialen Netzwerken wurde vorgeworfen, sie hätten sich manipulieren lassen und den Russen ermöglicht, die Wahlen zu beeinflussen.

Vier Jahre später waren die Verantwortlichen entsprechend nervös. Zumal sie davor gewarnt wurden, dass Russland wieder versuchen werde, Einfluss zu nehmen. Twitter und Facebook fielen von einem Extrem ins andere. Sie blockierten umstrittene Inhalte zu schnell. Der frühere Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos sagte später, die Netzwerke hätten «überreagiert».

Blockade weckt Interesse

Nervosität herrschte aber nicht nur bei den sozialen Plattformen. Das Magazin «The Atlantic» beschreibt die Stimmung unter Journalisten am Vorabend der Wahlen 2020 als «gelinde gesagt etwas hysterisch». Einige entschieden voreilig, dass die gleichen Kräfte wie 2016 am Werk seien, und gaben sich auch keine Mühe, dies zu überprüfen.

Die Reaktion der sozialen Netzwerke und von Teilen der Medien erschien vielen Amerikanern verdächtig – und sie verstärkte das Interesse am Laptop. Die Kluft zwischen den zwei Welten hat sich seit 2020 nicht verringert, und der Laptop ist ein Symptom dafür. Eine Bilanz im «Atlantic» ist ernüchternd: Was den Laptop betreffe, so schreibt die Zeitschrift, gebe es achtzehn Monate später nichts, worüber sich die Amerikaner einig wären. «Wenn überhaupt, sind die Dinge sogar noch schlimmer geworden.»

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